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Die Welt · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Article
Der Schekelmonat
Date
1902-03-21
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 ,Dte j** WeltT Nr. 12 Erst dem modernen Zionismus ist es vorbehalten geblieben, die alte Schekeleinriehtung in ihrer ursprünglichen Bedeutung verjüngt wieder aufleben zu lassen. Wir können mit berechtigtem Selbstbewusstsein darauf hinweisen, dass wir die einzigen im zeitgenössischen Judenthume sind, die wieder .Opfer der Gemeinschaft" auf dem Altar unseres Volksthumes darbringen. Wir sind die einzigen, die daran gehen, die Schäden und Risse des Hauses Israel planvoll zu heilen, dem jüdischen Volke ein testes Haus zu zimmern, eine sichere Heimstatt, darin es friedlich hause. Ein Sinnbild dieses unseres Strebens und ein hauptsächliches Mittel zu dessen Verwirklichung ist uns der Schekel, die pflichtgemässe Selbstbesteuerung eines jeden Zionisten, die unser erster Congress festgesetzt hat. Wir können -uns nicht verhehlen, dass es noch manche Gesinnungsgenossen gibt, die die Wichtigkeit unserer Schekelinstitution nicht recht erfasst haben und sich säumig zeigen in der Entrichtung des Schekels. Viele warten damit bis knapp vor den Delegierten-Wahlen zum Congresse, ja es soll noch immer Leute geben, die sich zu unseren Ideen bekennen, und doch der zionistischen Organisation die kleine Jahresabgabe hinterziehen. Allen diesen säumigen Brüdern gilt unser Mahnruf im Schekelmonat: Beeilet Euch, Eure Schuldigkeit zu thun! Der ordnungsmässige Fortgang unserer Sache erfordert einen stetigen und ausreichenden Zufluss der Schekelgelder. Der Zionismus ist auf die Opferbereitschaft und Opferfreudigkeit eines jeden einzelnen seiner Bekenner angewiesen. So sei denn der öffentliche Aufruf zur Schekelleistung aus den Tagen der jüdischen Vorzeit in diesem Monate erneut und dringe spornend allüberall hin, wo Juden zukunftsgläubig ihre Blicke gen Zion richten: Gedenket des Schekels! M. Z. Mittheilung des A.-C. In der am 17. und 18. März in Wien stattgehabten ausserordentlichen gemeinsamen Sitzung des Aufsichtsrathes und Directoriums der Jüdischen Colonialbank, denen die Aufsichtsräthe Dr. Herz 1, Dr. Kahn, Di\ 'Kokesch, Ingenieur Kr'emenezky und Architekt Marmorek, dann IngenieurUssischkin (Ekatorinoslaw) und Dr. Jelsky (Lodz), sowie die Directoren Wolffsohn, ßarbasch und ßachrach und der Manager Levontin beiwohnten, erstattete der Fünfer-Ausschuss eingehenden Bericht über den Stand der Bewegung und erhielt weitere Instructionen und Vollmachten. Eine Schweizer Stimme über den Zionismus. Das socialdemokratische „Schaffhauser Intelligenzblatt" hatte den Zionisten-Congress zum Anlass genommen, um sich in drei Artikeln gegen die Regierung von Basel zu wenden, welche den Congress so liebenswürdig begrüsst hat. Das „T a g e b 1 a tt", „amtliches Publications - Organ für den Canton Schaffhausen", repiiciert darauf in einem Artikel, der eine so treffende und richtige Auffassung des Zionismus von christlicher Seite enthält, dass wir glauben, denselben unseren Lesern in den Hauptstellen zur Kenntnis bringen zu sollen. Nach einigen einleitenden Sätzen fährt der Artikel fort: „ . . . Nach unserer Auffassung hat sich der Regierungsrath von Basel-Stadt als ein treuer Wahrer der hochherzigen Schweizer Tradition erwiesen, als er so warmherzig und aufrichtig dem Zionisten - Congress seinen Gruss entbot Das edle Volk der Schweizer, mit seinem hohen Freiheitsdrang, mit seiner reinen Begeisterung für jede grosse That der Menschlichkeit und des Mensch enrechtes, mit seiner heissen Heimatsliebe, dieses Schweizervolk hat der Baseler Regierungsrath besser verstanden und seine Stimmungen und Regungen besser interpretiert, als der Artikelschreiber des „Inteligenzblattes" es vermochte. Für diese That des Rathes werden ihm nicht nur Juden und Zionisten, sondern jeder gerecht empfindende Mensch Dank wissen. Nicht nur durch die erwiesene Gastfreundschaft auf vier Congressen und die fast einmüthige sympathische Haltung, die die Schweizer Presse aller Parteien für die Bewegung der Jüdisch-Naionalen bekundete, hat sich die Schweiz, wie stets als ein Hort der Freiheit und der Humanitätsidee bewährt. Die Zionisten aller Länder werden es aber auch nie vergessen, dass die Schweiz in einem ihrer besten Söhne, der die Bewunderung der ganzen Welt errungen, in Henry Dunant, auch einen der ersten Vorkämpfer, des zionistischen Gedankens hervorgebracht hat. Der Zionismus ist eine natürliche Consequenz, welche sich mit zwingender Nothwendigkeit aus der Betrachtung der Lage der Juden ergibt. Der Schwerpunkt des Judenthums liegt im Osten Europas, wo die Juden, unter Ausnahmsgesetzen schmachtend, in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt, durch eine erzwungene unrationelle ßerufsvertheilung auf das tiefste wirtschaftliche Niveau herabgedrückt, gehetzt und verfolgt, einen ungleichen grausamen Kampf um Existenz und Leben durchzuringen haben. Die osteuropäischen Juden sind die grossen Massen, welche sich nicht assimilieren können, wenn sie es selDst wollten. Wesentlich besser liegen die Verhältnisse wohl für die Juden Westeuropas. Allein auch hier gibt es eine grosse Anzahl Juden, welche ein starkes nationales Empfinden haben, welche sich durch die Bande des Blutes, der gemeinsamen Abstammung, der gemeinsamen Geschichte und Erinnerungen mit allen Juden aller Länder verbunden fühlen. Es sind diejenigen, welche sich nicht assimilieren wollen, wenn sie selbst könnten. Alle diese Juden, die sich nicht assimilieren können noch wollen, sind auf dem Boden des Zionismus geeint, soweit sie auch sonst naturgemäss in ihren religiösen, politischen, socialen Anschauungen divergieren mögen. Sie vertreten ihre Sache offen und frei in dem freiesten Lande der Welt. Und dort entstand auch jenes Baseler Programm, das die tfasis aller zionistischen Arbeit geworden ist. Dasselbe setzt nationale Structur des Judenthums voraus und stellt als Hauptaufgabe oder besser einzige Aufgabe der Bewegung hin, allen sich heimatslos Fühlenden unter den Juden eine neue Heimat zu begründen in dem alten Lande ihrer Väter. Es soll eine öffentliche-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina geschaffen werden. Es soll ein wirkliches Heim bereitet werden, aus dem sie kein Unwille eines Selbstherrschers wieder vertreiben kann, nachdem sie eben festen Fuss gefasst; das bedeutet „öffentlich-rechtliche" Sicherung. — Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Frage der Schaffung eines neuen Wohnsitzes actuelle Bedeutung vornehmlich für die Juden Osteuropas, Russlands, Galiziene, Rumäniens hat. Die Millionen Juden dieser Länder sind aber der grössere Theil der Judenheit. Der Zionismus ist also eine gross angelegte Hilfsaction aller sich solidarisch fühlenden Juden, unternommen von dem jüdischen Volke für dasselbe. Weil diese Action von dem Volke selbst ausgeht, erhält sie den Charakter eines politischen Unternehmens; ein Volk als solches empfängt niemals Wohlthaten; Wohlthat und Humanität wird hier stets zur politischen That. Das „Intelligenzblatt" hatte den Zionismus eine reaetionäre religiöse Bewegung genannt. Darauf erwidert das „Tageblatt" : „So wenig ist der Zionismus eine religiöse Bewegung und so wenig sind die orthodoxen Rabbiner die „Triebfedern" desselben, dass umgekehrt die weitaus grössere Zahl der westeuropäischen Rabbiner dem Zionismus gegenüber eine ablehnende Stellung einnimmt. — Wir können uns nicht ausdenken, warum die Stellung der in Europa verbleibenden Juden eine Aenderung erfahren soll, wenn andere Juden, die vorher zu unstetem, quälen reichem Dasein gezwungen worden, jetzt anstatt in Europa über alle Länder zerstreut zu sein, in Palästina eine Heimat, Arbeitsmöglichkeit und Möglichkeit der Entfaltung der in ihnen latenten geistigen und moralischen Kräfte gefunden halpen. Wir können auf das Beispiel der Deutschamerikaner oder Deutschrussen verweisen. Die Millionen Deutscher in Amerika fühlen sich wohl als Zugehörige der grossen deutschen Nation, darum sind sie nicht minder gute Amerikaner und werden von niemandem als Staatsbürger zweiter Classe wegen dieses Zusammenhanges gewertet werden. Das Volk der Schweizer wird mit dem Regierungsrathe von Basel-Stadt den Zionisten die Sympathie nicht versagen wollen, weil diese ihren Brüdern beistehen, die tausendfältig leiden, weil sie eben ihre Brüder sind."

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