Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Die # Welt" Seite 9 Gäste, auch Damen, herzlich willkommen. — Anmeldungen für die zu gründende Ortsgruppe Ottakring-Hernais übernimmt unser Vertrauensmann Coli. Max Koppel, XVII., Frauengasse 6. Berichte. Sopotzkin. Aus New-York meldet uns Herr H. L. Selikowitz, Secretär des Vereines „Admirers of Z i o n", dass auf Initiative des Vereines ein neuer Verein gegründet ist mit dem Namen "^b rvtalpn muH« »v e rbindung der Cultusgemeinden zuZion«, mit dem Zwecke, alle Gemeinden in Amerika zu ermahnen, sich an die zionistische Bewegung anzuschliessen, und denSchekel zu steuern. Dieser Verein besteht schon aus mehr als 50 jüdischen Gemeinden in New-York. Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. K1 i n (Schwiegersohn des Directors Hirsch aus Frankfurt a. M.) steht an der Spitze. J. Marcus. Köln. (Jüdis cherTurnverein.) Mit seinem ersten Turnabend eröffnete am 26. März der neubegründete Jüdische Turnverein seine praktische Ihätigkeit. Constituiert am 11. März nach dem Muster des Jüdischen Turnvereins „Bar Kochba" in Berlin, liess es sich der Verein angelegen sein, so bald als möglich an seine Hauptaufgabe zu gehen. Fürs erste müssen wir mit der kleinen Gymnasialturnhaile in der Marzellenstrasse vorlieb nehmen, die leider schon am ersten Abend bei der grossen Zahl der Erschienenen, besonders bei den Freiübungen nur knapp für uns ausreichte. Die uns zugesagte grössere städtische Turnhalle werden wir wegen einiger nöthiger neuer Anlagen erst in einigen Wochen beziehen können. Der Verein zählt bereits 54 Mitglieder. Hoffen wir, dass der Verein auch weiterhin wachse, blühe und gedeihe und recht bald der Tummelplatz der gesammten jüdischen Jugend Kölns werde. Briefe sind zu richten an Herrn L. Abraham, Thürmchenswall 35. Graz. („Verein Zion") Die am 24. März 1. J. vorgenommenen Wahlen in den Vorstand ergaben nachstehendes Resultat: Obmann: Herr David Stern (V i c epräses der Cultusgemeinde), dessen erster Stellvertreter: Herr Bernhard Biller (Präses der Cultusgemeinde), dessen zweiter Vicepräsident: Culusrath Herr Bernh. Neumann, Cassiere: die Herren Dr. Bela Schick und Isidor A g 1 ar, Schriftführer : Herr Oscar Fiedmann, Hevisor: Herr Professor Adolf Frucht. — Handelskamm erwählen. Die hiesige jüdische Kaufmannschaft hat sich — ein Novum in Graz — durch Aufstellung erprobter Männer an den Handelskammerwahlen selbständig betheiligt. Die Zählcandidaten (ein Durchbringen war ja von vornherein ausgeschlossen), die Gesinnungsgenossen Herr Bi 11 er und Herr Stern, vereinigten die Stimmen sämmtlicher wahlberechtigten jüdischen Kaufleute auf sich. Wir schreiten vorwärts. O. F. Basel. Die „Zionistische Vereinigung Basel" veranstalte am 22. März abends in den historischen Sälen des Stadtcasioos eine Vereinsfeier, die sehr stark besucht war. Einem abwechslungsreichen Programme von 8 Nummern, meist zionistischen Inhalts, folgte ein flotter Ball. Für den Nationalfonds kam ein ansehnlicher Betrag zusammen. M. L. (Nachdruck verboten.) Chacl Gadja. Von Israel Zangwill. (Autorisierte Uebersetzung.) Und es soll geschehen , wenn Dich Dein Sohn künftig fragt und spricht: Was ist das? so sprich zu ihm: Mit gewaltiger Hand hat mich der Ewige geführt aus Aegypten aus dein Hause der Knechtschaft. Und . . . der Herr tödtete alle Erstgeburt im Lande Aegypten . . . aber alle Erstgeburt meiner Söhne löse ich. Exodus XIII., 14. 15. Chad Gadja! Chad Gadja! Ein Lämmchen! Ein Lämmchen! Der Seder nahte seinem Ende. Der Vater war beim merkwürdigen chaldäischen Recitativ angelangt: Ein Lämmchen! Ein Lämmchen! Es kaufte sich mein Vater; Zwei Suse galt der Kauf — Ein Lämmchen! Ein Lämmchen! Der junge Mann lächelte sanft ob der Sonderbarkeit der Situation: Der alte Vater, der Director einer Schiffahrts-Gesellschaft im modernen Venedig, recitierte — in einen bequemen Rock gehüllt und, der Vorschrift gemäss, auf weiche Kissen gestützt — nicht bewusst des seltsamen Contrastes, auf ehaldäisch; Da kam voll Tück und Hader Die Katz' und frass es auf; Das Lämmchen, das Lämmchen! Er war neugierig, was ihm wohl sein Vater nach Beendigung des Seders sagen würde. Er war, von Wien kommend, erst während des zweiten Theiles eingetreten — wie er gewohnt war, ohne vorherige Anfrage oder Ankündigung. Er war sehr unangenehm überrascht, als er erkannte, dass es Passah-Abend war und die Feier genau so sich abspielte, wie zur Zeit, da er ein Knabe gewesen war. Die Seltenheit seiner Besuche bei seiner Familie liess den Zufall, gerade in diesem Augenblicke zu ihnen hineinzustolpern, seltsam erscheinen. Als er seinen Platz im Familienkreise, schweigend, und ohne die Gebete durch Begrüssungen zu unterbrechen, einnahm, da durchzuckte sein Gehirn die lebhafte Vorstellung von der Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Lebensauffassungen und Lebensarten. Es rollten an seinem Geiste vorüber: die witzige französische Novelle, die ihn im Zuge lebhaft amüsiert und in ihm das Gefühl erweckt hatte, dass das menschliche Leben doeh auch seine Freuden habe; der rothgoldige Sonnenuntergang über den noch schneebedeckten Bergen; die Heimfahrt in der Gondel über den Canal Grande bei Mondenschein, wrobei ihm die wohlbekannten Palazzi so traumverloren und geheimnisvoll erschienen, als wäre er nicht in dieser Stadt, der Königin des Meeres, geboren worden. In seinen Ohren summten noch die lustigen "Weisen aus Goldmarks neuer Oper, die er am Abende vor seiner Abreise im Wiener Opernhaus gehört hatte — und dann dieser unvermittelte Uebergang in den Orient, in längst vergangene Jahrhunderte, da Jehovah sein auserwähltes Volk aus Aegypten herausführte und für alle kommenden Geschlechter das Gebot aussprach, diesen übereilten Aufbruch in die Wüste durch ungesäuertes Brot zu feiern. Wahrscheinlich war der Vater durch diesen offenkundigen Beweis der Indifferenz seines Sohnes gegenüber den Traditionen, die er selbst seit jeher strenge befolgte, sehr betrübt, obschon der alte Mann seit langer Zeit schon zur bitteren Erkenntnis gekommen war, dass seine Wege nicht seines Sohnes Wege und seines Sohnes Gedanken nicht seine Gedanken waren. Er wusste es nicht erst von heute, dass sein Erstgeborener ein Sünder in Israel war, ein „Epikuros", ein Spötter und selbstsüchtiger Sinnenmensch, ein Freund des fieberhaften Lebens in den europäischen "Grossstädten, ein Verächter der Speisegesetze und -Verbote. Der Sohn sah sich in diesem Augenblicke durch die Augen seines Vaters an, und das schwache Lächeln, das um seine sinnlichen Lippen spielte, wurde bitter. Seine langen weissen Finger zuckten nervös. Und doch dachte er in kindlicher Liebe von. seinem Vater: er bewunderte seine Umsicht, weichte ihm Wohlstand gebracht hatte, die Grossmuth, mit der er denselben verwendete, die Treue, mit der er dessen Versuchungen widerstand, und den Seder feierte und diese Familienversammlung ebenso traulich und einfach-fromm gestaltete, wie zur Zeit, da das alte Ghetto und nicht dieser Palazzo am Canal Grande seine Behausung war. Der Becher mit Wein für den Propheten Ehjah stand ebenso naiv-erwartungsvoll da, wie ehedem. Seiner Mutter Antlitz erstrahlte in Liebe und Güte; seine Brüder und Schwestern — Schösslinge eines kräftigen