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Die Welt · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Article
Gebete für Zion - eine Gotteslästerung
Date
1902-04-25
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 f9DH* Wett^ tfr. 17 rung"! Was sollen die Hasser sagen, wenn sie es hören, dass das, was die gesammte Nation gebetet hat, eine Gotteslästerung gewesen ist? Wenn das Gebet im Munde des Beters eine Gotteslästerung ist, was ist dann der Eid auf der Zunge des Schwörenden? Was ist dann der Eid, den man schwört im Namen des Gottes unserer Väter? Ist unser Gebet eine Gotteslästerung, ist unser Eid eine Gotteslästerung? Wir sagen aus vollstem Herzen und voller Entrüstung gegen den Herrn Professor „Nein!" Was thut's denn auch, wenn der Herr Professor sagt, dass die Gräber unserer Väter in Zion und Jeruscholajim zum Aufenthaltsorte von Schnorrern geworden wären? Sind diese etwa schlimmer als die Schakale, welche die Gräber umschleichen, schlimmer als die Füchse, die in das Allerheiligste eindrangen? Wir suchen in Jeruscholajim keine Reliquien, wir suchen dort nur unsere Ideale; wir finden sie dort und wir sollen sie dort finden! Wie wir sie uns nicht nehmen lassen, die Erinnerung an die leibliche Mutter, die einst zuerst das Wort Gottes uns gebracht hat, und die das Kind in seiner zartesten Kindheit gelehrt hat: „Höre, Israel, der Ewige ist ein einig-einziger Gott," so wie wir sie uns nicht nehmen lassen wollen, die Erinnerung an die geliebte leibliche Mutter, so wollen wir uns auch nicht nehmen lassen die Erinnerung an unsere geistige Mutter „Zion", die uns in heiligen Stunden die erhabenen Vorbilder unserer Vorzeit zeigt. Wenn der Jude in ernstem, reinem Gebete sein besseres Selbst wiederfindet, dann wendet er sich nach Zion, dem Heim seines einstigen besseren jüdischen Selbst. Steht das im Widerspruche mit dem Geiste der Vaterlandsliebe? Er führte Nehemia und Daniel als Beispiel für die Vereinigung von Zionsideal und Vaterlandsliebe an. Professor Virchow habe es vor 20 Jahren im Deutschen Reichstage ausgesprochen, dass es den Judenhassern ganz speciell um die Vernichtung der jüdischen Religion zu thun sei, und gegen die jüdische Religion wende sich auch die Auslassung des Herrn Professor Geiger. Wir sollen also nach dem Wunsche dieses Herrn unsere nach Jerusalen geöffneten Fenster schliessen und alle diese Gebete, die unsere Väter und Mütter beteten, zerstören, weil sie eine Gotteslästerung seien. Wir lästern nicht Gott; wir predigen auch nicht, wie die modernen Kanzelredner, zum Fenster hinaus, wir beten nicht zum Fenster hinaus, aber unsere Fenster sollen gegen Jeruscholajim und Zion geöffnet bleiben^ Der Redner stellte dann den von seinem Sohne Professor Geiger citierten Abraham Geiger mit dessen eigenen Ausführungen in Widerspruch, die Abraham Geiger vor 42 Jahren, am 22. Kislew, in einem Briefe an seinen Freund Blumenfeld geschrieben hat. Am Schlüsse dieses Briefes erinnerte Geiger an das bevorstehende Chanuka-Fest, welches er mit besonderer Freude begehe, und aus welchem er den Zuruf vernehme : $,Seid muthig, seid stark, verzaget nicht, haltet fest an Eurem Gesetz und an Eurer Hoffnung/ Damals hätte der gelehrte Abraham Geiger den Blick gen Zion gewendet und das Gebet um das Wie der aufblühen von Zion und Jerusalem nicht für eine Gotteslästerung gehalten. „ Unsere Gesetze und unsere Hoffnungen wollen wir festhalten", meinte er damals. Mögen unsere Gegner denn überzeugt sein, wir träumen nicht, wir seien nicht die Männer der romantischen Phrasen, aber wir machten die Zukunft Israels zu seiner Gegenwart. Israel ist heilig verpflichtet, auf der Zeit warte zu stehen und aus der Zeit heraus die Mittel für die Erhalfung des jüdischen Volkes zu suchen und zu finden. Mit der Aufforderung, uns die Ideale nicht nehmen zu lassen und das Banner Zions zu entfalten, schloss der Redner seine Ausführungen unter den Worten: „Und der Geist Gottes trägt dieses Banner, und das Banner trägt die Inschrift: „Uwö lezijaun gauel." Wiederholter stürmischer Beifall lohnte diese Ausführungen. Herr Dr. Klee nahm darauf das Wort und stellte nochmals das Verhältnis des gesetzestreuen Judenthums zum Zionismus dar. Er entwickelte, wie das gesetzestreue Judenthum absolut keine Veranlassung habe, sich ablehnend dem Zionismus gegenüber zu verhalten, und wie er sich freue, einer Versammlung wie der heutigen beizuwohnen, welche wiederum den Nachweis führe, dass es eine Reihe von gemeinsamen Arbeitsmöglichkeiten und verbindenden Ideen zwischen der conservativen Richtung im Judenthum und dem Zionismus gebe. Er beantragte dann folgende Resolution, die von der mehr als t au s e n d k ö p f i gen Versammlung einstimmig unter begeisterten Zurufen der Anwesenden angenommen wurde: „Die heute im Saale des Handwerkervereins zu Berlin von der B. Z. V. berufene, von vielen Hunderten Berliner Juden besuchte Volksversammlung legt Protest ein gegen die schmähliche Verunglimpfung jüdischer , Gebete um Zion und Jerusalem durch den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde Herrn Prof. Dr. Ludwig Geiger und geloben unentwegte Treue dem uralten jüdischen Zions-Ideal," An der Discussion betheiligten sich unter anderen die Herren Dr. W o h 1 b e r g, L e v y, Auerbach u. s. w. u. s. w. Herr W e d e 11 forderte im Anschluss an eine Aeusserung, die er Herrn Behr gegenüber in einer Versammlung des Synagogen-Verbandes gethan hat, den Zionismus auf, auch dann nicht zu fehlen, wenn von anderer Seite aus ähnliche Kundgebungen veranstaltet würden, und sprach den Veranstaltern des heutigen Abends Dank aus für das mannhafte Eintreten für die alten Zions-Ideale. Wenn wir diesem Berichte nun noch kurz die Bemerkung hinzufügen, dass eine Reihe von solchen hervorragenden Vertretern des gesetzestreuen Judenthums, die der zionistischen Bewegung bisher nicht besonders freundlich gegenüberstanden, an der Versammlung theilgenommen haben, so werden Sie es gerechtfertigt finden, wenn ich den moralischen Erfolg, den der Zionismus? mit der Protest- Kundgebung erzielt hat, für einen ungetheilten halte." Josef in Aegypten. Von Heinrich Brugsch-Pascha. (Schluss.) Die Fremden, unter welchen die biblischen Chronologen und Geschichtsforscher aus den ersten Jahrhunderten, vom jüdischen Schriftsteller Josephus an bald Araber, bald Phönizier, sogar die Hebräer selber verstehen, wurden auf den ägyptischen Denkmälern einfach als Ausländer bezeichnet, so dass sich über ihre Herkunft nichts sagen lässt. Auch ihre bei den Schriftstellern erhaltene Bezeichnung als „Hirten" ist zu allgemein, um über das damit gemeinte Volk eine Aufklärung zu bieten. Erst die von Josephus angeblich aus ägyptischer Quelle geschöpfte Ueberlieferung, dass jene Fremdkönige den Namen Hyksos geführt hätten, wofür er die Uebersetzung „Hirtenkönige" gibt, „die einige für Araber hielten," enthält allerdings einen neueren Hinweis auf die, Herkunft d. s in Rede stehenden Volkes, da im Altägyptischen die anklingenden Worte Hik-Schasu oder -Schos so viel besagen als „König der Araber" oder eines sonstigen im Osten von der ägyptischen Grenze an bis nach Edom und im Norden über Palästina und Syrien hin zerstreuten Wandervolkes von Beduinen. Auf alle Fälle waren die Fremden vom Osten hergekommen, wie es eine bei Josephus im Auszuge mitgetheilte Stelle aus dem verloren gegangenen, griechisch geschriebenen Werke des ägyptischen Geschichtsschreibers Manethos bestätigt. Wer waren aber jene Hik oder ^Könige* der Schasu? Die Dunkelheiten, welche auf der Herkunft der Hirtenkönige lagen, haben sich zu lichten angefangen, seitdem merkwürdige Denkmälerfunde in Unterägypten auf dem Gebiete der alten Städte Tanis und Bubastis und in der Landschaft des ehemaligen Möris-Sees (im heutigen Fajum) Bildsäulen und Androsphynxe von den Hirtenkönigen an das Tageslicht gebracht haben. Ihre Gesichtszüge und der Knochenbau des Kopfes, welche Virchow einer gründlichen Prüfung unterzogen hat, lassen über den turanischen Ursprung der einstmals Lebenden keine Zweifel mehr aufkommen, und es ist ein richtiger Vergleich, wenn ein Gelehrter sie gleichsam mit einem Federstriche als die TürkenderV orzeit gekennzeichnet hat. Der Name Apophis, nach seiner ägyptischen Umschreibung A p o p i, bedeckt die Mehrzahl der gefundenen Bildsäulen und bestätigt, was ein ägyptischer Papyrus von der Existenz dieses fremden Herrschers im unteren Aegypten gemeldet hat. Er hatte unter anderem sich die an dem Unterlaufe des pelusinischen Nilarmes gelegene alte Stadt Haware zü seiner Residenz ausgewählt, die ägyptische Sprache und Schrift und die ägyptische Cultur bis zur Hofhaltung hin angenommen, aber von den ägyptischen Gottheiten nur

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