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Die Welt · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-03-21
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 #>ie & Welt Nr. 12 Sehen Sie, im Sinne meines Bruders bin ich vielleicht ein schlechterer Jude als Sie, und dennoch hält er mich für keinen schlechten Juden, weil mich die Unterdrückung meiner Religionsgenossen seit Jahren beschäftigt, und weil ich mithelfe, ihnen endlich eine Stätte zu sichern, wo sie sich daheim fühlen sollen, ohne eine Verfolgung befürchten zu müssen. Auch seine Seele hängt daran, die Juden von den Sclavenketten befreit, im Lande ihrer Väter ruhig und glücklich zu sehen. Wer sich wie er für die Zions-Idee begeistert, dem könnte er vielleicht sogar verzeihen, dass er Schweinefleisch isst. Werden Sie Zionist, lieber Rosenstein, und Sie haben bei meinem Bruder das Spiel halb gewonnen." „Ich kann mich nicht für eine Idee erwärmen, die nicht allein nicht zu verwirklichen ist, sondern auch meinen Ansiebten über die Zukunft der Juden stracks zuwiderläuft. Es muss eine Assimilation der Juden mit den Christen erfolgen. Die Juden legen ihre Eigenheiten von Tag zu Tag mehr ab; die Christen müssen wahrnehmen, dass wirkeine Sonderinteressen hegen, und wenn die Cultur fortgeschritten sein, die Allgemeinheit eine höhere Stufe der Aufklärung erklommen haben wird, werden alle Menschen in den Juden so gut ihre Brüder sehen, wie in den Bekennern jeder anderen Religion." „Das wird niemals geschehen, niemals! Der Hass hat im finstern Mittelalter begonnen und ist genährt worden bis auf den heutigen Tag. Im Zeitalter der Duldsamkeit und der Unduldsamkeit im Zeitalter der Philosophie und der Cultur, in der Zeit der Aufklärung und Hypernervosität — immer und ewig sind die Juden die Siindenböcke gewesen. Denken Sie zurück an eine Epoche, da etwas wie Völkerfriede herrschte, ein Land werden Sie mindestens finden, wo man die Juden drangsalierte. Was wähnen wir heute, nicht alles erreicht zu haben! Noch eine kurze Spanne, und wir steigen im lenkbaren Luftschiff durcli den Raurn^ doch dass die Juden in Ruhe gelassen werden, das haben wir noch immer nicht erreicht. In Russl^nd, Rumänien, Oesterreich, Frankreich, überall werden sie wie räudige Hund« betrachtet. Ja selbst in dem aufgeklärtesten und glücklichsten Lande der Welt, in Deutschland, das einen Kaiser besitzt, den die Geschichte einst neben Napoleon und Goethe stellen, ja, was die Kraft seines Herzens, die Energie seines geklärten Willens, die Grösse seiner Selbstbeherrschung anbelangt, über Napoleon und Goethe stellen wird, selbst in Deutschland ist der Jude verachtet, ist er bloss ein geduldetes Uebel." „Das hat er zumeist seiner Fahrigkeit zu 'danken, seiner Nervosität, seiner Ueberheburg oder anzeitgemäss^r Kriecherei. Er handelt stets unter irgend einem Zwange, er thut nichts, wie es selbstverständlich gethan werden müsste." „Er kann die selbstverständliche Sicherheit, die natürliche Ruhe nicht erlangen, weil er sich des Gefühls nicht entschlagen kann, er werde Anstoss erregen. Diese Furcht wohnt in jedem Juden, ohne Ausnahme. Es ist ganz richtig, dass der Jude niemals so spricht, niemals sich so bewegt, wie es selbstverständlich wäre. Er spricht zu iaut oder zu leise, er geht zu rasch oder zu langsam, er sitzt zu steif oder zu lässig, er spricht zu devot oder zu hochmüthig; niemals hält er sich in der richtigen Mitt . Der letzte Bauer bewegt sich n> türlich wie alle anderen seines Kreises: er geht natürlich, er isst natürlich, er grüsst natürlich, wie es eben bei den Seinen zu geschehen pflegt. Er thut, was er thut, in der selbstverständlichsten Weise. Der Jude thut das niemals, weil er sich fürchtet. Er fürchtet sich immer. Wenn der protzige, dicke, viele Millionen reiche Jude, in seiner prunkenden Equipage querüberliegend, mit ausgespreizten Händen und Füssen, den Hut im Nacken, durch die Avenue fährt, hält man ihn für frech, ungezogen, arrogant. Er ist es nicht! Er möchte gerne so natürlich in der Equipage sitzen, wie der Graf Lohenstein. Ist ihm doch Graf Lohenstein das anbetungswürdigste Beispiel, gäbe er doch Hunderttausende dafür, einen solchen Eindruck hervorzurufen, wie der Graf Lohenstein. Aber der Druck lastet auf ihm und er fürchtet sich. Es sitzt frech und protzig in seinem Wagen, um zu zeigen, dass er sich nicht fürchte, aber er fürchtet sich dennoch; in seinem Herzen fühlt er ganz gut, dass er eben durch diese Aufdringlichkeit seine Furcht verbergen will. Und diese Furcht ist durch den jahrhundertlangen Druck entstanden, der auf ihm lastet. Der Jude fühlt sich nie allein, er weiss stets, dass für jedes seiner Worte, für jeden seiner Schritte das ganze Jadenthum verantwortlich gemacht wird. Mit jedem Anstoss, den er erregt, wird sein ganzes Volk belastet, was an ihm missfällt, das bietet eine Ruthe mehr zur Austreibung seines ganzen Stammes. Das weiss er, und deshalb fürchteter sich, und weil er sich fürchtet,istalles unnatürlich an ihm und weil es unnatürlich ist, erregt es den Spott oder den Hass seiner christlichen Mitbürger. Dann kommt seine Agilität im Geldverdienen, die Hast zu profitieren. Das bildet eigentlich den Stamm des Hasses, seine Allüren sind die Blüten, welche dieser Stamm treibt. Und so wird er angefeindet; er ist es immer gewesen und wird es stets sein. Immer und immer, mögen gleichviel welche Zeiten kommen. In einem oder dem anderen Lande werden sie einige Jahrzehnte ruhig geduldet, weil eben Duldung und Religionsfreiheit Mode sind, doch das geht vorüber. Er war wiederholt da und ist immer wieder vorübergegangen. Kaum ein Jahrzehnt floss dahin ohne Drangsalierung der Juden in diesem oder jenem Lande, und weil das denn doch nicht bis an das Ende aller Zeiten so fortgehen kann, so muss endlich etwas geschehen, um diesen labilen Zuständen ein Ende zu bereiten." „Und wähnen Sie, der Zionismus sei das Heilmittel?" „Ich weiss es nicht. Zum mindesten sehe ich keinen anderen Weg. der zum Ziele führen könnte. Schmachvoll genug, dass die Juden viele Jahrhunderte hindurch nicht den geringsten Versuch wagten, das schreckliche Joch abzuschütteln. Wenn sie sich vor sechs-, oder acht Jahrhunderten zusammengethan hätten, blos zweimalhunderttausend Mann, so hätten sie mit der Waffe in der Hand sicherlich ein Stück Erde erobert, wo sie die Herren gewesen wären, und ihre Kinder und Kindeskinder wären nicht von aller Welt geknifft, gestossen, geschlagen, beraubt, verjagt, verbrannt worden. „Feiges Volk, Du verdienst kein anderes Los!" rief Ferdinand Lassalle, als er von den Grausamkeiten erfuhr, welche die Juden in Damaskus erduldeten. „Ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Ceremonialgesetz zu achten," behauptet er an anderer Stelle. „Ich könnte mein Leben wagen, die Juden aus ihrer drückenden Lage zu reissen. Ich würde selbst das Schaffot nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen- O, wenn ich meinen kindlichen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden rait den Waffen in der Hand sie selbstständig zu machen." Sie sehen demnach, dass nicht ich allein das schweigsame Dulden der Juden vermin eile, schon Ferdinand Lassalle wollte, dass sie durch die Waffen ihre Unabhängigkeit erobern. Freilich, wäre das auch schon zu seiner Zeit zu spät gewesen; es hätte vor fünfhundert Jahren geschehen müssen. Heute bleibt nichts übrig, als den Versuch auf friedlichem Wege zu wagen." „Und einige Millionen Juden in Paläslina anzusiedeln? Einstweilen aber hat der Sultan den Juden einen längeren Aufenthalt daselbst überhaupt verboten." „Es werden andere Verhältnisse, andere Zeiten kommen. Es ist keine Arbeit von heute auf morgen, welche die Zionisten übernommen haben. Eine Frage ist angeregt, und tausende Köpfe sind bemüht, sie der Lösung entgegenzuführen. Und wenn es Jahrhunderte währt, die Idee? darf mcht mehr fallen gelassen werden, die gesammte Judenschaft muss sich dafür einsetzen, eine Heimat zu erringen, wo sie nicht bloss geduldet wird, sondern auch frei leben darf, denn es kann nicht die Bestimmung eines Volkes sein, die Sclavenketten bis an das Ende aller Tage mit sich zu schleppen." ,.Auch ich habe dies»* Kette bereits zu fühlen begonnen," sagte Paul. „So? Haben Sie -ias? Doch der Druck war noch nicht wuchtig genug? Nun. gedulden Sie sich fein, es wird auch Ihre Zeit kommen. Fühh*n Sie sich wirklich als Jude, so .wird eines Tages auch Ihr Blut sich empören, und von dipsem Augenblicke an werden Sie die Zionisten begreifen. Doch, ich will Sie ja eigentlich nicht bekehren, ich will Ihnen bloss den Weg zum Herzen meines Bruders zeigen." „Er ist schwierig, dieser Weg. Wie mich für etwas begeistern, dessen Notwendigkeit ich nicht einzusehen vermag? Ich bin Jude dem Gefühle nach----" (Fortsetzung folgt.) Von unserer Volksbildungsbewegung. Wochenprogramm der „Jüdischen Toynbee-Halle", XX. Bez., Karajangasse 20. Sonntag den 23. März: Hei mann B er liner: Purin?. — Montag den 24. März: Doctor Engländer: Vom geistigen Hören. — Dienstag den 25. März: Dr. Siegfried Rumpier: Das Recht auf Wahrheit. — M i 11 w o c h d e n 26. März : Dr. Arnold Ascher: Wie verschafft man sich sein Recht? — Donnerstag den 27. März: Primarius Dr. Kornfeld: Aus der Seelenlehre. — Freitag den 28. März:

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