Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Article
- Ein Stimmungsbericht aus Rumänien
- Date
- 1902-03-21
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. n „Die & Weit6 Seite 3 und als ich mich seiner zu erwehren suchte, erhielt ich noch einen Stich in die linke Hand. Ich wurde blutüberströmt insGoltza-Spilal geführt, wo man meine Wunden verband, während gegen Giuculescu die Anzeige bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft erstattet wurde. Ciuculescu wurde arretiert. Die Wiener Alliance und die rumänischen Juden. Vor einigen Tagen wurde Herr Dr. Herzl vom Obinanne der Israelitischen Allianz in Wien zu einer Besprechung mit dem Vorstande dieses Wohlthätigkeitsvereines eingeladen. Obwohl bei Gelegenheit der rumänischen Auswanderung vor zwei Jahren in mancher Hinsicht bedauerliche Vorkommnisse zu verzeichnen waren, glaubte Dr. Herzl einer solchen Einladung sich doch nicht entziehen zu sollen. Darum gieng er zu dieser Vorbesprechung und entwickelte in der Diseussion, der keine positiven Anträge vorlagen, seinen Plan, wie die möglicherweise nothwendig werdende umfangreiche Hilfsaction zu organisieren sei. Denn es war bisher nicht und ward auch in Zukunft nicht die Art der Zionisten sein, Katastrophen wie die rumänische nur als Beweismittel für die Wahrheit unserer Principien zu behandeln. Wenn ein solcher Nothausbruch droht, erinnern wir uns einzig und allein daran, dass es um schwer leidende, verzweifelnde Menschen, um arme unglückliche Juden geht, und wir sind zu jeder Hilfe mit Eath und That bereit. So hat auch Dr. Herzl mit dem von ihm erbetenen Eathe nicht zurückgehalten, sich zur Mitwirkung, zur That bereit erklärt, und ohne den zionistischen Standpunkt besonders in den Vordergrund zu stellen, Folgendes als erstrebenswert bezeichnet: Es solle mit grösster Beschleunigung eine Conferenz sämmtlicher Allianz vor stände und der zur jüdischen Colonisation verpflichteten Körperschaften an einem central gelegenen Orte, z. B. Frankfurt a. M. zusammenberufen werden. Auch die zionistische Organisation würde ihre Vertreter hinschicken. In dieser Conferenz wäre zunächst eine Einigung über den Hilfswillen und die Hilfsmittel zu erzielen. Wäre die nöthige Bereitschaft vorhanden, so könnte man sich über das Ziel und die Wege der Auswanderung einigen. Von vornherein planmässig organisiert, könnte das Ganze weniger kostspielig und dennoch erfolgreicher sieh gestalten, als die improvisierten Hilfsversuche vor zwei Jahren. Wäre nun ein klarer Plan der Wanderhilfe für die Armen festgestellt, so hätte man in den einzelnen Ortschaften Comites einzurichten, die aber nicht aus Beamten bestehen dürften, sondern an Ort und Stelle von den Auswanderungslustigen frei zu wählen wären. Diese Comites, nach einheitlichem Statut gewählt, hätten die Abreisenden zu sichten, resp. nur solchen die Beglaubigung zu geben, welche würdig einer Unterstützung und fähig zu einer Ansiedlung wären. Denn die Hilfsbewegung solle nicht nur in der Wegtransportierung dieser Leute bestehen.. Man müsse vielmehr trachten, sie ordentlich anzusiedeln, und zwar in landwirtschaftlichen Productivgenossenschaften, denen eine Credithilfe gewährt werden kann. Dadurch wäre auch die Möglichkeit geboten, die jetzt Zurückbleibenden zur Geduld zu ermahnen, bis es den Vorausgegangenen gegeben wäre, ihre sehwachen Familienangehörigen selbst zu unterstützen und eventuell nachkommen zu lassen. Selbstverständlichwürde ein solcher Plan die Unterstützung der Zurückbleibende]! in den dringendsten Fällen nicht aussehliessem Es wird sich nun zeigen, ob die verschiedenen Wohlthätigkeitscorporationen sich zu einer solchen Gesammtaction entsehliessen werden. Insofern ein ernster Wille vorhanden ist, mit genügenden Mitteln und nach einem geordneten Plane in die Action einzutreten, werden die Zionisten gewiss solche löbliche Versuche nach ihren Kräften "unterstützen. Wir wollen hoffen, dass die Allianzen den Vorschlag des Dr. Herzl aeeeptieren werden . Wir Zionisten werden uns gewiss nur freuen, wenn Dr. Herzls Plan ausgeführt wird, wäre es auch ohne ihn. Aus einem rumänischen Schulbuche. Wir entnehmen der „Frankfurter Zeitung" folgende Fortsetzung zu unserem Stimmungsbericht aus Rumänien: Zur Kennzeichnung der in rumänischen Regierungskreisen hern-chenden antisemitischen Tendenzen dürfte folgende uns zugegangene Zuschrift dienen : „Frankfurt a. M., 12. März. Vor uns liegt die in Rumänischen Secundärschulen eingeführte Grammatikvon J. Suchianu. „Gr am atica Romana Escercitii Buc ur e s c i 1898." Dieselbe enthält folgende Beispielsätze: Seite 11: „Pe jidan sa nul credi nici cand isi da sutletul." Zu deutsch : „Glaube dem Juden nicht, auch wenn er seine Seele aushaucht." Seite 37 : „Ovreiul pina nu insala nu mananca." Zu deutsch: „Der Hebräer speist nicht, bevor er nicht betrogen hat." Seite 40: „Mai in tote satele Moldovii crismile sint tinute de Evrei, cari, ca niste lipitöri sug avutiile teranilor indemnandu i la betie." Zu deutsch : „In beinahe allen Dörfern der Moldau sind die Schankwirtschaften von Hebräern gehalten, welche wie Blutegel das Hab und Gut derBauern saugen,in dem sie sie zum Trinken verleiten." Ist es zu verwundern, dass bei solchen Erziehungs- Grundsätzen immer von neuem blutige Verfolgungen ausbrachen? Dieses Schulbuch ist in den öffentlichen rumänischen Schulen eingeführt, also unter Zustimmung der Regierung. Die Kinder und deren Eltern wissen nun. welche Gesinnungen die Regierung gegen die Juden hegt, denen die Verfassung Rumäniens und der Berliner Vertrag die Gleichberechtigung zusichert; — und auf diesem Boden wachsen dann üie Ausnahmsgesetze, welche den Juden Luft und Licht, die Möglichkeit zum Leben rauben, sie körperlich und geistig vollständig elend machen, und es entstehen die Rechtsbeugungen, der Druck ohne Ende; und der die Jugend hat, hat die Zukunft. Die jüdischen Besch wichtigungshofräthe werden, zu thun haben; allerdings, sie werden nicht ausgehungert, geschlagen, vertrieben werden. Gegensätze. Zu Beginn des vorigen Monats erschien in Krakau der bekannte Bukarester Student Wassili Geo rg e s c u, der, wie bekannt, infolge einer Wette sich unterzogen hat, in zwei Jahren acht Monaten ohne jedwede Barmittel ganz Europa zu durchreisen ohne sich der beiden von ihm beherrschten Sprachen Rumänisch und Französisch zu bedienen. Georgescu, der sich bereits seit 10 Monaten unterwegs befindet, hatte inzwischen ganz Rumänien und Galizien durchwandert und verblieb in Krakau acht Tage, wo er der Gast der Juden war. Er wurde reichlich mit Geld beschenkt und fand kaum die Zeit, um alle Einladungen, die er erhielt, anzunehmen. Ein Jude bezahlte für ihn die Kosten des Hotels, von anderen erhielt er Geschenke von Geld und Wertsachen, und hunderte von Juden begleiteten ihn bei der Abreise bis ausserhalb der Stadt und alles drängte sich an ihn heran, um ihm zum Gelingen seines Vorhabens Glück zu wünschen. Vier Tage nachher kamen, so erzählt das „Israelitische Gemeindeblatt", nach Krakau sechs rumänische Juden, die gleichfalls zu Fuss von Rumänien eine Reisetour unternahmen, aber nicht zu Sportzwecken oder um eine eingegangene Wette zu gewinnen, sondern aus purer Noth. Die Juden wurden von keinem eingeladen, niemand beschenkte sie und mit schwerer Mühe gelang es, mit Hilfe eines