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Die Welt · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Article
Kleinigkeiten aus dem Ghetto
Date
1902-04-11
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr* 15 „Die* Welt** Seite 13 Da ,kam einer auf den Gedanken, ihn mit kaltem Wasser zu begiessen. Das Mittel wirkte . . . jedoch nicht auf den Possenreisser, sondern auf uns; wir hatten lange und Tie! gelacht. Der arme Künstler aber lag immernoch ausgestreckt auf dem Boden, die ganze Nacht hindurch bi* zum frühen Morgen . . . Des Morgens wurde er begraben. II. Womit hat er gehandelt? In einer dürftigen, arm möblierten Hütte gieng still das Leben eines Dichters zur Neige. Obwohl er stets einsam und bescheiden war und nicht einmal wusste, was Rühm ist, hatte er dennoch sein ganzes Leben lang zum Nutzen «eines Volkes gearbeitet und in seine Werke seine ganze Seele hineingelegt. Still und traurig schritt der Leichenzug durch die menschenleeren Gassen unseres entlegenen Städtchens. Wer ist da gestorben? — fragte ein des Weges kommender reicher Bürger, Heb Nach man Bialjj, einen der wenigen dem Sarge Folgenden. Man nannte ihm den Namen des Poeten. Hm . . . Ein unbekannter Name — erwiderte verwundert Beb Nachman — ein ganz unbekannter Name! . . Womit hat er denn gehandelt? III. „Der Engel des Todes." Nichts war für mich in der Kinderzeit schrecklicher, als der Engel des Todes, von dem man in unserer Schule schauerliche, Geschichten erzählte. Schon das eine, dass er vom Scheitel bis zur Sohle aus läuter Augen bestehe, versetzte mich in Schrecken. Ich stellte mir ihn in dem Augenblicke vor, da er — ein unsichtbares, aber fürchterliches Wesen — am Pfühle des Sterbenden erscheint, kaum merkbar ein höchst scharfes Rasiermesser über ihn gleiten lässt und momentan verschwindet. Einmal erblickte ich ihn, und zwar in solcher Nähe, dass ich seine kaum hörbaren Schritte zu vernehmen, seinen kalten Athem zu fühlen glaubte, und merkwürdigerweise hat er mich gar nicht in Erstaunen gesetzt. Ich war krank gewesen und der Vater war in die Synagoge gegangen, um Psalmen für meine Genesung zu lesen, die Mutter war auf den alten Friedhof gelaufen. Ich war allein mit unserer alten Köchin zuhause geblieben, die verzweiflungsvoll, seufzend und klagend an meinem Bette sass und endlich einschlief. Plötzlich vernehme ich leise Schritte. Ich schliesse die Augen und bemerke ihn. Ja, das war er ganz gewiss, er selbst, der Malach-Hamowes. In ein schwarzes Leichengewand eingehüllt, das mit einer Unmenge von Augen besäet war, schritt -er geradeaus auf mich zu und ohne Aerger oder Bosheit, wie ein Mensch, der Fliegen auseinandertreibt, hob er das Messer in die Höhe ... Da sprang die Thür auf und die Mutter stürzte herein» Mit einer vom langen Weinen heiser gewordenen Stimme wandte sie sich an mich: „Nein. Du wirst leben und gesund werden! Ich war soeben bei'm seligen Grossvater Reb-Salmen und bei der seligen Grossmutter Freidei, beim Bruder Bentek, bei meiner Schwester Breindel, sogar bei der Tante Malke — alle diese Gräber suchte ich auf, keines habe ich vergessen. Ich habe sie so laut angefleht, dass sie mich gewiss erhört haben, und ich bin überzeugt, dass Gott barmherzig ist und mir mein Kind nicht wegnehmen wird." Als ich die Augen öffnete, war der Todesengel verschwunden. IV. Der Schatz. Am Fusse des Berges, hinter der Synagoge — so erzählten mir raeine-Spielkameraden — belndet sich, seit unvordenklichen eiten in der Erde ein kostbarer Schatz. Um seiner habhatt, zu werden, ist weder besondere Mühe, noch aussergewöhnliche Weisheit erforderlich. Es ist nur nöthig — so erzählten meine Kameraden — dass in unserer Gemeinde Frieden eintrete, dass weder Hader, noch Neid, noch Tücke in unserer Mitte herrschen. Wenn diese Zeit eingetreten* ist, so wird die Gemeinde, bestimmte Psalmen lesend, den Schatz erlangen und ein glorreiches Dasein führen können zum Staunen der ganzen WelL Wievielmal aber hat unsere Gemeinde dieses schwere Werk versucht? Jedesmal findet sich unbedingt ein Unzufriedener, es muss unbedingt ein Streit zwischen zwei Nachbarn ausbrechen. Da lässt sich wieder ein Murren. Schelten und Fluchen hören. Unterdessen — so erzählten meine Mitschüler — entfernt sich der kostbare Schatz immer tiefer und tiefer in den Schoss der Erde . . . O, wie litt mein kindliches Herz jedesmal, wenn ich — wenn auch nur aus der Ferne — den Ort erblickte, wo das Glück unserer armen Gemeinde vergraben lag! Wie schmelzte es mich, wenn ich arme, übervortheilte Leute streiten, klagen und stöhnen hörte. Wie innig wünschte ich ihnen Licht, Frieden und Liebe! . . . Die alten Streitigkeiten waren noch nicht erledigt und die armen Leute stifteten immer neue und neue Zwietracht, Die Zahl der Unzufriedenen wuchs, unser kostbarer Schatz aber entfernte sich immer tiefer und tiefer in den Schoss der Erde . . . Zweierlei Juden. Roman von Maoo Viola. (Fortsetzung.) Er verneigte sich tief, wenngleich mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen, und hielt dem Ausgange zu. Noch war er jedoch kaum fünf Schritte weit, als er die Stimme der Gräfin vernahm. Sie rief seinen Namen. Verwundert wendete er sich zu ihr, da kam sie ihm bereits entgegen. Leise sagte sie nun, dass er sie kaum verstand: „Papa befahl, Sie nicht fortzulassen." „Frau Grafin, ich werde nicht incommodieren." Jetzt stand sie ganz nahe vor ihm, Auge in Auge. Er betrachtete sie lächelnd, so dass sie die Bücke zur Erde heftete. „Ich wusste ja nicht, wenn ich vor mir habe," begann sie plötzlich, ohne die Augen aufzuschlagen, „Ich musste bei dem Gedanken zürnen, dass ein Fremder mit unseren Familienangelegenheiten vertraut gemacht würde. Es ist so peinlich . . „Gewiss, Frau Gräfin, und deshalb gestatten Sie, dass ich mich entferne." „Nein," rief sie lebhaft, „bleiben Sie." Sie hielt ihm ihm ihre Hand hin. „Verzeihen Sie mir meine Ungezogenheit. Wäre doch niemand glücklicher als ich, wenn wir jetzt einen wirklich treuen^Freund zur Seite hätten." Und nun streckte sie beide Hände nach ihm aus und sah ihm mit einem so schönen freundlichen Blick in die Augen, dass er nicht umhin konnte, ihre Hände zu ergreifen und ihr Verzeihung zu gewähren. Sie schritten zur Gartenbank zurück und nahmen nebeneinander Platz. „Ich gestehe, die Lection, welche ich von Ihnen erhielt, redlich verdient zu hoben/ hub sie an. „Mein Misstrauen ist die Ursache meiner Schroffheit, und Sie werden mein Misstrauen begreifen, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich immer und immer nur Feinde um mich sah." „Feinde? Sie, Frau Gräfin? Wie das?:< „Es mag seltsam genug sein, dass ich Ihnen, dem ich heute zum eistenmale begegne, mit solchen Enthüllungen komme; aber Sie kennen doch bereits unsere Familienangelegenheiten ohnedies. Nun, ich hatte stets gegen Feindschaft zu kämpfen. „Die Gesellschaft, in welcher ich als Mädchen verkehrte, war mir feindlich gesinnt. Die wenigen Aristokraten, mit welchen wir in Berührung kamen, verbargen nur schwer den Spott hinter der übergrossen Höflichkeit, mit der sie den Töchtern Tulpenthals begegneten. Meine Erzieherin, eine Baronin, vermochte nie die Schadenfreude zu unterdrücken, wenn unsere von den Eltern angeerbten jüdischen Gewohnheiten den aristokratischen Allüren nicht vollkommen weichen wollten. Meinem verstorbenen Gatten

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