Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 15 (11.4.1902)
- Article
- 1492 - 1902
- Date
- 1902-04-11
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 „Die 2$ Welt" Seite 3 lassen. Eines scheint dem Gedächtnis der Gegenwart, die in so manchem Reis unseres alten Stammes die gleichen Assimilationsgedanken und -Bestrebungen geweckt hat, ganz entschwunden zu sein : die glaubens- und rassentreuen Juden wurden landesverwiesen, verbannt, und wenigstens ein Theil derselben hat sich gerettet, die Apostaten aber, die Marranen, wurden — verbrannt. Zionistisches aus Australien. (Original-Correspondenz der „Welt".) Melbourne, 25. Februar 1901 Sonntag den 23. d. M. wurde hier eine „Victorian Zionist League" gegründet. Die Liga zählt gegenwärtig 75 Mitglieder, doch hoffen wir, die Mitgliederzahl in kurzer Zeit vervielfachen zu können. Der Verein plant die Errichtung einer Bücherei, welche sämmtliche Werke der zionistischen Literatur in englischer, hebräischer und jüdischer Sprache enthalten soll. Hoffentlich sind wir bis zum nächsten Gongresse in der Lage, einen Delegierten zu entsenden. Wir haben hier bereits eine kleine Anzahl von Actionären des „Jewish Colonial Trust". Für die nächste Zeit haben wir eine Agitations- Tournee nach den Trovinzial-Ortschaften in Aussicht genommen. Ueber die jeweiligen Erfolge unserer Propaganda werden wir Ihnen stets berichten. M. Richardson, Secretary to the „Victorian Zionist League". Zur Lage der russisch-jüdischen Studenten in Deutschland. An keinem Momente kann man so sehr die verirrte Denkart der Assimilations-Israeliten in Deutschland erkennen, wie an ihrem Hasse gegen ihre Brüder aus dem Osten, Ja ich spreche es offen aus: es gibt in Deutschland Juden, die ihre Brüder aus Russland mehr hassen, als die Antisemiten .... Psychologisch ist es wohl zu begreifen, denn die Juden des Ostens erinnern durch ihre Treue und Begeisterung für die jüdische Sache diese Herren am meisten an ihre Abstammung, die sie so gern vergessen lassen möchten. — Wenn die westlichen Juden, die aus Russland herkommenden Schnorrer, die sie selbst durch ihr verfehltes Wohithätigkeitssystem dazu erzogen haben, verachten und nicht lieben, ist es noch immerhin begreiflich, weil sie fürchten, dass ihre eigene Lage durch diese Elemente verschlechtert werden könnte. Geradezu unbegreiflich ist es aber, dass sie auch diejenigen hassen, welche für einige Jahre nach Deutschland kommen, um da ihr Studium zu beenden und dann in ihre Heimat zurückzukehren. Diese Studenten werden ihnen niemals lästig und niemals gefährlich, aber schon der Anblick macht sie nervös. Es ist eine Schmach, dass jüdische Studenten von ihren eigenen jüdischen Commilitonen als „Pollacken" beschimpft werden. Und doch .sollte es als brüderliche Pflicht gelten, diesen Leuten, denen das Studium in ihrer traurigen Heimat unmöglich gemacht wird, den Aufenthalt in Deutschland möglichst angenehm zu gestalten. Diese russisch jüdischen Studenten stecken sich als Ziel, möglichst schnell das Studium zu beenden, um nachher ihrem Volke nützlich sein zu können. Diese Aufgabe wird ihnen schwer genug gemacht, namentlich in den letzten Jahren, seitdem die sogenannte „Ausländerfrage" an den deutschen Hochschulen entstanden ist. Dieses Wort ist nur ein Feigenblatt für den Judenhass, und wäre man ehrlich, so würde man offen von einer Judenfrage sprechen, denn von 200 Ausländern sind ungefähr 160 Juden. Die Ausländerfrage ist aber streng logisch keine Frage für Deutschland, sondern für diese Ausländer, denn dem deutschen Volke und der deutschen Bildung werden diese Ausländer nicht gefährlich. Sie verbreiten ja deutsche Wissenschaft und Cultur in denjenigen Ländern, in welchen sie leben. An Platz mangelt es auch nicht an den deutschen Hochschulen. Die ganze Bewegung also ist bloss ein Theil der Judenfrage. An vielen Hochschulen stellt man seit einiger Zeit an die russischen Studenten Anforderungen, die absolut unerfüllbar sind. Wenn man zum Beispiel den Nachweis verlangt, dass die russischen Studenten bereits auf einer russischen Hochschule aufgenommen sein müssen, so wirkt das tragikomisch. Wären die jungen Leute an russischen Hochschulen aufgenommen, dann brauchten sie eben nicht nach Chariottenburg zu kommen. Bei der Vertheüung der Plätze werden in erster Reihe die Inländer berücksichtigt, die „Russen" dagegen müssen sich mit den übrig gebliebenen begnügen. So geschieht es, dass manchmal die Laboratorien und Construetionssäle leer sind, weil die Corps und Burschenschaften viel wichtigere Dinge zu thun haben, während die Ausländer im Corridore arbeiten müssen. Bei jeder Gelegenheit wird ihnen entgegengehalten, dass sie nur Gäste sind. Man verlangt von diesen Ausländern dieselbe Vorbildung, dieselben Coliegiengelder, an manchen Hochschulen sogar die doppelten, beim Examen — dieselben Kenntnisse: sie bleiben aber Gäste. Sie sind also eine Classe, die viele Pflichten, aber wenig Rechte hat. Bis vor kurzem galt das Polytechnikum in Karlsruhe als das Dorado aller jüdischen Ausländer. Solche, die an anderen Hochschulen keine Aufnahme finden konnten, flüchteten nach der badischen Residenz. Aber plötzlich brachte eine kleine Episode die Ausländerfrage, die bis jetzt latent war, auch hier an die Oberfläche. Zu Beginn dieses Jahres thaten sich da etwa 25 jüdische Studenten zusammen, darunter 3 aus Deutschland, 3 aus Rumänien, 1 aus Galizien, 15 aus Russland, um einen Verein jüdischer Studenten zu gründen. Unser Bestreben gieng dahin, durch die Gründung einer jüdischen Lesehalle und durch Referate über jüdische Geschichte und Literatur Belehrung über das Judenthum zu bieten. In diesem Sinne wurden auch die Statuten entworfen. Leider fand sich in dieser Versammlung ein sich „orthodox" nennender „Germane jüdischen Glaubens", der eilig zum Rector lief, und ihm den zu gründenden Verein als eine „Sammelstätte jüdischer Ausländer''' denuncierte. Das genügte dem Rector, um den Statute die Genehmigung zu versagen. Interessantist die merkwürdige Moti vierung dieses Ukases. Der Rector behauptet, er dulde keine confessionellen Verbindungen. Dabei existieren an der Hochschule zwei katholische undzwei evangelische Verbin düngen. Damit war die Sache noch nicht zu Ende. Ein jüdischer Schriftsteller, den wir in die Versammlung zu Gaste geladen hatten, schrieb in einem in Karlsruhe erscheinenden jüdischen Blatte einen kleinen Artikel, in welchem er die Ansicht des Rectors kritisierte und das Vorgehen des Denuncianten als verwerflich geisselte. Dieser Artikel wurde dem Rector durch den Denuncianten zugetragen, und es begann ein hochnothpeinliches Verfahren. Sämmtliche Studenten, die an der Versammlung theilgenommen hatten, wurden — so weit es Ausländer waren — mit dem Concilium abeundi bedacht. Als die Herren an den Senat appellierten, wurde nach langem Bemühen die Strafe für einige in einen strengen und für die übrigen in einen milden Verweis verwandelt. Einer, der es wagte, dem Rector entgegenzuhalten, dass die Strafe gänzlich unbegründet sei, und dass man In- und Ausländer mit zweierlei Mass messe, wurde relegiert! . . . Angesichts dieser traurigen Thatsachen entsteht die brennende Frage : Was ist nun zu thun? Das jüdische Volk braucht nicht allein für seine Gegenwart, sondern noch mehr für saine Zukunft tüchtige Chemiker, Ingenieure u. s.w. Wo aber sollen sich diese ausbilden? Man kann wohl Philosophie und Literatur aus Büchern studieren; als Chemiker aber muss man ein Laboratorium und als Maschinenbauer Constructions - Säle frequentiert haben. Diese sind nur an einem guten Polytechnikum zu erlangen. Man sagte uns, wir sollen nach Frankreich, Italien gehen. Allein würden mit dem Momente, wo die russischen Juden dahin wandern, dort nicht dieselben Verhältnisse wie in Deutschland entstehen? Die Frage der Gründung einer eigenen jüdischen Hochschule wird von Jahr zu Jahr brennender werden, und es wäre Zeit, dass die einsichtsvollen Männer unseres Volkes schon heute diesen grossen Gedanken energischer ins Auge fassen. Hier liegt eine grosse Aufgabe von idealer und praktischer Bedeutung vor. Diese Hochschule könnte nicht mit einemmale entstehen, aber die Anfängesoilten so rasch als möglich in Angriff genommen werden. K. F.