Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 13 (28.3.1902)
- Article
- Verdächtigungen
- Date
- 1902-03-28
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & Weltf* Nr. 13 In der letzten Nummer des Mainzer „Israelit" vom 20. d. M. und in der Nummer des „Jewish Chronicle" vom 21. d. M. erschienen zwei identische Artikel, beide aus Berlin vom 16. März datiert, in welchen es heisst, dass „aus den so sorgsam zu behütenden Cassen der Bank grosse Beträge der Bank spazieren gegangen sind" und „dass mehr als die Hälfte des eingezahlten Geldes bereits verschwunden zu sein scheine". Der Fünfer-Ausschuss des Aufsichtsrathes hat, sobald er von diesen Zeitungsnotizen Kenntnis erhielt, sofort durch den Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer in Köln, der bekanntlich ebenfalls ein Mitglied des Aufsichtsrathes ist, die Strafverfolgung des Mainzer „Israelit" und die Erzwingung einer pressgesetzlichen Berichtigung angeordnet. Ebenso ergieng an die Londoner Governors der Bank, die Herren G o w e n, Greenberg und L e v o n t i n, die Weisung, auch gegen den „Jewish Chronicle" die Strafverfolgung einzuleiten. Auch in diesem Falle soll aber zugleich die Aufnahme einer Berichtigung pressgesetzlich erzwungen werden. Wir brauchen nicht erst hinzuzufügen, dass im Mainzer wie im Londoner Falle die Aufnahme der Berichtigung den Strafprocess nicht aufhält oder ausschliesst. Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer hat an den Mainzer „Israelit" bereits am 22. März folgendes Telegramm gerichtet: „Redaction „Israelit", Mainz. Ersuche auf Grund Pressgesetzes um sofortige Aufnahme folgender Berichtigung an auffallender Stelle: Der in Ihrer Zeitschrift veröffentlichte Bericht über die zionistische Golonialbank enthält schwere Verdächtigungen dieser Bank, welche von Anfang bis zu Ende auf freier Erfindung und böswilliger Entstellung der Thatsachen beruhen. Die Verwaltung der Golonialbank hat die gerichtliche Verfolgung der Urheber und Verbreiter dieses verleumderischen Berichtes bereits veranlasst. Der Aufsichtsrath der Jüdischen Golonialbank. Im Auftrage: Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer". Nun wird die Verwaltung und der Aufsichtsrath mit dem grössten Vergnügen die Gelegenheit wahrnehmen, öffentlich nachzuweisen, dass nichts „ spazieren gegangen ist" und dass das eingezahlte Geld voll und ganz vorhanden ist, und ebenso wird die Verwaltung gerne vor jedermann die absolute Gorrectheit ihrer Gebarung nachweisen. Ein Vorwort zum zweiten österreichischen Zionisten-Tage. Von Dr. S. Krenberger. An der Grenze von Ost- und Westösterreich werden sich am 18. und 19. Mai die Abgesandten der zionistischen Corporationen Oesterreichs versammeln, um wieder über die nächsten Ziele unserer Volksbewegung zu berathen und Beschlüsse zu fassen. Rückblick und Prüfung einer-, Ausschau und Planen andererseits soll der Tag bedeuten. Wir wollen sehen, wie weit seit dem Olmützer Parteitage - die zionistische Arbeit geführt wurde, und bestimmte Arbeitspensen für das nächste Jahr aufstellen. Ausgangspunkt aller Betrachtungen, Erwägungen, Beschlüsse und Handlungen bleibt für uns immer das Baseler Programm im allgemeinen, das Olmützer im besonderen. Beide sind so inhaltsreich und umfassend, dass aus ihnen die Theilaufgaben jedes Jahres und jeder Organisation noch lange entnommen werden können. Es ist die Frage, was sollen wir für das kommende Jahr allen Organisationen als Pflichtaufgabe zuweisen. Das wird der Gegenstand der Bielitzer Berathung sein. Wir sagen nicht werden,, es heisst sollen, und dem entspricht die attributive Bezeichnung der Aufgaben durch das Wort Pflicht, Aus innerer Nothwendigkeit sollen die Aufgaben erwachsen, damit sie Bestand und Wert haben. Wie construieren wir aber diese innere Nothwendigkeit? Von selbst ist dieses Problem durch zwei Bestimmungen eingeengt, durch die zeitliche: „für das kommende Jahr* und durch die objective: „für unsere Organisationen Ä. In Olmütz haben wir uns gegliedert, begrenzt, definiert. Nach alter Erfahrung, nach Analogie mit ähnlichen Bewegungen bestanden wir aus Vereinen, einer nur einem Theile dieser übergeordneten Verbandsleitung und dem Central-Ausschusse des Gongresses, dem A.-C., als oberster Führung. In Olmütz machten wir die Verbandsleitung zur Direction aller Vereine und Vermittlerin zwischen ihnen und dem A.-C., beziehungsweise dem Gongresse. Wir haben dort die formelle Verwaltungstheilung vorgenommen, unsere Truppen gegliedert, die Landsmannschaft innerhalb der ganzen Bewegung abgegrenzt und definiert. Es war die Aufrichtung des Hauses, in dem wir wohnen wollen. Freilich, der Parteitag gab nur die Theorie, die Lehre, die Anweisung, entwarf nur den Plan des Hauses. Der „Verband* hatte die Mauern aufzuführen, das Haus zu bauen, die Organisation durchzuführen. In Bielitz werden die Bauherren prüfen, ob die Theorie mit der Praxis übereinstimmt. Das wird die Aufgabe des zweiten Zionisten-Tages sein. Wie weit sind wir schon in der Organisation vorgeschritten? Wie functioniert sie? Und was ergibt sich als Wunsch der Zukunft? Das ist Rückblick und Ausschau. Das Landes-Comite hat sich nach oben und unten abgegrenzt. Das scheint mir das Hauptresultat der heurigen Organisations-Arbeit zu sein. Diese genaue Arbeitsteilung ist nationalökonomisch und ethisch wertvoll. Innerhalb der österreichischen zionistischen Partei weiss man, was das Landes-Comite ist und will. Wie der einzelne, der weiss, was er immer will, der männlichen Wertschätzung sich erfreut, so darf dieses Prädicat auch das Landes-Comite in Anspruch nehmen, und das ist die ethische Beurtheilung. So weit sind aber die D.-G. und die Vereine noch nicht. Für sich weiss wohl jede dieser Organisationen ihren Eigenzweck, aber der allgemeine hauptsächliche Parteizweck ist noch nicht klar. Das ist es, was die Parteigesinnung ausmacht, insoferne als wir die Gesammtheit des aus festen Ueberzeugungen stammenden Wollens Gesinnung nennen. Diese 'fehlt bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Die Ursache dieses Fehlers und Abhilfe dagegen zu ergründen, ist das zweite Thema der neuen Berathung. Die Constatierung des Fehlers ist kein Vorwurf, keine Anklage. Die Construierung, der Aufbau dieser Parteigesinnung ist eine sehr schwere und lang dauernde Sache. Auf manche Arten haben wir erfreuliche Beweise derselben schon erhalten, aber allgemein ist sie noch nicht geworden. Man kann die Entwicklung der Menschengruppen mit der des Einzelwesens in Analogie bringen. Auch beim Kinde hängt die Erweckung eines festen, auf das Wohl des anderen gerichteten Willens von vielen Momenten und langer Einwirkung ab und bedarf tüchtigster Leitung. Ein Hauptmoment ist das Milieu, der heimatliche Boden, ein zweites die Sorge für das tägliche Brot, die materielle Gedrücktheit, die den idealen Blick trübt, ein drittes die zu