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Die Welt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Article
Abbitte des "Jewish Chronicle"
Date
1902-04-04
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 14 Verständnisse waren, und wir wünschen unzweideutig, uns von denselben zu trennen, und unser tiefes Bedauern sowie unsere aufrichtige Entschuldigung wegen ihrer Veröffentlichung auszudrücken. Es ist angemessen hinzuzufügen, dass, obschon diese Entschuldigung an Mr. EL R. Lewis zur Prüfung seitens seiner dienten gesendet wurde, sie als unsere eigenwillige betrachtet werden muss, und wir sie nicht als von ihm vor der Püblieaiion festgesetzt vertreten. Wir erachten es als unsere Pflicht gegenüber unseren Lesern und uns selbst, wie gegenüber dem Je wishColonial Trust, diese Richtigstellung und Entschuldigung zu bringen. „Warum wir keine Genies haben." Von Dr. Adolf Friedemann (Wiesbaden). Schreiber dieser Zeilen hatte unlängst eine längere zionistische Debatte mit Herrn X., der vormals ein berühmter Mime war. Als solcher hat er den Shylock und Nathan den Weisen mit gleicher Unparteilichkeit gespielt, und allmählich ist er durch Verkehr und Beruf auf einen Standpunkt gelangt, der ihn, wie er meint, befähigt, die Dinge objectiv zu sehen. Und da sagt er denn, dass die zionistische Bewegung an sich wohl schön gedacht sei, nicht weil sie einem missverstandenen Kosmopolitismus widerspreche, s-ondern weil das Endziel alles Strebens der vollkommene Mensch sein müsse. Die jüdische Rasse aber sei das Volk der befähigten Mittelmässigkeiten; vermischt mit dem Deutschthum gebe es glänzende „Zuchtresultate", allein für sich habe es ausser Spinoza niemals ein Genie gezeitigt. Vermögen wir demnach das Höchste nicht zu leisten, so haben wir auch keine besondere Existenzberechtigung. Diese Beweisführung, die in ähnlicher Form gerade von geistig hochstehenden und ein flussreichen Männern beliebt wird, hat auf den ersten Blick viel Bestechendes. In Wirklichkeit ist sie durchaus irrig, selbst vom Standpunkte des Geistesaristokraten, der die „Vielzuvielen" verachtet, oder wie Sohm das „Unvolk" vertilgen möchte. Zudem enthält sie einen inneren Widerspruch: denn zur Befruchtung einer Rasse können niemals Mittelmässigkeiten verwendet werden, sondern stets nur hervorragende Individualitäten. Das weiss jeder Pferde- oder Hundezüchter. Wenn also das Judenthum aus talentierten Mittelmässigkeiten bestände, so wäre eine Vermischung mit dem Deutschthum höchst unzweckmässig. Sie wäre nur anzustreben, wenn wir das Höchste leisteten — das aber wird gerade auf der Gegenseite bestritten. Aber die Beweisführung ist auch deshalb falsch, weil sie von einer falschen Prämisse ausgeht. Es wird zugegeben, dass wir relativ viele Talente und verhältnismässig wenig Genies hervorbringen. Aber beweist das thatsächlich, dass wir dazu weniger befähigt sind, als andere Völker? Zunächst sind die Genies im höchsten Sinne des Wrortes, die Menschen, welche der Welt neue Bahnen wTeisen, doch überhaupt recht selten, zu selten, um mit ihnen Statistik zu treiben. Wie wenige Männer sind doch aus der slavischen Rasse hervorgegangen, denen man die Berechtigung zur Führung des Titels von Genies concedieren kann? Und haben deswegen die 150 Millionen Slaven ihre nationale Berechtigung verloren? Gewiss nicht. Schon die Beobachtung der stets zunehmenden Zahl geistiger Grössen in Russland lässt den Schluss gerechtfertigt erscheinen, dass in vorgeschritteneren Stadien der Cultur der Osten uns wunderbare Geistesblüten schenken wird. Schon heute hat er uns einen Tolstoi gegeben. Vor hundert Jahren aber galt es noch bei Goethe als Lehrsatz : Die Russen haben keine Genies, Also kommen doch Genies mit der wachsenden Kraft des Volkes auf geistigem Gebiet. Erst wenn das allgemeine Bildungsniveau eine bestimmte Grenze erreicht hat, können die geistigen Grössen geboren werden, denn vorher finden sie kein Feld ihrer Bethätigung, keine Möglichkeit zur vollen Entfaltung der Kräfte. Und noch ein zweites muss vorhanden sein, um dem Genie den Weg zu bahnen: das ist ein nicht zu eng bemessener Wirkungskreis. Es ist ebenso unwahrscheinlich, dass heute ein gewaltiger Dichter, Künstler oder Denker in den Vereinigten Staaten geboren würde — ein Mann von wirklich überragender Bedeutung, der neue Wege zu bahnen imstande wäre, wie dass er in Serbien oder Bulgarien erstände. Fehlt in letzteren Ländern das Culturniveau, das ein gedeihliches Schaffen ermöglicht, so ist in den Vereinigten Staaten mit ihrem Völker-Mischmasch die Möglichkeit verloren, weil das Milieu nicht einheitlich ist, der Tradition entbehrt, weil das lediglich auf den Staatsgedanken gegründete Zusammengehörigkeitsgefühl nicht das in sich abgeschlossene Denken, nicht das bodenständige Empfinden, nicht die Einheitlichkeit der Persönlichkeit hervorzurufen vermag, jene Eigenschaften, die, wie es scheint, für das Wesen des Genies unerlässlich sind. Das Genie denkt intuitiv, nicht deductiv. Intuitiv aber können eben nur Menschen denken, bei denen das Empfindungsleben stark pulsiert, die überdies starkes Selbstvertrauen besitzen, das ihnen schnelle Schlüsse gestattet, und schliesslich nur Menschen mit kräftigem Willen. Ebenso, wie es unmöglich ist, dass das Genie je im Verborgenen blüht, eben weil der Wille, das Streben zur That ein Theil seiner selbst ist, so ist das Vorhandensein starker Empfindung eine Vorbedingung. Denn der kühldenkende Mensch wird den impulsiven Schluss des Genies scheuen, weil dabei scheinbar der nüchterne Verstand nicht genügend in seine Rechte tritt. Wie soll aber ein klares und starkes Empfindungsleben, bezogen auf äussere Dinge, entstehen, wenn die äusseren Verhältnisse ungleichmässiger Natur sind? Soll der geniale Dichter geboren werden in einem Kreise ohne einheitliche Sprache? Soll er in New-York englisch, irisch, deutsch oder italienisch dichten? Er wird die tiefe Empfindung für die Schönheit einer einzigen Muttersprache niemals besitzen, weil er ja zwei oder drei Muttersprachen hat, und der Wille zur That wird fehlen, der Wille, in einer der Sprachen zu schaffen. Bismarck ist ein recht charakteristisches Beispiel dafür, was den genialen Menschen ausmacht. Sein rücksichtsloser Wille, seine ungezügelte Thatenlust lässt ihn in der Jugend allerhand Thorheiten begehen, die bei Durschnittsmenschen eine weit schärfere Beurtheilung finden müssten. Er bleibt sein ganzes Leben hindurch der Vernichter seiner Feinde, er pactiert selten, fast niemals, er ist zuwreilen rücksichtslos bis zur Brutalität. Daneben ist er häufig kindlich weich, religiös, von zartester Empfindung. Er zerschmettert in der Wuth über eine ungünstige Nachricht einen ganzen Satz Teller und ist im nächsten Augenblick wie ein sanftes Lamm, weil seine Frau ihm ein freundliches Wort sagt. Und schliesslich bleibt er sein ganzes Leben lang ein Junker. Auch das war — so bizarr es zuerst klingt — eine nothwendige Voraussetzung für sein grossartiges Schaffen. Für ihn bedeutet das Wort Junker den patriarchalisch gesunden Edelmann vornehmen alten Stils, der trotzig auf seiner Scholle sitzt, kein Hofmann zu werden vermag und dem König ein getreuer Lehnsmann ist. „Ich will den Namen Junker zu Ehren bringen," hat Bismarck einmal gesagt, und er hat Wort gehalten. Er hat den Denkungskreis, in dem er gross geworden, mit sich hinübergenommen in das Leben des Diplomaten und des Staatsmannes — ermusste ihn mit sich nehmen, weil er ihn zum einheitlichen, innerlich abgerundeten Menschen machte. Auch wenn er gelegentlich einmal liberal regierte oder gegen seine Standesgenossen vorgieng, verlor er nie den festen Halt. Er wurzelte eben mit jeder Faser des Seins

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