Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-04-04
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ,0ie*l£ Weife4 Nr. 14 „Was wollen Sie eigentlich von ihr?"; „Was ich von ihr will? Ich will, sie soll den Graten Brandt verachten und nicht wieder heiraten. Er ist der Verlobte mein er Tochter, er ist mir ein Vermögen, auch die Mitgift schuldig und vor Allem hat er . . . hat er . . . Was soll ich Ihnen da viel erzählen? Genug, er ist mit meiner Tochter verlobt, und jetzt hat er sie plötzlich sitzen lassen, weil seinem Oheim, dem ungeheuer reichen Grafen Wetterstein, auch der letzte Sohn gestorben ist und er ihn zu seinem Universalerben einsetzen will, wenn er sich mit seiner Frau versöhnt. Nun, und er will sie wieder heiraten, der Lump, der Vagabund. Aber wenn die Gräfin erfahren wird, wie er sich meiner Tochter gegenüber benommen hat, wird sie ihn von sich weisen." „Lieber Herr von Tulpenthal," sagte Paul, „Sie klammern sich an einen Strohhalm." „Wieso Strohhalm? Warum Strohhalm?" „Weil sich die Gräfin vom Unglücke Ihrer Tochter nicht rühren lassen wird." „Wenn sie aber erfährt, was er für niederträchtiger Mensch ist?* „Das weiss sie ohnedies.* „Sie wird ihn doch heiraten?" „Höchstwahrscheinlich \a „Nun, und was rathen Sie mir? Was soll ich beginnen?" „Sich zufriedengeben, Herr von Tulpenthal, und die Dinge auf sich beruhen lassen." „Die Dinge auf sich beruhen lassen? Was wissen Sie? Gar nichts wissen Sie! Die Dinge auf sich beruhen lassen! Sehr schön gesagt, wunderschön! Sich das Geld aus dem Sacke und das Herz aus dem Leibe herausreissen lassen und die Ehre wird blutig zerfetzt und dann soll man ruhig nachhause göhen und die Dinge auf sich beruhen lassen. Ich ermorde ihn, ich zertrete ihn, wie er mich zertreten hat. O, o, o, was sind das für Sachen, für blutige Niederträchtigkeiten. Umbrigen muss ich ihn, umbringen!* Erschlug sich mit beiden Händen an die Wangen und lief mit grossen Schritten davon, als ob er das Rachewerk augenblicklich vollbringen müsste. Er rannte etwa zwanzig Schritte weit, dann blieb er stehen, Hess das Haupt auf die Brust sinken und stöhnte tief, als ob er weinen möchte und nicht könnte. Paul eilte auf ihn zu. Ihn dauerte der alte Mann, den Zorn und Schmerz hilflos machten, den all sein Geld nicht aus der Klemme befreite, in welcher er bis zum Halse stak. „Sie sind doch sonst so klug," sagte er zu ihm, „beherrschen jede Situation, auch die verwickelteste, und gerade hier, wo Sie sie am nöthigsten brauchen, verlässt Sie Ihre Geistesgegenwart?" „In Gefühlssachen kenne ich mich nicht aus, verliere ich den Kopf. Ich sage Ihnen, ich habe nicht mehr Verstand, als ein Galopin von der Börse. In der Brust reisst es mich hin und her, und mein Gehirn ist wie durcheinandergeschüttelt; nichts ist am rechten Platze. Wenn ich wenigstens jemanden hätte, mit dem ich offen reden könnte! Es erdrückt mich doch beinahe, was ich alles mit mir herumzutragen habe! Vor meiner Frau bin ich des Lebens nicht sicher. Sie behauptet, ich habe alles verschuldet, weil ich nicht rechtzeitig Hochzeit machen Hess, und sie möchte mich am liebsten vergiften. Sie kennen doch mich und meine Familie durch Ihren Vater? Sie gehören ja gewissermassen zu mir, und ich weiss, Sie werden nicht plaudern. Ich sage Ihnen, ich traue mich nicht vor meine Frau hinzutreten. Ich lebe wie in der Hölle. Da arbeitet man und quält sich bis in seine alten Tage, erwirbt sich in ehrlicher, hochanständiger Weise seine paar Millionen, und was habe ich jetzt davon? Meine Tochter hat einen Selbstmordversuch gemacht, meine Frau ist so nervös, dass sie mir vorkommt wie schlagendes Wetter in einem Bergwerke, und mein Sohn wird wahrscheinlich heute oder morgen vom Grafen Brandt im Duell erschossen werden, weil die Schmach nicht ungerächt bleiben darf, die er uns zugefügt hat. Dazu ist mir erst vor vier Wochen mein Schwiegersohn, der Graf Stein waldt, gestorben. So sehe ich aus. Was habe ich von meinem Gelde? Fünf Millionen würdeich hergeben, wenn ich Ruhe haben könnte. Zum Schlüsse werde ich noch verrückt. Was kann man wissen? Manchmal kommt eine Raserei über mich, dass ich alle Leute umbringen möchte. Vor allem den Grafen Brandt Und dann werde ich wieder so traurig, dass ich glaube, das Herz springt mir im Leibe. Und wissen Sie, was noch? Ohrfeigen möchte ich mich, ohrfeigen, dass mir das Blut aus dem Gesicht spritzt.* „Weil Sie mit der Hochzeit so lange gezögert haben? Ja, damit ist es nun allerdings vorbei. Sie müssen die Dinge nehmen, wie sie sind, und schliesslich wird sich auch Ihre Familie beruhigen.41 „Beruhigen! Sie reden mir doch daheim immer von Liebe, von Liebe! und bringen mich um mit ihrem Geheul und mit ihren Zornesausbrüchen. Ich sage Ihnen, es ist mir schon leichter, weil ich mich mit Ihnen aussprechen kann. Ich brauche einen vernünftigen Menschen oder ich gehe zugrunde. Erweisen Sie mir den einen Gefallen, lieber Herr Rosenstein, und bleiben Sie bei mir. Kommen Sie mit mir in mein Schloss, zu meiner Familie. Ich muss einen ruhigen Menschen haben, der mir einen guten Rath ertheilt. Zwei wissen mehr als einer; vielleicht gelingt es uns, einen Ausweg zu finden aus dieser Sackgasse. Vielleicht reden Sie auch mit meiner Frau, und sie nimmt einige Vernunft an." Paul meinte, die Damen würden es sicherlich nur ungern sehen, dass er sich mit dieser Angelegenheit befasse, stehe ihm aber im übrigen gerne zu Diensten. Er brauche ihn bloss zu verständigen, und er werde kommen. Sie bestiegen den kleinen Wagen, der Tulpenthal nach Ebersdorf gebracht hatte, und nach kaum einer halben Stunde befanden sie sich vor demParkthore in Lobenstein. Paul wollte sich verabschieden, doch Tulpenthal bat ihn dringend, mitzukommen. Er fühle sich besser, wenn er ihn in seiner Nähe wisse. An einer Biegung des Parkweges sass eine in Trauer gekleidete Dame auf einer Bank. Tulpenthal blieb stehen und stellte Rosenstein seiner Tochter, der verwitweten Gräfin Steinwaldt, vor. Paul verneigte sich, doch Gräfin Mary zuckte kaum mit den Wimpern. Ihr stolzer Blick glitt leicht über sein Antlitz, dann wandte sie sich an ihren Vater. „Es ist ein Gast da," sagte sie, „ein Mensch namens Fischl, der Dich sprechen will." „Fischl? Der hat mir gerade noch gefehlt! Herr Rosenstein, Sie bleiben da, bis ich zurückkomme. Mary, dass Du mir ihn nicht fortlässt! Er ist mein Rathgeber, mein Tröster. Er weiss nämlich alles." Mit von Zorn entstellten Antlitz schnellte Mary von der Bank empor. Ihre Augen funkelten, als sie ihrem Vater zurief: „Das ist doch unerhört! Schämst Du Dich nicht? Bist Du zum Kinde geworden, dass Du plauderst?0 „Ich habe nicht viel zu plaudern gebraucht; er weiss das meiste vom Onkel der Gräfin, vom Baron Wiesenburg." Damit schritt Tulpenthal auf das Schloss zu. Mary Hess sich auf die Bank nieder, biss sich heftig in die Unterlippe und wandte das Antlitz ab. Paul schien für sie nicht zu existieren. Er war ihr Luft. Ohne ihre Einladung abzuwarten, nahm er auf der Bank Platz. „Frau Gräfin," begann er ruhig, „es ist vollkommen gleichgiltig, ob ich eingeweiht bin oder nicht. Wenn Sie so wüthen, so weiss ich keine Silbe. Es gibt gewisse Dinge, die ein anständiger Mann nie begeht: er schreibt niemals einen anonymen Brief und plaudert niemals ein Geheimnis aus. Sie, Frau Gräfin, sind vielleicht noch auf wenige solche Männer gestossen; ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, dass ich ein solcher bin." Mit einem Ruck wandte sie ihm ihr Antlitz zu und mass ihn von unten auf. „Ich erinnere mich nicht, Sie um Ihre Meinung befragt zu haben?" sagte sie mit starrer Kälte. Das Blut schloss ihm ins Gesicht und rasch erhob er sich. Ein hartes Wort bebte ihm auf der Lippe; doch er bezwang sich, er lächelte. „Sie sind im Recht, gnädigste Gräfin, ich wurde nicht gefragt. Es war unbesonnen, mich in Ihre Angelegenheiten zu mengen. Unsere Wege gehen ja so weit auseinander! Sie sind die Gräfin Steinwaldt und ich bin der Sohn des Procuristen Ihres Vaters. Zwischen Tulpenthal und Rosenstein lag wohl keine tiefe Kluft. Sie kamen beide als arme Teufel aus der Provinz nach der Hauptstadt. Doch ihre Kinder, ihre Kinderl Rosenstein blieb arm und sein Sohn wurde Maler, bloss Maler, Tulpenthal aber, der Geld machte, in jeder Weise Geld machte, konnte seine Tochter mit einer Grafenkrone schmücken. Was Sie wurden, Frau Gräfin, das sind Sie durch . . . durch . . . Ihren Vater geworden. Ich wurde Maler, erhielt die Staatsmedaille, wurde der Königin vorgestellt, und es gibt in der Hauptstadt keinen vornehmeren Salon, in dem Künstler verkehren, wo ich nicht mit Auszeichnung behandelt würde. Und das war ich geworden, wurde ich ganz allein, durch mich selbst, und nicht durch . . . durch meinen Vater. Es mag eine unverzeihliche Kühnheit sein, dass ich mich zu fühlen wage, obwohl Sie mich niederschmetterten, allein ich fühle mich trotzdem. Und hiermit, Frau Gräfin, empfiehlt sich Ihnen Ihr ganz ergebener Diener." (Fortsetzung folgt.)