Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Article
- Gegensätze
- Date
- 1902-03-21
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 12 Comit6s sie nach London zu schaffen, wo sie, da sie Handwerker sind, ihr Brot zu fiaden hofften. Ihre Frauen und Kinder Hessen sie in Rumänien zurück, in der Hoffnung, sie gleichfalls bald nach England bringen zu können. Ihre Hoffnungen haben sich aber leider nicht erfüllt, und die rumänischen Juden sahen sich bald genöthigt, das Londoner Comite zu ersuchen, ihnen die Mittel für die Rückreise zu gewähren. Und wiederum mussten sie von Comite zu Comite wandern. VonLondon gieng es nachRotterdam, von da nach Köln und weiter nach F r a n k f u r t, Regensburg und Krakau. In Krakau befand sich aber kein Comite und niemand wollte sich der Heimatlosen annehmen. Es war am letzten Freitag. Die sechs rumänischen Juden fanden nirgends eine offene Thüre, keine Hand, die ihnen eine Unterstützung bot, keine Stätte, um auszuruhen und kein Stückchen Brot, um ihren Hunger zu stillen. Nach unsäglichen Kümmernissen gelang es ihnen, Krakau zu verlassen, niemand begleitete sie, niemand bot ihnen ein warmes Wort auf den Weg, einen Gruss. Merkwürdige Philosophie des G-eschickes! In einer Woche zwei rumänische Fussgeher, bei dem einen Sport, bei dem anderen bittere Noth, Hunger, Verzweiflung. Der erste ein Fremdling, der andere ein Bruder. Bedarf es noch irgendeines Commentars? Wie viel Comics und wie viel Zeit aber wird nöthig sein, um der ganzen rumänischen Judennoth beizukommen, wenn man der Noth von sechs Juden gegenüber ohnmächtig war? Die „Alliance israelite". Dr. A. Elias, Mülhausen i. E,, beabsichtigt die vielfach laut gewordene Unzufriedenheit mit der Verwaltung der verschiedenen israelitischen Allianzen in einer zusammenfassenden Weise zum Ausdrucke zu bringen, und ersucht daher alle diejenigen, die ihm über die Gebarung der israelitischen Allianzen in den verschiedenen Ländern Aufschluss geben können, sich in kürzester Zeit an ihn zu wenden. Für Zuschriften genügt die Adresse: Dr. A. Elias, Mülhausen i. E. Auf nach dem Osten! Verblüfft lasen wir im Centraiblatte der deutschen Orthodoxen diese zionistische Artikelüberschrift. Alle guten Geister! Der Mainzer „Israelit" wird doch nicht . . .? Oder gar ein Purim-Scherz? Nein, Witz findet man keinen in diesem Blatte. Mit heiligem Ernste befürwortet der „Israelit" eine Auswanderung von Juden nach dem Osten — aber nur bis Posen. Weiter allerdings keinen Schritt. Wer gienge aber auch weg? Im Jahre 5662 ist ein neues Paradies erstanden, wenn auch nur die Hälfte von den Schilderungen des Artikels wahr ist. „Das Dorado der Landwirte", sollte die Ueberschrift lauten, denn „für tüchtige, arbeitsame Landwirte bietet sich hier (in Posen) Gelegenheit, eigenen grösseren Grundbesitz, grösseres Vermögen zu finden, so gut und so sicher, wie sonst nirgends in der Welt", so steht's gedruckt. Und um diese Herrlichkeiten in Besitz zu nehmen, muss man erst Juden aus Mitteldeutschland holen? Gibt's in Posen zu wenig? Sind diese wenigen auf den Kopf gefallen? Ganz im Gegentheil. Denn was in den Lobesfanfaren des Artikels versteckt ist, ist diesen Leuten klar; dass man nämlich den Boden von einer Ansied lungs-Commission erhalt, von deren Ermessen man doch abhängt: dass man sich in Posen mit dem Volke, also mit den eigenen Arbeitern und Consumenten in Zwiespalt setzt, wenn man von der Regierung Land nimmt; dass also nicht jeder Thaler sich kaninchenartig mehrt, sondern der Erfolg dem Glücke und der Arbeit gehört, wie überall. Nichtsdestoweniger heisst der „Israelit" die deutschen Juden die Lenden gürten. Den Grund hievon sagen die letzten Zeilen, in denen die Unschuld von Mainz endlich den Pferdefuss zeigt: „Mögen diese Zeilen dazu beitragen, die Förderung des Deutschthums durch Colonisation zu heben". Und was ist denn mit der Stärkung des Jüdenthums? Wenn der polnische Pöbel die deutschen Juden wegen ihrer Parteinahme für die Deutschen bedrängen wird, wird der „Israelit" entrüstet thun und alle eruierbaren polnischen Patrioten jüdischer Confession vorzählen. Dass er mitschuldig ist, wird er vergessen. Vor kurzem brachte dieselbe Zeitung die wahnsinnigsten Ausfälle gegen den Zionismus in Leitartikeln, bloss weil angeblich die Zionisten zu wenig Juden seien. Aus einem Patentanwalt des Judenthums ist ein Anwalt des Deutschthums, der schwächlichen Assimilation geworden; das ist des Pudels Kern, den keine Heuchelei verdecken kann. Sonst wären wir Zionisten ja mit dem „Israelit* fast einig* Er will die Juden zu Ackerbauern machen — wir auch. Er will ihnen eine erträgliche Existenz schaffen — wir auch* Nur möge der „Israelit" das jüdische Volk entschuldigen, dass ihm seine Heimat besser gefällt als Posen, und wir durch unsere Colonisation nicht das Deutschthum fördern wollen, sondern das Jadenthum. J. U. Der Zionismus in London.*) Die Berichte in. der „Welt" über die zionistische Thätigkeit in London sind so knapp, dass man fast meinen könnte, der Zionismus hätte in London keine Wurzeln geschlagen. In der That ist dem aber nicht so. Im Gegentheil, eine grosse Anzahl zionistischer Vereine existiert in London, die meisten in Eastend, in denen regelmässig einmal in der Woche zionistische Vorträge gehalten werden. An den Vortragsabenden sind die Vereinslocale stets überfüllt von Besuchern, die lebhaftes Interesse für den Zionismus haben und regen Antheil nehmen an den interessanten und wichtigen Discussionen. Es ist ein geistiger Genus3, solchen Vorträgen beizuwohnen. Manche Vereine haben auch Sabbath-Schulen, in denen Hebräisch und jüdische Geschichte gelehrt wird. Neulich ist eine zionistische Talmud-Thora gegründet worden, wo Hebräisch nach dem System rvnstfn nnaj? gelehrt wird. Diese Talmud- Thora zählt mehr als 300 Kinder zu ihren Schülern. Die Prüfungen oind bis jetzt sehr günstig ausgefallen. Von den zionistischen Vereinen sind folgende besonders hervorzuheben :„Biie-Zion", „Bnoth-Zion", „Schibath-Zion", „Darke- Zion", „Degel-Zion", „M'wassereth-Zion", „Dorsche-Tikwath- Zion", Bone-Zion«, „Osre-Zion", „Ness-Zion", „Nechomas- Zion", „Herzl-Nordau-Cultur-Verein". Letzterer besitzt auch eine Bibliothek. Jeder Verein hat einen „Share-Club", dessen Aufgabe es ist, Share-Marken zu verkaufen. Da sieht man junge Leute, die die ganze Woche schwer und bitter arbeiten, am Sonntag über die Strassen rennen, Shares-Büchlein in ihren Händen haltend. Es sind dies freiwjJiige Sammler, die der jüdischen Colonial-Bank 30—40 Pf. St. per Woche einbringen. Es sind bei uns sehr viele Actien der Jüdischen Colonial-Bank verkauft worden. Es gibt in London sehr viel gute Zionisten, die bereit sind, jegliches Opfer für den Zionismus zu bringen. So sehen wir, dass es den Vereinigten Share-Clubs gelungen ist, in London allein im Laufe von 10 Monaten eine Summe von 1100 Pf. St. für Share-Marken einzucassieren. Die „English Zionist Federation" hat vom 1. Juni 1901 bis 1. Februar 1902 in London über 100 Pf. St. Sch'kolim erhalten. Bedenkt man, dass all dies in dem armen Eastend geleistet wird, so muss man wahrlich eingestehen: Es ist um den Zionismus in *) Wir erhalten aus London von einem Gesinnungsgenossen aus dem Eastend obigen Bericht über die dortige Bewegung, den wir möglichst unverändert abdrucken, weil er in seiner schlichten, ungekünstelten Form die subjectiven Eindrücke des geschätzten Einsenders unmittelbar wiedergibt.