Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Auf den Feierstunden unserer „guten Tage" liegt derselbe Thränenschleier wie auf den Augen unserer Frauen und auf den Thaten unserer Männer; aber hinter den Thränen strahlen Sonnen und blicken Sterne. Schwach und leise klagen die Jordanwellen unser Leid; mächtig rauschen die Gedern von unserer Kraft und Freude . . * Dieses Doppelwesen der jüdischen Seele hat für uns nichts Zwiespältiges und Zerrissenes mehr. Für uns nicht: denn wir gehen nicht gleich ungezählten Genera^- tionen vor uns als Nachtwandler durch das jüdische Leben. Und heute nicht: denn niemals ist unsere Hoffnung auf eine Gesundung unseres Volkes so stark wie in diesen Pessachtagen, die gewesener und kommender Freiheit gelten. Denn in ihnen glüht unseres Stammes ganze Lebenskraft. Andere Völker feiern den Frühling in der Natur. Wir feiern den Frühling in unserer Geschichte, den grossen historischen Frühling, der vor mehr als 33 Jahrhunderten mit dem ägyptischen Auszuge anhob, und den Frühling, der seitdem tausendmal für uns wiedergekommen ist, das Keimen und Spriessen von Hoffnung und Zuversicht in den letzten Hütten unseres Stammes, So gut wie Baum und Strauch, gehört unser Bestehen zum Weltenlauf. Nur ein Volk, dessen Daseinsvoraussetzungen eminent irdische sind und dessen Zweck und Wollen zur Sonnenhöhe der Ideale ragen, kann von selbst und unbewusst diesen stolzesten Ausdruck für eine historische Rolle finden. Ohne diesen Ausdruck könnten wir den Freiheitshauch des Pessach gar nicht spüren. Das uralte historische Fest ist noch immer frei von der Versteinerung geschichtlicher Gedenkfeiern. Tausend goldene Fäden spinnen sich von Vergangenheit zu Gegenwart, und die Stimmung will wenig passen zu einer sich als Lebensauffassung breitmachenden Verneinung des religiösen und nationalen Judenthums. Bejahung und Kraft, das ist der Sinn unseres Freiheitsfestes. Deshalb zieht in den Sedernächten der Künder unserer Erlösung um jüdische Häuser und durch jüdische Herzen, ein Fürst wie die Titanen der deutschen Kaisersage und dabei der spiritus familiaris eines jeden Juden, Elia der Prophet, in dieser Gestalt die tiefste Schöpfung der meeres^ tiefen Golus-Phantasie. Deshalb sind die Äusserungen unserer Volksseele — die man schändet, wenn man sie Geremoniell nennt — in dieser Zeit tiefsinniger als jemals; wir essen das Brot des Elends, das Brot der Fremde nicht als Festgebäck und nicht als Feiertagskuchen^ sondern als Nahrung schlechthin^ ein Zeichen der Stärke, die entbehren kann und hoffen darf. Deshalb liest sich die Hagada, der Wanderpass unseres Volkes, wie ein Drama und Heldenlied; aus den altersgrauen Blättern weht jüdische Höhenluft, der ewig starke Athem grosser Zeiten. Aber mehr noch als Lebensgefühl und Kraftstimmung kann für uns in den Tagen dieses Festes liegen: Lebenswille und Lebensthat. So war es früher. Die Bibel, die von Schwärmerei nichts weiss, berichtet, abgesehen von der Wüstenwanderung, viermal von Pessach-Feiern: vor der Eroberung Kanaans durch Josua, unter den Königen Zidkia und Josia und endlich bei Esra. Das sind ausnahmslos Zeiten gesteigerter nationaler und religiöser Bethätigung gewesen, und unsere Ahnen haben damals an ihre Vergangenheit gedacht und für ihre Gegenwart gearbeitet. Oder ein näherliegendes Beispiel. Die fünf Männer in B'ne B'rak, von deren langer Disputation in der Sedernacht erzählt wird — sie memorierten keine antizionistischen Predigten für den nächsten Tag — haben sich nicht nur über das Daseinsproblem ihres Volkes erhitzt, sondern sind auch thatkräftige Helfer ihrer Brüder gewesen, die weite Reisen und schweres Geld nicht scheuten, um ihre Genossen zu unterstützen und die Interessen der Bedrängten zu wahren. Die schriftgelehrten Erklärer der Hagada endlich — es gibt merkwürdige Zusammen-