Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
11 (14.3.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-03-14
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315971-3319281--31047-3319367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 JDte^Wefa* „Herr Goldner!" rief Paul. „Wollen Sie Ihr Kind tödten? Begreifen Sie mich doch, um Gotteswillen! Sie können ihr Herz nicht von dem meinen reissen, ohne dass es verblutet." „Meine Mirjam ist ein frommes Judenkind, das ihrem Vater gehorchen gelernt hat. Sie wird nicht verbluten, sie wird leben und gesund sein, zur Freude ihres Mannes, ihres Vaters und der Armen. Und jetzt habe ich ausgesprochen." Damit wendete er sich zu seinem grossen Folianten zurück, vergrub das Antlitz in beide Hände und begann, leise singend und den Oberkörper hin- und herschaulcelnd, sieh wieder in die Mysterien des Talmud zu versenken. Abermals versuchte Paul einen Ansturm auf das Herz des Alten, von neuem begann Finkelstein die frommen Juden aufzuzählen, die aus seiner Familie hervorgegangen, doch Goldner hörte ihre Worte nicht mehr; er schien sich mit den Handflächen, die er an die Wangen gepresst hielt, auch die Ohren zu verschliessen; ein monotoner Singsang kam von seinen Lippen und sein Oberkörper wiegte sich hin und her. In tiefer Resignation verliessen sie die Stube, doch im Nebenzimmer erwachten Pauls Lebensgeister wieder: An die Thürschwelle gelehnt, die erhobenen Arme über ihrem Haupte gekreuzt, stand Mirjam mit thränenlosen Augen. Sie hatte jedes Wort vernommen, und das Gehörte liess sie erstarren, die Verzweiflung ihre Ströme versiegen; sie hatte eine Stütze suchen müssen, um nicht leblos zu Boden zu sinken. Paul geleitete sie zum Sopha und liess sich neben ihr nieder. Er schlang den Arm um ihren Nacken und blickte ihr voll ins Antlitz. »Sei ruhig, Mirjam/ sagte er. „Du hast die Worte Deines Vaters gehört, doch er wird anderen Sinnes werden. Ich wusste, dass er sich weigern werde, und sieh, ich bin dennoch zuversichtlich. Du wirst die Meine, Mirjam, ich schwöre Dir's immer wi eder aufs neue. Muth, mein gutes, geliebtes Kind, denn ich weiche nicht von Dir." „Du wirst nicht abreisen, mich nicht verlassen?rf fragte sie flehend. „Nein, Mirjam, ich gehe nicht von Dir, ich bleibe da, wo Du bist, und wenn ich jahrelang warten müsste, bis ich .die Einwilligung Deines Vaters erhalte." „Du schwörst es, Paul?" flüsterte sie unter Thränen. „Ich schwöre!" Da neigte sie das Haupt, und bevor er sich dessen versah, hatte sie auf seine Hand einen Kuss gedrückt. Er küsste sie auf die Stirne, auf die Augen. „Und Du versprichst mir. muthig zu sein und nicht zu trauern?" fragte er. „Ich verspreche es." „Wir werden uns alle Tage sehen, so wie bisher, und wenn Dich Dein Vater nicht von sich Hesse, so wird Clara Dich aufsuchen und Dir meine Grüsse überbringen. Und täglich sollst Du mich vor Deinem Fenster sehen, öfter als bisher." *Jch danke Dir. Paul, ich danke Dir," rief sie, und aus ihren Augen schwand der todtraurige Blick, der bisher darin gelegen war. „Ich will stark sein und muthig, wenn ich weiss, dass Du an meiner Seite bleibst." „Ich bleibe hier. Vor allem will ich die Schritte überdenken, die ich nun zu unternehmen habe." „Du mussfc zu meinem Onkel Heinrich." „Er weiss von unserer Liebe? „Er weiss alles," rief sie erröthend. „Ich will sofort zu ihm." Er strich ihr d^s Haar aus der Stirne, küsste sie auf die Lippen und eilte dann zu Finkelstein, der vor dem Hause auf ihn wartete. Er bat ihn, ihm das Haus Dr. Heinrich Goldners zu zeigen, und als sie vor demselben angelangt waren, verabschiedete er sich von seinem Oheim und trat ein. Eine ältliche Frau, welche die Wirtschaft führte, wies ihn in das Arbeitszimmer des Doctors. Er fand einen Mann, der seinem Bruder ausserordentlich ähnlich sah, nur hatte er voliere Wangen und seine Augen waren nicht geröthet. Er sass vor einem grossen Tische, auf welchem zahlreiche Bücher und Schriften bunt durcheinanderlagen und schrieb emsig. Bei Pauls Eintritt blickte er auf. Er bat um Verzeihung, dass er sich nicht erheben könne, und wies auf seine gelähmten Beine, über die eine dicke Wolldecke gebreitet war. „Willkommen in meiner Behausung/ begrüsste er Paul. „Nehmen Sie Platz, hier, ganz in meiner Nähe. Wir müssen uns kennen lernen und dann haben wir recht viel miteinander zu sprechen. Sie also sind der Erkorene meiner kleinen Mirjam? Nun, wenn der innere Mensch hält, was der äussere verspricht, so will ich ihre Wahl auf den ersten Blick gutheissen. VVundern Sie sich nicht, dass ich gleich vertraulich werde, aber ich kenne Sie ja längst, vom Fenster aus, und dann hat mir Mirjam stundenlang von Ihnen erzählt. Wie Sie singen, wie Sie gehen und wie Sie sprechen, wie Sie die Augen aufschagen und das Schnurrbärtchen zwirbeln, welches Ihre Lieblingsspeise ist und wie Sie ihre Pfeifen und Cigarretten rauchen, alles weiss ich." „Ich kann Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie , mir gewähren, nicht genug danken," sagte Paul. „Sie machen mich umso glücklicher, als der Empfang, den ich bei Mirjams Vater fand, unendlich viel zu wünschen übrig liess.* „Sie waren bereits bei meinem Bruder? Nun? Vergeblich? Wie? Er hat Sie abgewiesen?" „Er hat mich abgewiesen." (Fortsetzung folgt.) Von unserer Volksbildungsbewegung. Toynbee-Halle in Bukarest. Auf Veranlassung der Section BB' neiZionDavi d"- Bukarest wurde nach dem Muster der Wiener Toynbee- Halle eine gleiche Institution in Bukarest gegründet, und zwar im Locale der Section „B'nei Zion David" und wurde hierüber folgendes Protocoll aufgenommen: Heute am 6./19. Februar 1902 haben sich die Unterzeichneten im Locale der Section „B'nei Zion David" versammelt, um ein Comite zu wählen, welches die Leitung der Toynbee-Halle übernehmen soll, und Folgendes beschlossen : t. Als Ehren-Präsident wird gewählt Herr Heinrich ßosenbaum, 1 Die Toynbee-Halle soll unter der Leitung folgender Herren stehen: Josef Stern, Dr. A. Stern, Horia C arp, B. Fl am er, Salomon Eosenfeld, T. Galanter, E. Hirsch, J. M. Spitzer, H. Kai sermanü, Isac Leon und A. König. 3. Die Voiträge sollen durchgehend Themen des allgemeinen Wissens und zionistische Themen behandeln. 4. Die Vorfcrags-Abende sollen regelmässig jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag stattfinden. Gezeichnet: Dr. A.Stern, Horia C a r p, KHi rsch, T. Galanter, J. M. Spitzer und A. König. Es sprachen bis jetzt: S. R o s e n f e 1 d, J. M. Spitz er, Drd. Bizamar Kau er und Isac Leon, und jedesmal haben an den Vortrags-Abenden 200—300 Zuhörer, meist Handwerker und Geschäftsleute, theilgenommen. Mit Vergnügen bemerken wir, dass die Toynbee-Halle in den breiten Volkmassen grossen Anklang gefunden hat. Weitere Vorträge sind angemeldet von den Herren: B.Fl am er, Horia C arp, E. Hirsch, T. Galanter, Dr. Friedmann, Lewy, Segal, M. Mayer, Moisescu etc. * Arbeiter Bildungs-Curse in Czernowitz. Die Arbeite rbildungscurse der jüd. - akad. Verbindung „Zephira" wurden am 27. Februar lehrplanmässig geschlossen. Diese Curse, die die Verbindung im Vorjahre creiert hatte und die von der jüdischen Arbeiterschaft ebenso freudig begrüsst wurden, wie von der öffentlichen Meinung, erfreuten sich auch heuer einer so zahlreichen Entheiligung, dass die Verbindung sich veranlasst fühlt, diese Curse fortan alljährlich abzuhalten. Es bestanden drei Curse: Der erste unter der Leitung des Herrn' stud. jur. Chaim Kinzb runner, für Analphabeten bestimmt, umfapste die Grundbegriffe des Lesens, Schreibens undKechuens. Der zweite Curs stand unter der Leitung des Herrn stud. jur. Isak C h a s k a 1 o w i t z. Der Lehrplan war dem der gewerblichen Foitbildungsschule in seinen Grundlagen nachgebildet. Er setzte bei dem Besucher die einfachsten Kenntnisse voraus und war auch der bestbesuchte. Der dritte Curs, geleitet vom A. H. der „Zephira" Dr. Max Diamant, setzte die durchschnittliche Arbeiterbildung voraus und bezweckte eine erhöhte wirtschaftliche und intellectuelle Bildung des Arbeiters, Der complicierte Lehrplan war nach den Erfahrungen ähnlicher englischer und dänischer Arbeiterschulen gebildet und kann daher in kurzem nicht wiedergegeben werden. Daneben bestand ein besonderer Zeichencurs, den aus Gefälligkeit Herr Bauassistent Grossmann leitete, der den Besuchern aller

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.