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Die Welt · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Article
Jüdischer Turnverein
Date
1902-03-21
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 „Die & Welt« Seite 13 Wanderer, und die grössten Dulder aller Zeiten! Ich will davon schweigen, dass es auch Makkabäer gab!" „Und was wollen Sie damit deducieren?" „Ich will Ihnen sagen, dass wir mit starken turnerischen Talenten zur Welt gekommen sind, dass wir turnen, ringen, stemmen könnten! Und es gibt ja auch unter uns gute, geborene Turner. Turner der Kraft uud des Stemmens, man nennt sie Athleten, und Turner der Behendigkeit und Geschicklichkeit, man nennt sie Ässiinilanten. Es sind schroffe Gegensätze, aber viele tragen den Gegensatz in sich. Die einen sind Nachkommen der alten Rückenturner, die anderen sind vorwiegend Bauchturner und treffen auch alle Kniebeugen vorzüglich. Ihr erster Turnerruf heisst: „Brust hinein, Bauch heraus!41 Es gibt aber eine Art von Turnübungen, die beide nicht zuwege bringen, ich meine den Umschwung — und das zeigt mir, dass wir zwar Talente zum Turnen haben, aber kein ganzes Talent. Und ich grübelte nach, woher das komme — umso eifriger grübelte ich, als ich ihn selbst nicht zuwege brachte — und. während ich grübelte, kam plötzlich Herr Po Hak, unser wackerer Turnmeister, auf mich zu, unerbittlich, wie das Schicksal — und es half nichts — ich mochte woll-en oder nicht — ich zitterte und zappelte mit Händen und Füssen — und besonders letzteres war für den Erfolg der Uebung nicht gut — aber nach einer ewig langen Secumde kam ich glücklich auf dem anderen Endpunkt des Weltalls an. Unwillkürlich fiel mir ein kleiner Junge ein, dem ich einmal zugesehen hatte, wie er es das erstemal machte. Er drehte sich einmal herum — es gieng schwierig — aber es gieng — und als er drüben war, fieng er zu lachen an, er machte es gleich darauf noch einmal und in rasender Geschwindigkeit sechs- bis aehtmal nacheinander, bis ihm plötzlich schwindlig wurde und seine Glieder wie zerbrochen waren. Das that ihm weh, aber er wusste einfür allemal, was der Umschwung ist. Sehen Sie, lieber Freund! Wir mögen-uns sträuben und zappeln, wie wir auch wollen, wir müssen uns doch einmal um unsere eigene Achse drehen, und der Herr P o 11 a k wird zu uns allen, zu uns allen, sage ich, kommen, uns bei der Hand fassen, und wir werden den Umschwung mitmachen, dieser abstracte Herr Po Hak aber heisst Zionismus--- Und ich fand auch bald die Lösung meines Räthsels, ich fand ganz plötzlich, dass sie etwas ganz und gar Ideologisches, Methaphysisches, Supernaturalistisches, Transcendentales sei! „Transcendentales?" Jawohl Transcendentales. Denn, sehen Sie, ich merkte, wenn ich noch so sehr darüber nachdachte und mir den Hergang ganz klar machte, traf ich's nicht, und wenn ich nur fest wollte, ohne selbst zu wissen, was und wie, dann traf ich's. Denn sehen Sie, einen starken Willen zeigen, wenn es die Noth erfordert, ist doch nicht dasselbe, wie den Willen selbst zum Willen haben, den freien, selbstherrlichen/ „Aber um Gotteswillen, lassen Sie mich doch endlich zu Worte kommen, zumal Sie jetzt gar zu philosophieren anfangen. Sie haben ja auch einen Hauptpunkt vergessen, den nämlich, dass wir ein Volk von Seelen sind. Wohin wollen Sie das jüdische Volk, das hochgeistige, tiefseelische bringen, wenn Ihnen Körperkraft und Geschicklichkeit alles ist? „Ich will Sie zu Worte kommen lassen, lieber Freund, aber ich will Ihnen leider nicht antworten, denn ich will auch nicht philosophieren, sondern bloss annoncieren. Mag es Ihnen auch erscheinen, wie die Annoncen, die mit dem Boerenkrieg beginnen und mit Knorr's Hafermehl enden, aber ich will Ihnen nur sagen : „Jüdischer Turnverein! Jüdischer Turnverein! Jüdischer Turnverein! Kommen Sie in den Jüdischen Turnverein!* Mit Ihren sonstigen Bedenken werden Sie sicherlich allein fertig werden/ Psalm 92. Das ist ein köstliches Ding, Dem Herrn danken und lobsingen. Das ist mein seligster Gewinn In frohen und in dunklen Tagen, Mit Psalter und mit Harfensvpiel Dein Lob zu singen und zu sagen. Die Wurzeln meines Lebens sind So tief und treu in Dich versenkt, Dass doch mein Herz im letzten Grund In allem, Herr, an Dich nur denkt. Denn wenn mich oft die Leidenschaft Und alle Unrast dieser Welt, Ihr Lärm und ihre laute Lust In allzu festen Banden hält, Ist doch mein Sinn wie ein Magnet Mit stiller Kraft auf Dich gerichtet, Der väterlich und göttlich mild Der Mensehenherzen Stürme schlichtet. Du richtest auch Dein Heiligthum In Zion auf zur rechten Zeit, Und lässt aus Trümmern neu erstehen Den Tempel Deiner Herrlichkeit. Dann werden alle, die Du kennst, Und welche Deinem Namen dienen, Wie Cedern auf dem Libanon Im Vorhof Deines Hauses grünen. Sie breiten ihre Zweige aus Und werden blüh/n und fruchtbar sein. In ihren klaren Augen strahlt Von Deinem Licht ein Wiederschein. Und dass sie auf der reinen Stirn Der Auserwählung Zeichen tragen, Das ist ihr seligster Gewinn In frohen und in dunklen Tagen. Berlin. Dolorosa. Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Fortsetzung.) „Das war nicht anders zu erwarten. Und nun brennt das Unglück lichterloh? Meine arme kleine Mirjam lässt das Köpfchen hangen und ist tieftraurig? Ja, ja, so musste es kommen. Mein Bruder ist voll Eigensinn. Doch Sie sollen deshalb nicht verzweifeln, und auch Mirjam weiss, dass sie auf mich zählen kann. Ich will nichts unversucht lassen, gar nichts, aber, lieber Freund, vorher muss ich Sie genau kennen lernen. Ich muss wissen, für wen ich mich einsetze, ob Sie des Glückes, Mirjam Ihre Frau zu nennen, würdig sind. Und ich will gleich hinzufügen: Nur einem an Leib und Seele hervorragenden Manne werde ich Mirjam anvertrauen, denn sie ist ein Diamant, eine kostbare Perle." „Ich will Ihnen mein Herz öffnen, Herr Doctor. Ich weiss, dass ich zu unbedeutend bin, um Mirjams würdig zu sein, allein ich liebe .sie, ich liebe sie mit der ganzen Kraft meiner Seele, und meine Liebe soll ihr ersetzen, was ich ihr anderes nicht zu bieten vermöchte. Leinen Sie mich kennen und dann helfen Sie, rathen Sie mir, denn einstweilen weiss ich keinen Ausweg. Ich bin Jude, doch das genügt Ihrem Bruder nicht. Und ich kann nicht Komödie spielen, ich kann nicht Frömmigkeit heucheln und Mirjam dadurch zu erringen suchen. Ich bin Maler, nicht ohne Talent, habe bereits manchen hübschen Erfolg errungen, meine Bilder werden gut bezahlt und ich bin reichlich imstande, eine Frau zu 'ernähren. Ich bin ein ehrlicher Mensch, ein wenig leicht, ein wenig übermüthig, wie der Künstler ja zumeist ist, aber ich habe nie eine That begangen, über die ich erröthen müsste. Meine Freunde lieben mich, mein Vater ist stolz auf mich, und mein liebes, altes Mütterlein hält mich für den allerbesten Sohn auf Erden.- „Wenn ich wüsste, dass Sie Ihre Mutter wirklich für den allerbesten Sohn hält, so wäre ich ob Mirjams Zukunft an Ihrer Seite beruhigt, denn das Herz einer Mutter lügt nicht. Doch lassen Sie uns von der Gegenwart sprechen. Seien Sie ruhig, versuchen Sie Mirjam zu trösten, und das übrige stellen Sie mir und Ihrem Glücke anheim. Ich weiss ja nicht, ob ich meinen Bruder anderen Sinnes machen werde, doch will ich nichts unversucht lassen. Jedenfalls rathe ich Ihnen, so lange Sie [hier weilen, Ihr Judeuthum so stark als möglich hervorzukehren. Mein Bruder soll währnehmen, dass Sie Jude, ein guter Jude sind, auch wenn Sie den Talmud nicht verstehen." „Wie wäre es mir möglich, eine Frömmigkeit zu zeigen, die ich im Herzen nicht fühle?" „Ich sagte nicht Frömmigkeit, ich sagte Judenthum.

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