Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Pessach
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S „Die # Welt" Nr. 16 hänge in der Seele unseres Stammes, und nur wer uns liebt, kann uns verstehen — sind.Persönlichkeiten von ausgeprägtester Bedeutung; sie haben eingegriffen in das starke Leben ihrer Tage, und auf den Blättern der jüdischen Geschichte dauern ihre Namen: Don Isak Ab arbane 1, der Hohe Rabbi Lob, der Gaon von Wilna. — Schwerer jedoch als unser eigenes historisches Abstrahieren wiegt die reale Argumentation unserer Verfolger. Es ist kein Zufall, dass gerade an unserem Freiheitsfeste die Blutlüge ihre wahnsinnige Stimme erhebt. Der Instinct gewordene Judenhass spürt, dass in diesem Feste die Wurzeln unserer Kraft liegen. Deshalb fallen die grossen Leiden der Diaspora in diese Zeit, die Hetzen und Metzeleien. Aber auch die grossen Thaten; denn man mag Märtyrerthum und Opfertod wie. immer werten, sie sind nur eine der vielen Formen unseres Wollens und unseres Thuns. Alle diese Erscheinungen und Thatsachen sind aus unserer Freiheit emporgewachsen. Was die Freiheit, die leibliche und geistige, für uns war in der ganzen Länge unseres historischen Daseins, das ist noch immer eines der am wenigsten erörterten Probleme des Judenthums, Und eines der wichtigsten; denn die Wandlungen unserer Freiheit sind unsere Wandlungen und ihre Höhepunkte sind unsere Höhepunkte. Dass wir uns in einer aufsteigenden Linie bewegen, dass die Heimatsdämmerung unseres Volkes kein Abend-, sondern ein Morgenroth bedeutet, das ist das Resultat der ganzen bisherigen Entwicklung und nicht etwa ein sentimentaler Glaube. Alle Kräfte, denen unser Stamm sein gegenwärtiges Leben und die Grösse in aller Vergangenheit dankt, alle Kräfte, deren monumentaler Ausdruck das Pessach ist, weisen nach dieser Richtung. Wer das Recht unserer neuen Zukunftsbewegung leugnet, wird consequenterweise auch unsere Vergangenheit und Gegenwart missdeuten und verdrehen. Wo kein Ziel ist, sind Irrwege oder keine Wege. Wer uns aber versteht, wie wir waren, muss uns anerkennen, wie wir werden wollen: ein Volk, ärmer an Leid und Thränen, frei und stolz wie das Andenken dieser Tage. Das wollen wir nicht vergessen. Die wunderbare Vergangenheit mag unsere Herzen höher schlagen lassen, und wir können stolz sein, wenn, wir das Lied lesen, das unsere Ahnen einst am Meere gesungen haben. Wir aber leben nicht die Zeit der Wunder, und unsere kühlen Tage wollen nüchterne Werke sehen. Seit Jahrtausenden gibt es Juden, die in lichtbestrahlten Sedernächten die Schauer des Gewesenen empfinden. Juden, die in keimenden Frühlingstagen für die Zukunft arbeiten, gibt es erst seit gestern. Worte verwehen, aber die ehrliche That auch des Kleinsten und Schwächsten ist unsterblich. Wenn die Hagada gelesen wird in den jüdischen Häusern auf dem weiten Erdenrund, dann mögen unsere Brüder daran denken, dass sie nicht nur ein Bericht ist, sondern auch ein Bekenntnis, Vergangenheitsthat und Zukunftswille. Aufopferung und Selbstverleugnung für unser Ideal, Arbeit lür Zion — das ist unsere Hagada. Das Fest der Freiheit. S. K. zugeeignet von Emil Obermk (Prag). O Allmutter Sonne, Du weckst das Schlafende zum Leben und gibst dem Samendie Kraft, die Erdenlast zu brechen, um in Freiheit zu athmen. In die Herzen der Erdgeketteten und Gebeugten strahlst Du Freude am Leben. Und hier oben, wo man die Todten begräbt und wohin die Leidenden weinen kommen — weinen um das Stückchen Freude, das da begraben wurde, und weinen um das Stück Leid, das weiter lebt — hier wirkst Du in Stille und schmückst die Gräber mit lebensfrohem Grün. Und einen Vogel weckst Du zum Singen. Er singt so schön. Ich lebe dort unten in der Stadt zwischen Menschen und Häusern und kenne weder Amsel noch Lerche. Nur das Gezeter der Spatzen, die um ein Korn raufen, und den widrigen Ton des Stares, der mit gekürzten Flügeln stolzen Schrittes in der eingebildeten Freiheit einherschreitet und alles nachkrächzt, kenne ich. Und das Gezwitscher der gefangenen Stubenvögel, deren Flügel lahm geworden sind und die doch nicht klagen, sondern an den Käfig sich gewöhnt haben. Sie singen nicht das Lied der Freiheit, sondern das Lied der Gewohnheit, und diese lieben die Menschen. Hier oben aber singt der Vogel Dir, o Sonne, ein Lied, Dir und dem Leben. Und die Cypressen und Trauerweiden nicken dazu---. Nur die Grabsteine bleiben still; die sagen so wenig: den Geburts- und den Sterbetag. Und doch liegt so viel dazwischen! Was wohl? Das sagt nur die Lerche und die Sonne: Freude und Freiheit. Aber die Menschen sind zu schwach dazu, und darum bauen sieKäfige,um, wie dieStubenvögel, amJRinge schwingend, mit Kleinem zufrieden, behaglich der Gewohnheit ein Lied zu singen; oder sie streiten wie die Spatzen um ein Krümchen Brot. Gib ihnen Kraft, o Sonne; Sinn für Leben und Lieben, damit sie ihre eigenen Herzen und nicht den Verstand anderer befragen. Ja, oben singen die Vögel den Todten ein Lied. Kommt, Ihr Lebenden, es zu hören! Kommt, und Ihr werdet leichteren Schrittes nachhause gehen. Kommt und weint Euch aus. Aber sie kommen nicht und tragen dort unten in der Stadt mit peinlicher Mühe ihre zufriedenen Mienen zur Schau, und nur nachts seufzen sie. Kommt und höret und sehet! Aber sie kommen nicht, denn sie wollen nicht hören und sehen, und sie ziehen rosige Brillen an und verstopfen die Ohren. Kommet und werdet frei! Aber sie lächeln zufrieden: sie lieben die Käfige. Nur nachts seufzen sie. Und die Mütter weinen, doch schämen sie sich der Thränen, und Du, Sonne, siehst nur Zufriedene, die nie murren----- Jetzt werden sie ihren Kindern erzählen von den längstvergangenen Tagen, wo es Sclaven gab, und von Moses, der die Knechte aus Mizraim führte. Leuchte in ihre Seelen, o Sonne, weck* in all den Sclaven die Lust zum Leben, den Muth zur Freiheit, mache ihr fühlend Herz stärker als ihren rechnenden Verstand: dann werden sie alle das Fest der eigenen Freiheit feiern. Wie uns Andere sehen. Wer noch so altmodisch ist, an Winterabenden bei der Oellampe zu studieren, dem ist es sicher mehr als einmal zugestossen, dass er, von dem Gegenstande seines Studiums vollständig -eingenommen, stundenlang die neckischen Launen der leuchtenden Flamme vergisst. Wenn dann ein Fremder das Zimmer betritt und den Weltentrückten durch einen Ausruf des Abscheues zur Gegenwart und unmittelbaren Umgebung zurückruft, da merkt der Träumer, wie übel ihm die Oellampe mitgespielt hat, und wundert sich, wie er so lange in dem übelriechenden, russigen, dunklen Zimmer aushalten konnte, ohne auch nur etwas zu merken. Dieser Tage ist mir solch ein wohlthätiger Ausruf an die verträumten Ohren gedrungen* Ein christlicher Schriftsteller, der von einem längeren Aufentbalte in Palästina und Syrien nach Europa zurückgekehrt ist,1) *) EL Rider Haggard, A Winter Pilgrimage. 2 Bände. Tauchnitz. 1902.