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Die Welt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Article
Warum wir keine Genies haben
Date
1902-04-04
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Kr. 14 ,Die & Welt46 Seite 5 im märkischen Boden, dem er entstammte, sein Land war es, dessen; Gesetze er schuf, sein Volk war es? für das er alle Kräfte einsetzte, mit dem er manchen Streit ausfocht — oft in bitterem Zorn, aber doch stets im gegenseitigen Verständnis der Eigenart. Sein König konnte ihn, der sich dem Herrscherwillen nicht fügte, entlassen, und grollend gieng er auf seine Güter — aber er blieb immer im Denken der Lehencträger seines angestammten brandenburgischen Pürsten, der glücklich gewesen wäre, für denselben König wieder Dienste thun zu dürfen. Wenn er von Wilhelm L sprach, so nannte,er ihn „seinen alten Herrn" und auf sein Grab Hess er als Inschrift setzen, dass hier des alten Königs „treuer Diener" ruht. Hätte Bismarck jemals versucht, etwas anderes zu sein, als was er war — unfehlbar wäre der grosse Zug seines Wesens, der auf der natürlichen Urwüchsigkeit beruhte, geschwunden und mit ihm die Möglichkeit zum Wirken in der gewaltigen Art, wie es geschehen ist. Und nun sehe man sich einmal die Juden an und frage sich, ob es gerecht ist, uns das Volk ohne Genies zu schelten. In welchem Boden soll bei uns das Genie wurzeln? In den Ghetti mit ihrem beschränkten Denkkreis, in jenen Ghetti, wo es als Vermessenheit gilt, modernes Wissen zu erringen, wo man Schiwe sitzt hinter den „Verlorenen", die in das Leben der Allgemeinheit hinausstreben und in Bezug auf das Gesetz nicht strengsten Anforderungen genügen? Oder soll das Genie aus den Kreisen der westeuropäischen Juden kommen, die keine Tradition kennen und in keinem Heimatsboden wurzeln, die keine Juden sein möchten und keine Deutschen, Franzosen, Engländer sein können? Soll das Genie unter denen gross werden, die in ihrer seelischen Halbheit sich selbst nicht begreifen und den höchsten Stolz darein setzen, von einem antisemitischen Droschkenkutscher oder Dienstmann nicht als das erkannt zu werden, was sie sind? Der Verwesungsdunst, der von dem absterbenden Volkskörper ausgeht, muss ja betäubend auf die Sinne auch des Stärksten wirken und ihn zum Medersitzen zwingen — oder aber hinaustreiben in die frische Luft. Und draussen wird er wohl schaffen können, aber wie jemand, der aus einer verkommenden Familie stammt und nach furchtbaren Kämpfen sich von den Seinen losgesagt und mit allen zarten Empfindungen gebrochen hat, um sich selbst zu retten. Das beste Beispiel ist Heines Leben. Er kann nicht mehr athmen in der Enge, und darum verlässt er sein Volk. Und in der Folge wohnen zwei Seelen in seiner Brust. Der Flug seiner Genialität wird gehemmt durch die innere Zerrissenheit. Die schönsten Gesänge schliessen mit Missaecorden, und da er nirgends ganz zuhause ist, sich nirgends als Bestandtheü eines grossen Ganzen zu fühlen vermag, so findet er auch niemals den Trieb zu einem grossen zusammenhängenden Werke oder auch nur den Gedanken für ein solches. Das Höchste vermag er nicht zu leisten — da geht ihm die Kraft aus. Ein alter Zauberspruch sagt, dass wer fliegen will, eine Handvoll Heimatserde in seine Schuhe thun müsse. Der Gedanke ist nur zu wahrl Nein, jetzt bringen wir keine Genies hervor — und so lange die gegenwärtigen Verhältnisse dauern, werden sie uns aus den Assimilationskreisen sicher nicht geboren werden — aber einstmals ist das anders gewesen. Moses, jene Propheten, die das grösste Buch der Welt mit ihren Ideen füllten, sie waren doch wohl Genies. Aber freilich, sie wurzelten in festem Boden, im Volke Abrahams, Isaks und Jacobs. Nicht umsonst ist unsere Religion völlig durchsetzt mit nationalen Elementen; es waren ja geniale Staatsmänner und Denker, die ihr zum mindesten die Form gaben, und die fügten eben von ihrem Selbst hinzu, von der geistigen Tradition, in der sie aufwuchsen und die ja lediglich in der Stammesgeschichte wurzelte. Jede ursprüngliche Religion muss darum eine Nationalreligion sein, weil die Genies,die sie schaffen, auf dem begrenzten Boden eines Volksganzen schaffen. Erst in späteren Fortbiidungsformen können allgemeinmenschliche, entnationalisierte Glaubenslehren entstehen, wenn etwa — wie es beim Christenthum der Fall war — das Fortbildungsgenie sich auf fremden Volksboden stellt und ihm die Segnungen der alten Heimat bringen will. Ohne Paulus wäre das Christenthum eine jüdische Secte geblieben. Man lasse uns wieder ein einheitliches Ganzes werden, man lasse uns wieder ein Volk sein, das fest im Boden wurzelt und den Erdgeruch eigener Scholle athmet — dann werden uns auch ganze Männer geboren werden mit tiefem und starkem Empfinden und Wollen. Und wir werden unsere „Mission" unter den Völkern besser und vortheilhafter erfüllen können als jetzt. Unsere Protestrabbiner sind ja wahrlich keine Propheten, aber auf dem Boden der Heimat werden uns Geistesheroen geboren werden, wie in den biblischen Tagen. Vierteljahres - Versammlung der English Zionist Föderation in London. Am Sonntag den 16. März fand im Akenfields-Hotel, Finsbury, die vierteljährliche Versammlung der Federation statt, in welcher die Executive Rechenschaft über ihre Thätigkeit und die finanzielle Lage abstattete und verschiedene wichtige Vorschläge zur Berathung vorlegte. Es waren 50 Delegierte anwesend, die Herren der Executive eingerechnet. Herr Heinr. Rosenbaum übernahm als Vicepräsident der „E. Z. F.", in Abwesenheit des Präsidenten Sir Francis Montefiore, den Vorsitz, Die Versammlung wurde um 11 Uhr eröffnet, und der Schatzmeister Herr H. Camor verlas das Sitzungsprotokoll der letzten Versammlung. Sodann ergriff der Vorsitzende das Wort und gab in einer längeren Rede genauen Bericht über die Thätigkeit der Executive. Er machte darauf aufmerksam, dass sein Bericht leider nicht auch die volle Thätigkeit der Provinzen einschliessen könne, weil die Herren Secretäre der Vereine nicht immer die Executive über ihre Thätigkeit auf dem Laufenden halten. Die Federation benöthige regelmässige Rapporte. Es hätten während der drei Monate 2°2 Sitzungen der Executive und 17 des Permanenz-Comites stattgehabt und dieselben wären gut und regelmässig besucht worden. Viele Hunderte von Briefen seien empfangen und in den Sprachen beantwortet worden, in welchen sie abgefasst waren (Englisch, Hebräisch und Jargon). Die folgenden Gegenstände sind durch Circulare abgehandelt worden:Schekolim, Federationsbeiträge, Zionistentag, Chanuka-Feier, Publicistik. Die Federation hat Anstrengungen gemacht, der immer mehr wachsenden Nachfrage nach Rednern gerecht zu werden, hat aber trotz ergangener Aufforderungen bisher keine genügende Anzahl von Rednern finden können. Mehrere Broschüren sind verbreitet worden. Die Pflege des Hebräischen hat zum erstenmale während dieses Vierteljahres, dank den Bemühungen der Hebräischen Commission, praktische Beschlüsse und Schritte von Seiten der Executive hervorgerufen. An öffentlichen Kundgebungen durch Versammlungen hat es nicht gemangelt. Vor und namentlich nach dem Congresse haben sehr erfolgreiche Meetings stattgefunden, und dank dem persönlichen Eingreifen Mr. Israel Z a n g w i 11 s hat die "öffentliche Meinung in England ein reges Interesse für den Zionismus und für die Frage der „J. C. A." bekundet. Der Redner betonte, dass obgleich die hebräischen und jüdischen Zeitungen, wie der „Hajehudi" und namentlich der

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