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Die Welt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Article
Zionismus in Ungarn
Date
1902-04-04
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & W«lt" Blut eingesetzt haben und auch weiter einsetzen, und die unter Aufopferung ihrer selbst ein gutes Stück zur jetzigen Grösse und Bedeutung Ungarns beitragen, haben ein gewisses Recht, zu hoffen, dass diejenige Bestrebung, welche darauf gerichtet ist, den Heimatlosen und Entwurzelten, die vom grossen Weltentyrannen „Noth" ruhelos von Land y.n Land gejagt werden, eine gesicherte Heimstätte zu schaffen, bei den Magyaren tiefe und verständnisvolle Sympathie und weitgehende Unterstützung finden werde. Der Zionismus fordert nicht, class alle Juden ihr Bündel schnüren und auswandern, ja, er hält dies nicht einmal für erwünscht. Es ist eine naive, kindische Voraussetzung, die, um sie ad absurdum zu führen, in die zionistische Idee hoshaft etwas hineininterpretieren möchte, was in ihr absolut nicht enthalten ist. Der Zionismus ist eine Heimatsbewegungfür Heimatlos e. Und diejenigen, welche sich h i e r wohl fühlen, sollten am meisten beitragen, für die Armen d ort ein Heim, in dem sie sich auch wohl fühlen könnten, zu schaffen. Wie Eoosevelt sagt, „die Menschheit beginnt sich allmählich als eine Familie zu fühlen", und der Bei che kann nicht voll und ganz gemessen, wenn er nicht sein Scherflein zur Linderimg der Noth der Annen und Unterdrückten freiwillig beiträgt. Allein das alte System des „Almosengebens" ist obsolet geworden, es hat sich mit vielen Requisiten des Ancien regime vollkommen überlebt. Das „Gabenschenken" erzeugt nur Berufsbettler, die immer tiefer von Stufe zu Stufe sinken, und demoralisiert beiderseits: den Nehm er-wie dei? Geber. Es erfüllt den einen mit dünkelhaftem Hochmuch und löscht im anderen jede Männlichkeit aus. Es ist eine nutz- und fruchtlose Arbeit. Das Almosengeben erinnert vielfach ans mythische Danaidenfass: wie viel man auch hineinschüttet, es rinnt aus, denn der Boden, der moralische Halt, fehlt vollständig. Darum perhorresciert auch die moderne, v o r b e u g e n <1 e Armenpflege das Almosen.: geben. Philanthropisch und social im wahren Sinne des Wortes, schafft sie für die vom Schicksale Verfolgten Existenzmöglichkeiten, nivelliert Unebenheiten und Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellen, und sucht nach neue n Formen, um alt e Wohlthaten zu erweisen. Fortschrittlich geht sie mit dem Geiste unserer Zeit, der im Zeichen der C olon isa.tion steht. Die vorbeugende Armenpflege erschlichst neue Länder und Territorien, um dem Volksüberschusse an Kraft und Arbeit einen geregelten und materiell gesicherten Abfluss zu bieten. Jeder Staat, jedes Volk will seinen „Platz an der Sonne" haben, will durch seine innere Energie und Willenskraft seine Daseinsberechtigung documentieren, und so auch wir Juden, die so vielen Völkern durch unsere weltbewegenden Ideen zu neuem, menschlichen Daseinsformen verholten haben. Der Zionismus ist eine moderne Bewegung, die, mit den Hilfsmitteln unserer Zeit ausgerüstet, furchtlos und geradeaus einem ganz präcisen Ziele zueilt. Der Zionismus ist eine radicale und endgiltige Abhilfe für die Xoth der Juden, welche grösser ist als die aller anderen Völker zusammengenommen, weil wir zufolge der zweitausendjährigen Diaspora nicht nur wirtschaftlich leiden. Zum Zwecke der Aufklärung der absichtlich, übel bcrathenon und irregf ührten öffentlichen Meinung hat die Vortrauensmännerversa nun hing der Zionisten Ungarns beschlossen, volksthümliche, leiehtfassliche Broschüren und sonstige Piddieationen an alle Bevölkerungsschichten in 'Ungarn, in erster lieihe an die führenden Personen im Staate und in der Gesellschaft, zu versenden1. Zur Central stelle der uiigarisch-zionis-ti sehen Bewegung wurde vorläufig Pressburg gewählt und mit der Führung des Centralhureaus Herr Samuel BetteUieini betraut. Aus den einzelnen Heferaten wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, dass an verschiedenen Orten Ungarns zionistische Vereine auf der Basis des oben angeführten Programmes bereits in Bildung begriffen sind, und die Erwartung ausgedrückt, dass die ungarische Regierung der Bildung und Entwicklung dieser Vereine w o hl w o. 1 le n.d entgegenkommen werde. Wir alten Zionisten sind gewöhnt, dass unsere Intentionen, die wir stets klar und offen vor aller Welt darlegen, vieler orten und vielfach missverstanden werden. Das rührt nur daher, dass man sich nicht die Mühe nimmt, unsere Absichten kennen zu lernen und in ihrer edlen Reinieit aufzufassen. Ein ähnliches Missverständnis hat auch bis jetzt in Ungarn obgewaltet, indem man dem Zionismus, der materiell für die „Verzweifeltesten der Verzweifelten" sorgen will, in boshafter und gehässiger Weise antipatriotisehe Velleitäten unterschob, die gar nicht in seinem Programme enthalten sind. ]SIun ist alles in Angriff genommen, um die Verdächtigungen und. Missverständnisse zu beseitigen, und wir hoffen, dass sich unsere Idee in Ungarn, dieser Insel moderner Staatsfreiheit im continentalen Europa, an der sich vergebens die hochgehenden Fluten aller ßeactiousbestrebungen brechen, rasch"und gesetzmässig verbreiten und viele Kräfte zu werkthätiger Arbeit vereinigen wird. Jeder ungarische Jude und jeder ungarische Patriot, ja v o r allem jeder ungarische Patriot, sollte unsere zionistische Bewegung aufs wärmste unterstützen. * IL Gründung eines zionistischen Vereines in Budapest. W. R. Montag den 24. März fand im „Hotel Royal* in Budapest eine zahlreich besuchte Versammlung der hiesigen Zionisten statt. Gegenstand der Berathungen bildete die endgiltige Gründung eines Zionistenvereines, So ist es denn endlich nach Ueberwindung zahlloser Schwierigkeiten erreicht. Der „Erste Budapester Zionistenv er ein" besteht und berechtigt zu der Hoffnung, dass der Zionismus von diesem Vereine aus seinen Siegeszug durch das ganze Land halten wird. Was uns zu dieser Hoffnung ganz besonders berechtigt, ist der Umstand, dass die ganze zionistische Bewegung hier von der Jugend ausgieng, und zwar von der studierenden Jugend. Den ersten Antoss gaben die Schüler des hiesigen Lehrerseminars, also die zukünftigen Lehrer der jüdischen Jugend. Wer den Einfluss des Lehrers kennt, wird es zu schätzen wissen, welch eine Bedeutung es für die hiesige zionistische Bewegung besitzt, dass die zukünftige jüdische Lehrerschaft sich im Lager der Zionisten befindet. Aus ihren Händen übernahmen mehrere Hörer der hiesigen Universität und des Polytechnikums die Leitung dieser Bewegung, und ihrem unermüdlichen Eifer ist es gelungen, die gestrige Versammlung, die ihrem organisatorischem Talent ein beredtes Zeugnis ausstellt, zustande zu bringen, Der Verlauf der Versammlung war folgender: Der Präsident Herr Feuchtmann eröffnete mit einer zündenden Rede die Versammlung, worauf er das Wort dem Herrn stud. phil. Wilhelm Ringwald zum Referate gab. In sachlicher und ruhiger Darstellung erörterte dieser die Ziele und Bestrebungen des Zionismus, begegnete mit kräftigen Argumenten dem Vorwurfe, als ob der Zionismus die Schöpfung einiger utopistischer Denker sei, und wies nach, dass der Zionismus das Product der gesellschaftlichen Entwicklung, die logische Consequenz der geschichtlichen Geschehnisse sei. Er führte der Vereammlung das Bild der hiesigen jüdischen gesellschaftlichen Zustände in ihrer ganzen Düsterkeit vor, schilderte den religiös-sittlichen Verfall der jüdischen Gesellschaft und Familie und meinte, das Bestreben des Zionismus werde sein, den alten jüdischen Puritanismus wieder herzustellen. Seine Worte fanden bei der Versammlung grossen Anklang. Nach ihm sprach Herr stud. jur. Leopold Steuer. Er stellte sich zur Aufgabe, die Vorwürfe der Gegner zu widerlegen. Ganz besonders glücklich war seine Argumentation, als er

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