Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Sehr geehrter Herr Redacteur!
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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ffr. 16 „Die # Welt*« Seite 7 Anregungen für den Nationalfonds. Wien, den 8. April 1902. Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich gestatte mir, für den Nationalfonds Folgendes vorzuschlagen : 1. Mögen diejenigen Gesinnungsgenossen, die Einüuss auf die Synagogen-Verwaltungen ihrer Wohnorte haben, dahin wirken, dass keinerlei Affichen in den Synagogen, Bathe-Midrasch etc. angebracht werden dürfen, die nicht mit einer bestimmten Anzahl von Nationalfonds- Marken — zwei oder drei — gestempelt sind. Die Marken sollen bei der Synagogen-Verwaltung zum Kaufe aufliegen und auf den Affichen mit der Stampiglie der Synagogen- Verwaltung abgestempelt werden. 2. Möge in allen zionistischen Schulen, Musterchadarim etc. eingeführt werden, dass sämmtliche Verordnungen, Anschläge, Ausweise, Zeugnisse, die von der Direction ausgegeben werden, mit Nationalfonds- Marken abgestempelt werden müssen. Hochachtungsvoll Benjamin Lipschitz. * Jüdischer Nationalfonds. Das goldene Buch. Herr Michael Wlad. Maidanski in Ekaterinoslaw 10 Pfund Sterl. Societate „ChoweweZion", Sectia Samuel in Giurgiu 250 Lei. Verein „Agidas Jerusalem" in Vaslui 253 Lei. ^#e1r=@bi*oi)il<. Zionistisches aus einer alten Abwehr-Broschüre. Wenn man in Bibliotheken Broschüren-Sammlungen politischen Inhaltes aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts durchstöbert, stösst man zuweilen auf hochinteressante „Judaica", wenn man diese bibliographische Bezeichnung auf Schriften anwenden darf, die sich in ganz unwissenschaftlicher Art, aber darum oft umso anziehender mit Juden und Judenthum beschäftigen. Einen solch merkwürdigen Fund spielte uns dieser Tage der Zufall in die Hände. Es handelt sich um eine Flugschrift, die den Titel „Fürst Bismarck und der Antisemitismus" trägt, von einem ungenannten Verfasser herrührt und im Jahre 1886 in Wien erschienen ist. Der Verfasser bekennt sich als „vorurteilsfreien Christen" und führt dem Fürsten Bismarck auf 150 Octavseiten zu Gemüthe, dass der Antisemitismus wirklich die „Schmach des Jahrhunderts" sei, und dass es darum gar nicht schön und human von ihm wäre, Connivenz gegen die antisemitische Strömung zu üben oder ihr gar Vorschub zu leisten. Also eine „liberale* Abwehrbroschüre nach bekannten Mustern, wie deren mindestens 24 auf ein Dutzend gehen. Und dennoch finden sich in dieser Schrift vereinzelte Stellen, in denen sich der Autor über die Seichtigkeiten der gewöhnlichen „unbefangenen" Argumentation liberaler Christen erhebt und ein überraschendes Verständnis für die wahre Stellung Ahasvers unter den Völkern bekundet. So sagt er zum Beispiel auf S. 121 ff. wörtlich: „Aber der Tieferblicken de muss mit Recht fragen . . . woher es komme, dass ein solcher Trieb, die Juden zu verachten, schon seit Jahrhunderten und bei den mannigfaltigsten Völkern überhaupt vorhanden ist? . . . Man kann doch wirklich nicht so ohneweiters annehmen, dass zum Beispiel die Arier Europas gerade nur den Juden gegenüber jedes Rechtsgetühl mit so leichtem Herzen verleugnen? Die Antwort auf diese in der That wichtige, Völker psychologische Frage ist folgende: Der wahre Grund dieses jedes Rechtsgefühls barenHochmuths liegt in der historischen Thatsache, dass die Juden seit so langer Zeit nirgendwo auf dem ganzen Erdball einen selbständigen Staat besitzen. Es gibt kaum eine einzige Nation ... die nicht als Prüfstein des Wertes einer Nationalität oder eines Stammes die Existenz desselben oder wenigstens eines Theiles desselben als politischer Staat . . . ansieht Wie ein Hagestolz so betrachtet wird, als ob er seine Bestimmung als Mann nicht erfüllt hätte und daher nicht als „ganzer Mann" geachtet wird . . . genau so ist es mit der Auffassung einer Rasse oder einer Nationalität, die irgendwo „ihren" Staat hat. Aus diesem Defect, der manchen Vernünftigen wie der Mangel eines Schattens bei Peter Schlemiehl erscheint, ergibt sich nun die eigentümliche Miss achtun g, welche die Juden inmitten der sie umgebenden Völker zu erleiden haben. Man stelle sich aber vor, es existiere oder entstünde heute irgendwo ein jüdischer Staat. Sofort wäre eine Art völkerrechtlichen Respects vor dieser „irgendwo" existierenden politischen Macht vorhanden. Ein Staat, nicht grösser als irgend ein Schweizer Canton, würde schon vollkommen genügen . . . Wenn man dann . . . wüsste . < . dass dieser Staat, so klein er auch ist, doch ganz erträglich in der sogenannten grossen Politik mitintriguieren kann, dass er, respective sein pfiffiger Minister des Aeussern, religiöse und anthropologische Principien geschickt zu verwerten versteht, um sich mit diesen und jenen Völkerschaften, etwa in Hocharabien und Aegypten ... zu alliieren u. s. w. — dann würde man sich bedenken . . .; jede Beleidigung eines Juden wäre ja dann nicht mehr bloss eine unmoralische Handlung . . . sondern ein Fall für eine völkerrechtliche Reclamation. Nun aber ist jener Staat eben nicht vorhanden . . . und infolge dessen wird die jüdische Rasse . . . als eine inferiore und die einzelnen Juden von der nichtjjüdischen Umgebung so angesehen, wie heute noch eine philiströse, rücksichtslose, kleinbürgerliche oder bäuerliche Bevölkerung einen Findling . . ., der „kein Heim", genauer, der keinen Annehmer hat, ansieht und behandelt." — Interessant ist übrigens, dass der Autor in einer Fussnote zu diesen Ausführungen die Behauptung aufstellt: „Juden dürften wohl kaum Lust(!) haben, factisch einen Staat zu gründen." Aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe. Vor Goethes Fenster stand ein kleiner bronzener Moses, eine Nachbildung des berühmten Originales von Michel Angelo. Die Arme erschienen mir im Verhältnisse zum übrigen Körper zu lang und zu stark, welche meine Meinung ich gegen Goethe offen aussprach. „Aber die beiden schweren Tafeln mit den zehn Geboten!" rief er lebhaft. „Glaubt Ihr denn, dass es eine Kleinigkeit war, die zu tragen? Und glaubt Ihr denn ferner, dass Moses, der eine Armee Juden zu commandieren und zu bändigen hatte, sich mit ganz ordinären Armen hätte begnügen können?" Eine Spende Dr. Herzls. Herr Dr. H e r z 1 hat für eine Bemühung, für die er sich nicht bezahlen lassen wollte, ein Honorar von viertausend Kronen erhalten. Er hat von diesem Betrage eintausend Kronen dem Nationalfonds und dreitausend Kronen für zionistische Zwecke gespendet. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Med. Dr. Martin Engländer: Die auffallend häufigen Krankheitserscheinungen der jüdischen Rasse. Wien 1902. J. L. Pollak, Mariahilferstrasse 140. Unser bestbekannter und vielthätiger Gesinnungsgenosse hat einen unter diesem Titel gehaltenen Vortrag als Broschüre herausgegeben. Es ist das gleichsam eine Ergänzung des aufseheneregenden Referates Prof. Dr. Mandelstamms auf dem IV. Congresse in London: „Ueber die körperliche Hebung der Juden". Denn Mandelstamm hatte in seinem Referate gemeint, „die erbärmlich schwache Leibesbeschaffenheit der Ghettojuden ist das ausschliessliche Product ihrer trostlosen socialökonomischen Lage; da die westlichen Juden Länder durchaus nicht schlimmer daran sind, als ihre arischen Landsleute, brauche ich die Juden der westlichen nicht zu berücksichtigen/ Dem gegenüber weist Engländer in leichtfasslicher, dabei aber durchaus nicht oberflächlicher Darstellung, gestützt auf die bedeutendsten medicinischen Autoritäten der Gegenwart, nach, dass bei den Juden gewisse Krankheiten in unzweifelhaft weit grösserem Verhältnisse auftreten, als bei ihren arischen Landsleuten; es sind dies hauptsächlich alle Erkrankungen des Centrai-Nervensystems, wie Nervosität, Neurasthenie, Hysterie und Irrsinn, dann Erkrankungen des Stoffwechsels (Diabetes) und schliesslich grüner Star (Glaukom). Der Autor erklärt alle diese Krankheiten begründet durch den weit schwereren Concurrenzkampf, den die Juden um ihre Existenz führen müssen und begründet damit aufs neue die Berechtigung, ja Nothwendigkeit der zionistischen Bewegung. Das Büchlein ist ein wahres Volksbuch, das jeder Jude lesen sollte. Es muss ihn zum Nachdenken stimmen. —k.