Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- München
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Hr. 11 »Die 2^ Weit61 Seite 11 Er wies iii unwiderleglicher Weise nach, dass sein nationales Programm alles andere als national sei, weil er nur das jüdische Proletariat ins Auge fasse, das aber nur einen Theil des Volkes ausmache, weil er lern er nur an die russischen Juden denke, obwohl diese doch nur die Hälfte aller Juden sind, vor allem aber betonte der Referent, dass in Wirklichkeit den Bundisten das Judenthum doch nur Mittel zum Zwecke sei, sozusagen Agitationsmittel, während es doch sehr wohl verdient, Selbstzweck zu sein. Ausserdem aber könne die Thätigkeit des Bundes nie zu dem von ihm angestrebten Ziele führen. Den anderen Gegnern, die sich jetzt in der Hauptsache darauf beschränken, die Taktik des Zionismus anzugreifen, wies Dr. W eitzmann in treffender, oft mit feinem Witz durchsetzter Beweisführung die Unhaltbarkeit ihrer Behauptungen nach. Das Ergebnis der Versammlung aber war der logische und moralische Sieg unserer Idee. Prag. („B a r - Ko c hl) a", Verein Jüdischer Hoch schul er.) Bei der am 16. Februar stattgefundenen Generalversammlung erstattete der Obmann-Stellvertreter H. J.-U.-C. Ernst Gütig den Thätigkeitsbericht, dem wir Folgendes entnehmen: Als seine Pflicht habe es der Ausschluss angesehen, die Mitglieder zu tüchtigen Zionisten zu erziehen. Dazu dienten Vorträge, die fast jeden Samstag stattfanden. Besonders zu erwähnen sind die Vorträge über das Gegenwart-program in, Endziel des Zionismus, jüdische Kunst, der jüdische Student und der Zionismus. Ausserdem wurden zwei Referate über die Akademiker-Conferenz in Basel abgehalten und ein Cyklus von Vorträgen über neuhebräische Dichtung, der in das zweite Semester fortdauert. Während des Semesters wurden Fechtübungen abgehalten, ein hebräischer Spracheurs eingerichtet und ein Share- Club gegründet, dem eine grosse Anzahl von Mitgliedern angehört. Ferner betheiligte sich der Ausschuss durch einen Vertreter an den Berathungen des vorbereitenden Comites zur Errichtung einer Tovnbee-Halle und hat jetzt in der Leitung einen Vertreter. Aus den Berichten des Cassiers und des Bibliothekars ist zu entnehmen, dass die finanzielle Lage eine günstige ist, ebenso bei der Bibliothek. Bei dem am 18. Jänner abgehaltenen Kränzchen wurde ein bedeutender Reinertrag erzielt, von dem ein grosser Theil zur Fundierung des Unterstützungsfonds verwendet wurde, der sicher noch im Laufe dieses Jahres ins Leben treten wird. Ferner fand heuer die erste Rectors-Auffahrt statt. Auf die Beglückwünschung zur Rectorswahl von Seiten der Deputation antwortete Seine Magnificenz der Rector Prot. Dr. Freiherr v. Wies er, dass er den jüdisch-nationalen Hörern dasselbe Wohlwollen entgegenbringe, wie allen anderen. In diesem Semester wurde auch ein Co mite gewählt zur Verfassung einer Agitationsbroschüre, das rührig an der Arbeit ist. Durch Annoncieren in den Tagesblättern wurden vielen der Mitglieder Stunden- und Mundantenposten verschafft. Ein Ansuchen an die Cultusgemeinde, die Benützung der Gemeinde - Bibliothek jüdischen Studenten freizustellen, ebenso an den Stadtrath wegen Benützung der Gemeindebibliothek wurde abschlägig beschieden. (!) Ein Ansuchen an den Landesschulrath wegen Ueberlassung eines Turnsaales ist noch nicht erledigt. Ebenso kam auf Anregung an die Cultusgemeinde, ein jüdisches Museum zu errichten, woran die Bemerkung geknüpft war, dass sich der Verein an der Arbeit betheiligen wolle, noch keine Antwort. Wien. (Im „Jüdischen Verein jugendlicher Arbeiter*1-) hielt Sonntag den 2. März Herr Dr. B. M. a rguli es einen Vortrag über die „Arbeiterfrage im Talmud". An der Discussion betheiligten sich die Herren E. Her rm a n n und Inslicht L. W. Wien. („D ie Vereinigung zionistischer Hochschüler") veranstaltete Samstag den 8. März ihren ersten Discussions-Abend, der sehr zahlreich besucht war. Der Referent Herr Martin Buber zeigte in formvollendeter Rede den Entwicklungsgang der modernen zionistischen Idee. — Nach dem mit Beifall aufgenommenen Referate schilderte Herr Dr. Max aus Washington seine Eindrücke von der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes, die er auf seinen Reisen in dem grössten Theile der europäischen Länder gewonnen. An der lebhaften Discussion betheiligten sich die Herren Gross, Hickl, Scho rr, Prediger Grün, Hausmann und Belkind. Berlin. Mitte vorigen Monates hat sich hier eine zionistische Ortsgruppe ausländischer Juden gebildet, die den Namen führt „Ahawath Zio n", Abtheilung der „Berliner zionistischen Vereinigung". In der am 1. März stattgefundenen Generalversammlung wurden folgende Herren gewählt: J. Engländer, Ingenieur, stud. phil. Liebmann, Dr. Handtke, J. H.Wagner, Behr, Pariser, Ruckenstein. M. Feuilleton- Skizze aus dem Leben. Von D. Rueck, München. „Anton, Suppe, aber schleunigst!" Diese Worte beim Ankommen dem Kellner ärgerlich zurufend, setzte sich Dr. Hirsch an den Tisch zu seinen befreundeten Collegen, vor das Gedeck, das schon lange seiner zu harren schien. Es war ein junger Arzt von etwa fünfundzwanzig Jahren, gross, stark, etwas behäbig, mit dunklem, in der Mitte gescheiteltem Haare und weichlichem, fast stets lächelndem Gesichtsausdruck. Momentan war dieses Lächeln geschwunden. ,,Vor lauter Beruf und Arbeit kann unsereiner verhungern!Si Sein College, Dr. Mendel, der ungefähr dreissig Jahre zählen mochte, eine schlanke Erscheinung, ausgezeichnet durch feingeschnittene, sehr energische Gesichtszüge, fuhr aus der Leetüre der Zeitung — es war die „Welt" —, in die er vertieft war, auf. Mit seinen grossen, durchdringenden Augen sah er den Freund ironisch an und schüttelte die pechschwarze Löwenmähne, die sich vom glattrasierten Gesichte besonders charakteristisch abhob, als ob er an die Worte des Freundes nicht recht glauben könnte. „Du sieht mir, lieber Leo, nicht im geringsten darnach aus. Uebrigens freut es mich, dass Du auch mal am eigenen Leibe spürst, was Hunger ist/' „Das dachte ich mir: Millionen von Menschen sind dem Hunger, dem Elend, der Noth preisgegeben, und wir u. s. w. u. s. w. gelt?" .,Gewiss," erwiderte Dr. Mendel ernst. „Glaubst Du etwa, eine Thatsache, so traurig wie diese, verliert durch öftere Constatierung von ihrer Bedeutung? Uebrigens habe ich mir vorgenommen, Dich mit den Argumenten für den Zionismus in 'Zukunft zu verschonen.4' .,Das ist wahrhaftig human von Dir," meinte freudig Dr. Hirsch; „seit wann datiert denn dieser menschenfreundliche Vorsatz?" „Gedächtnisschwach, mein Lieber : seit gestern. Da hast Du meine Behauptung definitiv anerkannt." „Welche denn?•' „Dass Du und Deinesgleichen einfach Bequemlichkeitsmenschen seid, dass Ihr als solche nicht das Bestreben habt, Eure geistigen wie materiellen Kräfte in den Dienst weiterer Kreise, unseres Volkes, das derselben bedarf, zu stellen. Und diese Ideallosigkeit, die Euch kennzeichnet, lässt Euch ebensowenig als Kosmopoliten, wie als Gegner des Zionismus erscheinen." „Aber erlaube, David," warf Dr. Hirsch etwas entrüstet ein, „ich habe schon an die dreitausend Recepte geschrieben, von denen doch viele, wenigstens die Jodkali- Salicyl- und Digitalispräparate, zum Wohle meiner Mitmenschen eingeschlagen haben." „Ja wohl, aber unser Schuhmacher Schultze hat ebenso viele seiner Mitmenschen vor nassen Füssen bewahrt. Höhere, Ziele, die Opfer Willigkeit erfordern, gehen Euch beiden ab. — Doch genug davon. — Warum bist Du heute so spät zum Essen gekommen?u „Zwei Kranke haben wieder Aufnahme im Hospital gefunden. Den einen bekam ich auf meine Abtheilung, den anderen Du." „Da muss ich ja gehen." „Du kannst ruhig noch hier bleiben. Dein Patient ist in einen Schlummer verfallen, der für ihn wohlthuend ist." „Was für ein Fall ist der auf meiner Abtheilung?" „Natürlich ein Polack im moribunden Zustande. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt/ „Leo," fuhr ihn Dr. Mendel erregt an, „in diesem Tone von meinen Landsleuten zu sprechen, verbitte ich mir in aller Freundschaft!" Dr. Hirsch erschrak, wie ein Kind, das soeben bei etwas Unrechtem, dessen er sich nicht bewusst war, betroffen wurde. Doch bald fasste er sich und sprach : „Verzeih, lieber David! Wie kannst Du nur glauben, dass ich irgendwie auf Dich anspielen wollte? Mich ärgert nur jedesmal, dass die Leute von jenseits der Grenze so unvernünftig sind, Moribunde den weiten, beschwerlichen Weg zu uns nach Berlin zu schicken."' „Da magst Du ja zum Theil recht haben. Aber diesen lieblosen, verächtlichen Ton kann ich nicht ertragen." „Da bist Du auch einmal auf dem Holzweg. Denn Dein Patient war mir vom ersten Augenblick an sympathisch.