Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 15 (11.4.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-04-11
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ,#He # Welt Nr. 15 blieb ich immer und ewig die Jüdin, und Graf Brandt und seine Gesellschaft, die sich einige Zeit in unserem Hause so gaben, als ob sie zu uns und wir zu ihnen gehören würden, macht sich jetzt über den Juden Tulpenthal und seine Familie lustig." „Wie, Frau Gräfin, Sie haben nie vollkommen zur Aristokratie gehört?" „Vollkommen? Ich bin überhaupt, niemals zu ihr gezählt worden. Da ist der Kampf, den meine Eltern seit Jahrzehnten führen, die Erniedrungen, welche sie erlebten, die ungeheuren Summen, die sie opferten — alles war vergeblich. Ich blieb stets die Jüdin, obwohl ich den christlichen Glauben angenommen hatte und Gräfin geworden war. Alle Versuche scheiterten, und deshalb ist es meine Ueberzeugung, dass ich das Glück eher kennen gelernt hätte. Venn ich in dem Milieu verblieben wäre, in welchem ich geboren wurde. Ich müsste nun nicht so viel Schmach und Spott miterleben; ich würde nicht jeden Tag ein neues Unglück hereinbrechen sehen." „Frau Gräfin, Sie müssen ein klein wenig Philosophin sein. Dinge, die man nicht zu ändern vermag, müssen eben hingenommen werden, wie sie sind. £)ie Zeiten vergehen and es wächst über alles Gras." „Ja, es wächst das Gras. In der allernächsten Zeit wahrscheinlich auf dem Grabhügel meines Bruders. Er schlägt sich nämlich übermorgen mit dem Grafen Brandt. Er wird erbarmungslos erstochen oder erschossen werden. Ich weiss ja, wie der ist. Es ist ihnen ein Hochgenuss. einen Juden niederzuknallen. Das Leben meines Bruders ist keinen Heller wert, und wenn er im Duell fällt, so beginnt das Entsetzen aufs neue. Mama, die nicht ohne ärztliche Aufsicht gelassen werden kann, verfällt in Raserei, wenn Gaston getödtet wird, und Papa begeht einen Selbstmord. Er zankt fortwährend mit Gaston und doch liebt er ihn mehr als sein Herzblut." „Man muss nicht gleich an das Schlimmste denken. Ihr Bruder ist doch wahrscheinlich ein guter Schütze und Fechter?" rIch weiss es nicht. Doch was bedeutet seine Uebung diesen Leuten gegenüber, die seit ihrer Kindheit mit Waffen hantieren? Sie könnten uns einen grossen Dienst erweisen, Herr Rosenstein. Wollen Sie? Seien Sie einer der beiden Zeugen meines Bruders." „Aber er besitzt doch bereits welche?■* „Allerdings. Den Verwalter und einen ganz jungen Beamten. Uebernehmen Sie die Stelle des einen oder des anderen. Sie sind vielleicht geübter in der Führung eines Duells und es gelingt Ihnen eher ein Unglück zu verhüten. Erfüllen Sie meine Bitte, Herr Rosenstein." '„Gerne. Doch muss Ihr Bruder selbst mich darum ersuchen." „Selbstverständlich. Er ist im Augenblicke abwesen d doch ich schicke ihn morgen zu Ihnen." „Das ist in Ordnung, Frau Gräfin." * Sie schwiegen beide, denn Tulpenthal kam in Gesellschaft eines auffallend elegant gekleideten jungen Mannes auf sie zu. Er war klein. Seine Haare und das kleine Bärtchen waren hellblond; er schielte ein wenig und schleifte den linken Fuss nach. Seine Kleidung bestand aus einem feinen schwarzen Rocke und aus Beinkleidern von ausserordentlich zarter hellgrauer Farbe. Er trug Lackschuhe, darüber schneeweisse Gamaschen. In der langen weissen Cravatte glänzte ein von Brillanten umgebener grosser Rubin und die zahlreichen Ringe an seinen Fingern waren mit funkelnden Steinen besetzt. „Liebe Mary," begann Tulpenthal, als er mit seinem Begleiter bei der Gartenbank angelangt war, „hier stelle ich Dir Herrn von Fischl vor, meinen lieben Freund und Geschäftstheilhaber. Meine Tocher, Gräfin Steinwaldt, Herr Rosenstein.14 Mary hatte sofort wieder ihre abweisende Miene aufgesetzt. Sie antwortete auf die Verbeugung Fischls bloss mit einem Augenzwinkern. „Ich bin ausserdentlich erfreut, Frau Gräfin," sagte Fischl und reichte ihr die Hand zum Grusse; er liess sie aber nach einer Weile wieder sinken, da die Gräfin sie nicht ergriff. Er schien dies wenig zu beachten. „Etwas übler Laune, Frau Gräfin, wie?" fragte er. „Kein Wunder. Da in diesem armseligen Schlosse. Nun, das wird anders werden. Ich werde ein kleines Versailles erbauen mit Statuen und Wasserkünsten, und Sie sollenmich besuchen. Comfort, Comfort ist das Höchste und ohne Comfort können die Damen nicht gedeihen.u Gräfin Mary hörte verwundert zu, wandte sich aber alsbald gleich, ohne Fischl eines Wortes zu würdigen, an Rosenstein und forderte ihn zu einem Spaziergange durch den Park auf. Tr- ' „Rosenstein? Wer ist Rosenstein.?" fragte Fischl. „Der Sohn meines Bureau-Chefs Jakob Rosenstein erwiderte Tulpenthal. „Sie meinen den Sohn von unserem Bureau-Chef? Frau Gräfin, ich bin der Compagnon Ihres Papas und dieser junge Mann ist der Sohn unseres Bureau-Chefs. Nun werden Sie wohl meine Gesellschaft vorziehen? Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?" „Es ist doch wunderbar, welch interessante Bekanntschaften man Dir zu verdanken hat, Papa," sagte die Gräfin zu ihrem Vater, bat dann Paul um seine Begleitung und schritt mit ihm davon, während Herr Fischl. mit offenem Mund© verwundert nachstarrte. „Nun, hören Sie, mein lieber Tulpenthal," sagte er, nachdem er sich wiedergefunden. „Sie hätten Ihre Familie etwas besser auf meine Ankunft vorbereiten können. Es ist ja grossartig;, wie ich behandelt werde Lassen Sie mich in Ruhe!" sagte Tulpenthal ärgerlich. „In Ruhe soll ich Sie lassen? Was heisst, ich soll Sie in Ruhe lassen? Bin ich ein Reisender in Wirkwaren, den man aus dem Comptoir hinausweist?<; „Lieber Fischl, quälen Sie mich nicht. Ich habe im Augenblick den Kopf so voll Sorgen, dass ich nicht weiss, was ich beginnen soll.4' „So, den Kopf haben Sie voll Sorgen? Vor kurzem haben Sie auch den Kopf voll Sorgen gehabt, und wenn ich nicht gewesen wäre, wären Sie heute mit Ihrem Kopf und mit Ihrem ganzen Leibe ein Bettler. Wer hat Sie aus Ihrem Unglück herausgerissen? Ich! Wer hat Ihnen ein grosses Vermögen verschafft? Wer hat Ihnen Ihren ehrlichen Namen gerettet? Ich! Schön würden Sie aussehen, wenn ich die Hafenarbeiten nicht hätte von der Obrigkeit einstellen lassen. Zugrunde wären Sie gegangen, ein Bankerotteur wären Sie, eingesperrt hätte man Sie. Und durch mich stehen Sie heute da als ein Ehrenmann, zahlen kein Pönale und werden später, wenn Sie die Arbeiten wieder aufnehmen, eine schöne Anzahl Millionen verdienen. Und wem haben Sie das zu verdanken? Mir, ganz allein meiner genialen Idee, meiner Energie und meiner diplomatischen Kunst. Und jetzt haben Sie den Kopf wieder voll Sorgen? Nun, ich werde Ihnen sagen, was Ihnen fehlt, mein lieber Herr von Tulpenthal. Sie glauben, Sie werden mich hintergehen? Sie glauben, ich weiss nicht, warum Sie Knall und Fall die Hauptstadt verlassen haben und mit ihrer ganzen Familie nach Lobenstein gekommen sind? Sie sind dem Grafen Brandt nachgelaufen, um ihn vielleicht doch noch für Ihre Tochter zu kapern. Ich aber sage Ihnen, unser Vertrag besteht und Ihre Tochter Emmy wird meine Frau. Ich rathe Ihnen, machen Sie keinen Versuch, mich zu betrügen. Der Brandt ist der Erbe von dem wahnsinnig reichen Wetterstein, und nun wird er verrückt sein und Ihre Tochter heiraten. Aber ein Ehrenmann sind Sie jedenfalls, das muss ich Ihnen sagen. Ich mache Sie vom Bettler zürn Millionär und dafür versprechen Sie mir Ihre Tochter. Während ich mich aber für Sie bei den Hafenarbeiten abmühe, wollen Sie mir ein Schnippchen schlagen und Ihre Tochter mit einem Grafen verheiraten.'*' „Fischl, Sie sind ein Narr. Kann ich meine Emmy zwingen? Kann ich dafür, dass sie einen anderen liebt?" .,Dass sie einen anderen liebt? Stuss! Kommen Sie mir nicht mit Romanen und Novellen. Abgemacht ist abgemacht. Glauben Sie, Sie haben einen Studenten oder kleinen Buchhalter vor sich? Heute dürften Sie mich r'och schon ziemlich genau kennen?" „Lieber Fischl, ich wiederhole Ihnen: lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe den Kopf voll blutiger Sorgen. Ich glaube, ich bin schon reif fürs Irrenhaus. Reizen Sie mich nicht. Hören Sie, reizen Sie mich nicht! Sie verdienen fünf Millionen, und damit können Sie sich nach meiner Ansicht zufriedengeben. (Fortsetzung folgt.) Von unserer Volksbildungsbewegung. ,,Jüdische Toynbee - Hälfe'- XX., Karajangasse 20. Die Unterrichtsstunden beginnen Sonntag den 13. April und finden wie folgt statt: Für Herren: Hebräisch: Sonntag Vormittag von 9—10 Uhr. Beginn 13. April. Englisch: Montag Abend von ^1!2—S1j2