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Die Welt · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Article
Der Zionist und sein Testament
Date
1902-04-11
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite IS „Die & Welt45 Nr. 15 -ftaiilfctoi). Der Zionist und sein Testament J. de H a a s erzählt folgende Episode aus dem südafrikanischen Kriege, die ihm von einem Betheiligten mitgetheilt worden ist: In ein Amtszimmer in Natal tritt ein in Khaki gekleideter Reiter, ein junger, kräftiger russischer Jude. „Ist dies Mr. G.'s Amtszimmer?" „Jawohl/ erwiedert der Mann vor dem Pulte in einem Tone, welcher besagt, dass er nicht gewohnt sei, in der afrikanischen Luft viel Worte zu machen. »Jawohl, was wünschen Sie?" „Sie sind Präsident des hiesigen Zionisten-Vereines und ein sehr guter Jehudi." „Jawohl," ertönte es wieder argwöhnisch beim Klange geschäfts widriger Phrasen. „Ich komme, Sie um eine grosse Gefälligkeit zu bitten.* Und als der Mann vor dem Pulte sich bei diesen Worten unruhig hin- und herbewegt, fügt der Reiter hinzu: „Nein, ich will kein Geld von Ihnen, nur eine Gefälligkeit begehre ich. Hören Sie mich, bitte. Ich ersuche Sie, mein Geld in Verwahrung nehmen zu wollen, es sind 20 Pfund Sterling.« „Aber das ist doch keine Bank, Wir können doch hier damit nicht unsere Zeit verbringen, über fremdes Geld zu wachen/' „Aber ich bitte Sie, ein Jude den Juden, dies doch zuthun." Es lag etwas Dringendes in der Stimme, und das Gesicht des Bittenden hatte einen feierlichen Ausdruck. „Aber, mein Lieber, kein Mensch hier verlangt, dass •in anderer auf sein Geld acht gebe. Warum können Sie das nicht selbst thun?tt Eine Entgegnung von wenigen Worten folgt der Frage. Das kräftige Antlitz des Soldaten hat etwas Pathetisches: Die Weigerung des Beamten wird schwächer, und endlich hat der Bittsteller gesiegt, wirft eine Geldbörse auf den Tisch und eilt ungestüm von dannen. Nach einiger Zeit kehrt der Soldat mit einem Schwarzen zurück, der eine Kiste trägt, die im Flur niedergestellt wird. Und der Besucher beginnt von neuem : „Ich begehre eben noch eine grössere Gefälligkeit von Ihnen. Ich verlange, ich bitte, Sie sollen auch meinen Koffer in Verwahrung nehmen, wie mein Geld» Ich beschwöre Sie, helfen Sie mir. Der Schwarze verschaffte mir einen Bogen Papier. Setzen Sie mein Testament auf. Ich breche zur Front auf. Ich kann fallen" — die Stimme wird traurig — „und ich möchte meinen letzten Willen vorher kundgeben/' „Das ist aber stark, wirklich stark," beginnt der Beamte zu raisonnieren. Sie kennen mich nicht, ich kenne Sie nicht. Was wollen Sie alles von mir?!" Ein verzweifelter Blick kommt aus des Bittstellers Augen. „Nein, nein," fleht er ,,weisen Sie mich nicht zurück. Als Jude, der vielleicht bald keines anderen Juden Antlitz mehr sehen wird, bitte ich Sie, setzen Sie mein Testament auf. Thun Sie das aus Jüdischkeit." Die kräftige und dabei traurig flehende und stockende Stimme hatte aus dem anstossenden Zimmer eine junge Dame herbeigelockt, welche beobachtend im Hintergründe stehen blieb. Die Dame setzt sich selbst — über Ersuchen Mr. G.'s — an den Tisch, um den letzten Willen des Soldaten zu Papier zu bringen. Der seltsame Gnst beginnt zu dictieren: ,,Ich, J. H., gebürtig aus D. in Russland, gegenwärtig Soldat bei der R.-Cavallerie, im Begriffe aur Front zu gehen, deponiere bei Mr G. aus D. 20 Pfund Sterling in Gold und eine Kiste mit Kleidern und meinen sonstigen Besitz, und wünsche, dass im Falle meines Todes das deponierte Geld und dasjenige, welches durch Verkauf meines Besitzthums gewonnen wird, der zionistischen Bewegung zukomm e." Da hält die Schreiberin inne. „Wenn Sie schon durchaus ein Testament machen wollen, so vermachen Sie doch Ihr Geld Ihren Verwandten in Russland. Sie haben sicherlich jemanden, der es sehr gut wird brauchen können, und die zionistische Bewegung wird dieses Geld entbehren können." „O nein. Ich weiss, was ich will. Es ist kein grosser Betrag, den ich der Bewegung zuführen kann, und ich weiss, dass sie auch ohne denselben vorwärts kommen wird. Aber ich bin ein Zionist, und der Zionismus ist mein Lebensinhalt, mein All«i. Ich habt bisher für ihn alle* gethan, was in meinen schwachen Kräften stand, ich will das bis zu meinem letzten Atemzuge so halten. Ich habe es so festgesetzt, bevor ich hergekommen bin." J ^" Die Dame schreibt nun den begonnenen Satz zu Ende und einige formelle Worte werden hinzugefügt. Dann ergreift der Soldat die Feder und setzt erleichtert seine Unterschrift darauf. Nach vielen Dankesbezeugungen entfernt er sich rasch, um allsogleich zurückzukehren. „Noch einen Wunsch hätte ich," stösst er hastig hervor. „Wenn ich in der Schlacht falle, möchte ich als Jude begraben werden." „Doch wie wird man Sie als Juden erkennen?' Man hält im Zimmer Umschau nach einem leicht als jüdisch erkennbaren Ding. Da fällt der Blick auf eine jüdische Zeitung. Hastig erfasst sie der Soldat, bittet, sie^ihm zu schenken, reisst seine Blouse auf und schiebt die jüdische Zeitung hinein. Glücklich, alles nach Wunsch gefunden und erledigt zu haben, verabschiedet sich der junge Jude von seinen Volksgenossen. Zweimal kehrte der Soldat aus der Front nach der Stadt in Natal zurück und besuchte jedesmal seine neuen Freunde. Wenn jedoch unglückseligerweise nach einer neuen Schlacht oder einem Scharmützel unter den Gefallenen der R.-Cavallerie ein Leichnam gefunden werden sollte, an dessen Herz einige Seiten einer jüdischen Zeitung gepresst sind, so möge ihm ein jüdisches Begräbnis zutheil werden, denn im Leben war es ein guter Jude, ein Zionist, der seinen ganzen irdischen Besitz der Bewegung Vermacht hat, wie es das Testament beweist, das in einem eisernen Spind eines Amtshauses in Natal verwahrt ist. Kleinigkeiten aus dem Ghetto. Von ScJiolem-AIechem (Kiew). Autorisierte Uebersetzung von Alexander Feldstein. I. Der letzte Spass. Auf den Hochzeiten verstand es keiner besser, unser armes, trauriges Volk so zu belustigen, als der alte höckerige Reb Feiwel Badchen ans Masegowka. Von der Natur mit einem komischen beweglichen Gesicht beschenkt, ausserdem ein ausgezeichneter Tänzer und Verfasser witziger Lieder, verstand er auch einige zum Todtlachen spassige Kunststücke aus der „Schwarzen und weissen Magie" und konnte die Stimmen der Menschen und Thiere nachahmen. Zu seinem Repertoire gehörten auch das Kauen von Glas, das Schlucken von Tellern und manch andere seltsame Scherze. Jedoch den grössten Ruhm hat er sich durch das folgende Kunststück errungen: Nachdem er sich auf der Diele ausgestreckt hatte, stellte er das Sterben dar, so natürlich, so realistisch, dass gewiss selbst eine Sarah Bernhard ihn darum beneiden durfte. In diesem Zustande schien er eine ganze Ewigkeit liegen zu können, ohne sich zu rühren oder mit dem Auge zu blinzeln. Stösse, Fusstritte, sogar Nadelstiche konnten ihn nicht zur Besinnung bringen. Bis er endlich sich plötzlich aufrichtet und in ein langwieriges, unaufhaltsames Lachen ausbricht, welches unmerklich und stufenmässig in ein Weinen und Schluchzen übergeht, die sich wiederum nach und nach in ein ansteckendes Kichern verwandeln, was die Zuschauer sehr amüsiert. Einstmals wurde er zu einer Hochzeit geladen, wo er wieder das Kunststück des Sterbens produzierte* Unter den winselnden Tönen einer beklemmend klingenden Geige, begleitet von dem kläglichen Heulen . einer quiekenden Clarinette und einer melancholischen Flöte tanzte und lärmte das junge Volk. Es war schon eine geraume Zeit verstrichen, aber unser Komiker Reb Feiwel lag immer noch unbeweglich, -einem Todten ähnlich, ^nachdem er bereits unzählige Stösse und Nadel«$i*h* «rhalfon hatte.

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