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Die Welt · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Article
Josef in Aegypten
Date
1902-04-18
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 „Die $ Welt" Seite 5 kunst bleiben und durch Inhalt und Form ihre Wirkung auf die Seele des Hörers und Lesers niemals verleugnen. Selbst ein Voltaire fühlte sich von der Macht ihres Eindruckes zur Bewunderung hingerissen und der Stifter des Islam, der Prophet Mohammed, bezeichnete sie geradezu als die herrlichste aller Geschichten. Die Geschichte Josefs spielt sich der Hauptsache nach auf dem Boden Aegyptens ab, genauer in der namentlich nicht aufgeführten Residenz PharaoSi Die eheliche Verbindung Josefs mit Asnath, der Tochter Potiphars, des Priesters zu On, der (von den Griechen Heliopolis genannten) „Sonnenstadt", versetzt den Schauplatz der Begebenheiten mit grosser Wahrscheinlichkeit nach der südöstlichen Seite der unterägyptischen Landschaft. Der alte heliopolitische Gau, an dessen südlichster Grenze die heutige Khalifenstadt Cairo, nicht fern von der alten Sonnenstadt, gelegen ist, stiess an seiner nördlichsten Grenzmark an den von den Griechen in Arabia umgetauften Gau. Als seine ägyptische Bezeichnung haben die Denkmälerforschungen den Namen Gosem mit aller Deutlichkeit nachgewiesen» Dem letzteren entsprang die in der Bibel als Gosen aufgeführte Landschaft, wofür die griechische Uebersetzung der Siebenzig auch die richtigere Form in der Gestalt Gosem hat. Die dazu gehörige Hauptstadt, der Mittelpunkt des Gaues Gosem, führte den Namen Pha-Gosem, das heisst, „zu Gosem gehörend". Aus dieser ist im griechischen Munde der wohlbekannte geographische Eigennahm e Phakusa hervorgegangen. Infolge der Nachgrabungen des Dr. Naville (im Auftrage und auf Kosten einer englischen Bibelgesellschaft) ist gegenwärtig die Lage von Phakusa durch aufgefundene Denkmäler mit Inschriften auf das genaueste bestimmt worden. Das Wadi Tumilat, welches der gegenwärtige Süsswassercanal von Cairo nach Suez in der geraden Richtung von Westen nach Osten durchfliesst, war in den Zeiten des pharaonischen Alterthums eine zum Gau Arabia gehörige Landschaft, also das nach Osten vorgeschobenste Stück des selben, durch welche von Morgen her und somit von der Wüste der Landenge von Suez aus, auf der grossen Karawanenstrasse, der Weg von Palästina nach dem Deltagebiete Aegyptens führte. In der Nähe des heutigentages mit der Linie des Suezcanals verschmolzenen Krokodilsees (Birket et-timsach), welcher im Alterthum die Spitze, das heisst den nördlichsten Busen des „Schilfsees" oder des Rothen Meeres bildete, befanden sich Mauern, Festungen und Proviantmagazine mit starken Umwallungen und Besatzungen, um die offene Grenzmark an diesen Stellen zu decken und den unbefugten Einzug und Auszug nach oder von dem eigentlich ägyptischen Gebiete unmöglich zu machen. Unmittelbar am Kopfe der Strasse und in der Nähe des Krokodilsees, und zwar westlich von demselben, hatte Ramses II. der Grosse zu seiner Zeit eine festungsartige Stadt mit einem „Vorrathshause" angelegt, welcher er den heiligen Namen Pi-tum („Stadt des Sonnengottes Tum*) verliehen hatte, während sie im Volksmunde bei den Aegyptern kurzweg die Bezeichnung Ero, dass heisst „Vorrathshaus", führte. Die Griechen machten He ro daraus und fügten später Polis oder Stadt hinzu, so dass daraus Heroonpolis wurde. Die aufgedeckte und ihren alten Namen nach wiedergefundene Stadt Pitum oder Ero am Ostende des Wadi Tumilat, etwa eine Meile vom heutigen Orte Ismaila entfernt, liefert die untrüglichsten Beweise, dass noch um die Zeit des ersten Jahrhunderts unserer Aera nicht der Busen von Suez, sondern der heutige sogenannte Krokodilsee, etwa in der Mitte des Suezcanals, die nördlichste Bucht des Rothen Meeres darstellt. Die alte Karawanenstrasse von Osten her führte an der Spitze dieser Bucht vorbei, lag also in der Nähe des biblischen Schilfmeeres. Hatte man damals „die Mauern" an der Grenzmark als Freund oder Feind hinter sich gelassen, so gelangte man nach einer am Ausgange der Schlucht des Wadi Tumilat gelegenen Landschaft Namens Thukot; es ist das in der Bibel erwähnte Gebiet von Sukkoth, in dessen Mitte sich die befestigte Vorrathsstadt Pitum oder Ero- Heroonpolis, der eigentliche Schlüssel zum Eingang nach Aegypten, erhob. Im vierzehnten Jahrhundert vor Ramses IL, dem Adoptivvater Moses, in ein Proviantmagazin umgewandelt, blieb sie für jeden unpassierbar, dem nicht die pharaonische Genehmigung zum freien Durchzuge gestattet worden war. Als Josef in Aegypten weilte, war keine Spur weder von Pithom noch von Ramses vorhanden, denn beide Städte wurden, wie erwähnt, erst von Ramses II. lange nach Josefs Zeit und während der Moses-Epoche gegründet. Nur die geographischen Bezeichnungen Gosem und On gehören der josefinischen Zeitgeschichte an. Unter welchem Königshause und unter welchem Pharao fanden die in der Bibel geschilderten Ereignisse, in denen Josef eine Rolle spielte, statt? Diese Frage zu beantworten, muss-die erste Sorge sein, um uns in den Stand zu setzen, alle übrigen Einzelheiten der Ueberlieferung einer näheren Prüfung zu unterziehen. Um das Jahr 800 lebte in Constantinopel ein ebenso gelehrter Mönah als bissiger Kritiker, der spätere Vice- Patriarch Georg, gewöhnlich der Syncellus, dass heisst Zellgenosse (des Patriarchen) genannt, welcher sich der Aufgabe unterzog, die biblische Chronologie mit strenger Gründlichkeit zu erforschen. Indem er dabei auf seine Vorgänger zurückgieng, wurde er unbewusst zum Ueberlieferer mancher Stellen, die sonst verloren gegangen sein würden, aus den Werken bedeutender heidnischer und christlicher Geschichtsforscher auf chronologischem Gebiete. Gelegentlich macht er einmal die Angabe, dass nach einer allgemein verbreiteten Ansicht Josef unter keinem einheimischen Pharao, sondern unter dem König Apophis aus einer Hyksos-Dynastie, mit anderen Worten in der Zeit der ersten und ältesten Herrschaft fremder, ausländischer Fürsten, nach Aegypten gekommen und von demselben zu hohen Ehren und Würden erhoben worden sei. Nach einer biblischen Ueberlieferung, deren Wert von der Mehrzahl der Ausleger anerkannt wird, waren seit Josefs Zeit bis zum Auszuge der Kinder Israels 400 Jahre verflossen. Daneben wird nach anderer, vielleicht genauerer Berechnung die Zahl 430 angeführt. Da die wissenschaftliche Denkmäler-Forschung es festgestellt hat, dass Ramses II« als der Pflegevater Moses' und als der Erbauer der Städte Pithom und Ramses angesehen werden muss, so ergibt sich die Zeitgenossenschaffc beider von selber, nur mit dem Unterschiede, dass der Vater einer Tochter, welche das im Schilfgebüsche ausgesetzte Moses-Kind findet, etwa um dreissig Jahre jünger als das Kind gewesen sein muss. Die Denkmäler melden, dass der König als zehnjähriger Knabe den Thron bestieg und bis in sein 67. Regierungsjahr hinein gelebt hatte. Ramses II. hatte sonach ein Alter von 77 Jahren erreicht Die Untersuchung seiner im Museum von Cairo aufbewahrten Mumie hat ein so hohes Alter an den äusseren Merkmalen, welche die Leiche an sich trägt, durchaus bestätigt. Da Moses sich bereits eines Lebensalters von 80 Jahren erfreute (rechnet man nach Mondjahren, so würden diese 77 Sonnenjahren und zehn und einem halben Monate entsprechen), als er vor Pharao stand, um ihn aufzufordern, die Kinder Israels nach der Wüste ziehen zu lassen, so kann Ramses IL unmöglich der Pharao des Auszuges gewesen sein, sondern sein Sohn Menephthes, wie allgemein angenommen wird, oder bei einer vorausgesetzten kurzen Regierung desselben der nächste Thronerbe des letzteren. Nach den chronologischen Ansätzen der ägypti-

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