Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Article
- Armin Vámbéry
- Date
- 1902-03-21
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 11 Die # Welt06 Nr. 12 nehmen zu können, als Derwisch verkleidet, in Gesellschaft anderer Derwische nicht nurPersieu, sondern auch Centrai- Asien zu bereisen, wo damals — vor vierzig Jahren etwa — der Besitz eines Bleistiftes als todeswürdiges Verbrechen galt und ein „ungläubiger4 Eindringling, wenn man ihn erwischt hätte, unfehlbar dem Tode verfallen gewesen wäre. Und trotz aller Vorsicht, mit der Vämb^ry sein Incognito wahrte, wäre er beinahe ertappt worden, doch lief die Sache glimpflich ab und er kam mit dem blossen Schrecken davon. Als er eines Tages mit seinen Genossen am Hofe des Emirs von Bochara einem officiellen Empfange (Murba) beiwohnte, zeigte plötzlich der präsidierende Prinz Jakub Chan mit den Fingern auf ihn und sagte: „Ich schwöre, dass Du ein Ferghani („Engländer", eigentlich Europäer) bist!* Allgemeiner Schrecken, allein der kühne Reisende leugnete beharrlich uud es geschah ihm nichts. Er wusste sich nie zu erklären, was den Prinzen auf jenen Verdacht gebracht haben konnte. Erst vor circa V[2 Jahren wurde ihm die Aufklärung, und sie ist ungemein interessant. Damals erschien nämlich Sir Robert Warburtons wichtiges Buch „18 Jahre in Chiber" (London, Murray) und in diesem erzählte der Verfasser, ein bekannter Diplomat, auf Seite 89—90, er habe Jakub Chan nach der Ursache jener seiner Worte gefragt und die Antwort erhalten: „Sehr einfach — ich hatte jenen Derwisch tags vorher beim Spiel der Hofmusik den Takt mit den Füssen schlagen gesehen, und derlei thut kein Muselman." In Centraiasien lauerten auf Schritt und Tritt abenteuerliche Gefahren, aber mit List und Schlauheit entgieng Vämbery ihnen — mehrmals auch einem fast sicheren Tode — und schwindelte sich dauernd als türkischer Derwisch durch. Wie muss er türkisch gesprochen und das Derwischleben gekannt haben! Näheres findet sich in seiner vor 13—14 Jahren erschienenen englischen Selbstbiographie („Arminus Vämb^rys Life and Adventures, told by himself"1), welche viele Auflagen erlebt hat, und in dem kleineren deutschen Buche „V amb e rys Leben und Reisen, für die Jugend erzählt von Bertha Katscher" (Teschen, Prohaska, 1892). Wenn in Ungarn („nemo propheta in patria"!) viele behauptet haben, Vambery sei nie in Centraiasien gewesen, sondern habe seine Abenteuer erfunden, so beweist das Gespräch Warburtons mit Jakub Chan das Gegentheil. Wäre er aber, meinen manche andererseits, wirklich nie dort gewesen, so würde es nur noch bewundernswerter sein, wenn es ihm trotzdem gelungen sei, die Zustände und Sitten jener Landstriche so getreu und vorzüglich zu schildern . . . Nach seiner Rückkehr in die Heimat wusste er nicht, was er nun anfangen sollte. Der berühmte Dichter Baron Josef Eötvös — der spätere Unterrichsminister — rieth ihm, nach England zu gehen. Er befolgte, nachdem er die erforderlichen Mittel mit schwerer Mühe aufgebracht hatte, diesen Rath, hielt in England und Frankreich zahlreiche Vorträge über Mittelasien und wurde überall mit hohen Ehren aufgenommen. Dann gieng er wieder nach Budapest zurück, wo er — obgleich er nicht den Doctorgrad besass und nie eine Universität besucht hatte — an die Universität als ordentlicher Professor der orientalischen Sprachen berufen wurde, in welcher Eigenschaft er noch heute thätig ist und eine ganze Reihe tüchtiger Orientalisten herangebildet hat. Allmählich wurde er Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Ehrenpräsident der von ihm gegründeten Ungarischen Geographischen Gesellschaft, Ehrendoctor, Ehrenmitglied vieler ausländischer Gelehrtengesellschaften u. s, w. Die britische Regierung betraut ihn häufig mit wichtigen politischen Missionen, den Orient betreffend. Er ist ungemein bescheiden geblieben; stolz ist er zwar auch, aber nur auf seine armseligen Anfänge. Seine Bescheidenheit geht so weit, dass er sich jede öffentliche Feier seines 70. Geburtstages verbeten hat, insbesondere auch die in Ungarn so vielfach missbrauchte Bankettlust. Er gehört zu den denkbar interessantesten Plauderern. Zu seinen Freunden zählte, bezw. zählt er den jetzigen Sultan, Königin Victoria, König Eduard, Leopold IL von Belgien, den gegenwärtigen und vorigen Schah von Persien, Lord Beaconsfield-Disraeli, Lord Salisbury und zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten. Manche seiner historischen, ethnographischen und philologischen Schriften sind in viele Sprachen übersetzt, insbesondere sein Hauptwerk über Centraiasien und seine zuerst englisch erschienene „Geschichte Ungarns". Er hat auch schon seine Memoiren geschrieben, aber noch nicht dem Druck übergeben, und nach allem, was ich weiss, bezweifle ich sehr, dass er sie zu seinen Lebzeiten veröffentlichen wird. Für die Vorzüglichkeit seiner asiatischen Beziehungen spricht ein interessanter Zwischenfall, der sich zur Zeit der historisch gewordenen russischen Abordnung nach Kaschgar im britischen Parlament abspielte. Ein Mitglied des Hauses der Gemeinen interpellierte den Premierminister wegen einer einschlägigen Nachricht, welche die „Times", deren ständiger Mitarbeiter Vambery seit langer Zeit war, an demselben Morgen gebracht hatte und die von Vambery unterzeichnet war. Die Antwort lautete ungefähr: „Vielleicht hat Vambery bessere Informationsquellen als die Regierung; wir haben die Nachricht noch nicht erhalten." Und die Sache hatte thatsächlich ihre Richtigkeit. Uebrigens liest Vambery noch heute täglich alle wichtigeren Blätter des europäischen, asiatischen und afrikanischen Orients. Zum Schlüsse etwas Heiteres: Vor einigen Monaten empfieng Vambery einen Brief, in welchem ihm ein englischer Rabbiner schrieb, er habe in Vämberys Selbstbiographie gelesen, dass dieser „Tag' gegessen" habe; daran knüpfte er die naive Frage: „Sind Sie denn Jude"? Vambery lachte viel hierüber und antwortete dem Briefschreiber mit einem vollgiltigen Beweis — einem langen Briefe in hebräischer Sprache. Möge es Prof. Vambery gegönnt sein, noch lange Jahre so verdienstvoll wie bisher zu wirken. Jüdischer Turnverein. Eine Plauderei von Ernst Müller. „Jawohl! Auch unsere Ahnen haben geturnt - ich will Ihnen nur einige Beispiele nennen von solchen altjüdischen Turnern. Nehmen wir zunächst das Rückenturnen! Da lebt in einem fernen Winkel Galiziens ein gewisser Schlomele Kohn, der erhebt sich jeden Morgen, wenn die anderen Leute noch lange schlafen, und wandert hinaus, mehrere Meilen weit, die Dörfer sind ganz weit zerstreut, die Wege unsicher, seine Kückenlast so schwer und unförmig, dass sie ihn dauernd gekrümmt hat. Und was für Lasten legt man ihm in seinen Binkel noch hinein, wohin er auch kommen mag. Es gibt ihrer so viele, aber ich bilde mir ein, bei einem Weltmatch müsste just er und kein anderer den ersten Preis davontragen. Dann eine zweite Art von Turnen! Da ist ein alter Mann, der weder Rabbiner, noch sonst seinem Rufe nach Gelehrter, weder Geschäftsmann, noch überhaupt Gesellschaftsmensch, nicht einmal Familienvater, sondern ausschliesslich Talmudist ist. Sie würden staunen, was für Hanteln sich unter seinen gewaltigen «Folianten verbergen?* „Hanteln?" „Jawohl, HantelnJ Hanteln, gegenüber denen die unseres Turnvereins, die nur unser grösster Athlet stemmen kann, die reinsten Flaumfedern sind. Und die bestehen auch immer einfach aus Griff und Kugeln, jene aber sind so compliciert, vor Spitzen und Kanten kaum anzugreifen, geschweige denn zu heben. Er aber hebt sie wirklich, stemmt sie und macht noch allerlei Kunststückchen damit. Ich wette, wenn das Gedanken- und Begriffestemmen heute Sport wäre, er würde auf einem Welttage den ersten Record schlagen. Und was für Turner gibt es unter unseren Ahnen noch! Grosse Fussgänger und