Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- Die Juden und der Antisemitismus in Algier
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die # Weif Nr. 11 gesagt wird; nur ist es zweifelhaft, inwieweit die Antisemiten besser sind als die Juden. Dass der Araber von Haus aus das weniger skrupellose Element sei, ist schwerlich anzunehmen. Politisch kommt allerdings nur eine dünne Schicht der Araber direkt in Betracht, da nur die naturalisierten Araber das Wahlrecht haben. Das hindert aber nicht, dass die Menge der Nichtwählenden den Chor der Judenfeinde sehr verstärkt. Die Juden, auch die orientalischen, haben das Wahlrecht. Als nämlich im Jahre 1870 Cremieuxin Paris eine Zeitlang in der provisorischen Regierung sass, benützte er seine vorübergehende Ministerherrlichkeitj um politisch für seine Stammesgenossen in Afrika zu sorgen. Es ist nicht unmöglich, dass sein ministerieller Federstrich von damals in Zukunft noch Judenblut kosten wird, denn im Punkte Wahlrecht besteht eine offenbare politische Bevorzugung der Israeliten. Rechnet man hinzu, dass der Antisemitismus In Frankreich überhaupt im Aufsteigen ist, , und dass jeder Gegensatz gegen das Ministerium Waldeck- Rousseau ohne Weiteres den Antisemiten zugute kommt, so begreift man, dass hier ein Boden ist, der für die Geschichte des Judenthums recht peinlich werden kann. Bei jeder Geschäftsstockung heisst es: Das ist der Jude! Wenn der Wein keinen Absatz rindet: das ist der Jude! Wenn die Schiffe der Hamburg-amerikanischen Gesellschaft nur zwei Stunden hier halten : das ist der Jude! Es klingt, als würde Algier ein wirthschaftspolitisches Paradies sein, wenn es nur eben erst seine Juden erschlagen hätte." Zum neuen rumänischen Handwerkergesetz. Wie rumänische Blätter berichten, hat der rumänische Minister des Innern ein Rundschreiben an sämmtliche Communalbehörden des Landes erlassen, in dem er sie auffordert, die Arbeiten, die sie zu vergeben haben, womöglich nur rumänischen Handwerkern zukommen zu lassen, und auch auf Privatpersonen in diesem Sinne einzuwirken. — In der Kammerdebatte über das Handwerkergesetz war von den Juden viel die Rede, und obgleich in der Gesetzesvorlage die Juden nicht ein einzigesmal ausdrücklich erwähnt sind, begrüssten doch nahezu sämmtliche Redner den Entwurf als einen „löblichen Versuch, den rumänischen Handwerkerstand vor unberechtigter jüdischer Concurrenz zu schützen." Natürlich fiel es keinem einzigen Deputierten ein, zu fragen, was denn die zur Beschäftigungslosigkeit gezwungenen jüdischen Handwerker anfangen sollten. Bloss Minister Carp glaubte seinen alten philosemitischen Ruf, der übrigens in jüngster Zeit stark gelitten hat, dadurch rehabilitieren zu müssen, dass er einmal dießemerkung machte, durch das Schimpfen (!) auf die Juden allein werde den Rumänen nicht geholfen werden; diese müssten sich bemühen, ehrliche Arbeit zu leisten, dann werde es ihnen Wohlergehen. Sonst zeigte der ganze Verlauf der Debatte, dass die Gefühle des Hasses gegen die Juden, auch in dan Kreisen der Intelligenz, immer mehr zunehmen. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Efraim Frisch: „Verlöbnis".*) „Ein Hauch weht durch die Lande", singt Leo Rafaels in seinem Psalm. Der mächtige Hauch der zionistischen Idee lässt manch starres Eis aufthauen und manch grünspriessendes Leben auftauchen. Im Zeichen des Zionismus stehen die misten Schöpfungen der bedeutendsten modernen jüdischen Künstler. Es seien nur Namen wie Zangwill, Lesser Ury, Morris Rosenfeld und Lilien genannt. Eine Freude ist es, zu sehen, wie sich die Kräfte des jüdischen Stammes jugendlich regen und bewegen. Und immer neue Männer bringen ihre hohen Fackeln und zünden sie an den heiligen Flammen des herrlichen Auferstehungsfeuers an. Ob sie sich laut zum Zionismus bekennen oder nicht, Juden sind sie, Juden, die durch die Heimkehr zum Judenthum geläutert, die reichsten Schätze ihrer Begabung mit Geberhänden dem armen, harrenden Volke zu Füssen streuen, auf dass es lichter und leichter den Weg zur Sonne und Heimat finde. Zu diesen neuen Männern gehört auch Efraim F ri s c h, dessen erste Erzählung »Verlöbnis11 soeben in Fischers Verlag erschienen ist. Bedürfnis und Befreiung muss Efraim Frisch sein jugendfrisches und zugleich ernstreifes Buch gewesen sein. „Geschichte eines Knaben* nannte er es in seiner schlichten Bescheidenheit. Diese Geschichte ist aber eine Tragödie, die tief ergreifende Tragödie eines Kindes, welche ihresgleichen sucht. Der Russe Ssologub zeichnet auch frühreife *) Berlin, S. Fischers Verlag. Leiden der Kleinen und wunderliche Wünsche der frühverwundeten winzigen Herzen, vermag aber nicht, an die verborgensten Saiten der jüdischen Seele zu rühren. Er bringt uns aufwühlende Bilder, doch kein Ebenbild. Dasselbe lässt sich von Carl Busse sagen, der im „Kleinen Ben" einen Judenknaben darstellt, welcher ein Christenmädchen liebt, von christlichen Buben misshandelt wird, in den grossen, flammenden Worten seines Vaters, eines kleinen Shylocks, keinen Trost findet und ins Wasser geht Grosse Worte finden wir bei Frisch nicht. Darin gleicht er Sienkiewicz, der mit den einfachsten Mitteln Meisterwerke5 der Kinderseelenmalerei geschaffen hat. Statt grosser Worte finden wir im „Verlöbnis" eine grosse, heimliche Sehnsucht und einen tiefverborgenen, zehrenden Schmerz. Eine Sehnsucht, welche nur jene kennen, die in dumpfen Kellern hausen müssen; ein Schmerz, welchen jene tragen, denen man Sonnensegen versagt. . . Leo Braun, ein zarter, blasser Jndenknabe, der das schwüle Cheder in einem galizischen Städtchen besucht, zuhause eine allzu strenge Erziehung geniesst und einen starken Hang zur Freiheit und Schönheit besitzt, wird bei der Verlobung seines Verwandten Methusalem von der stillbewunderten grossstädtischen „gebildeten" Cousine Pepi zum Tanze aufgefordert und dann mit einem Briefe in die Conditorei geschickt. Das Schreiben war für ihren Geliebten, einen hübschen Lieutenant, bestimmt. Als Leo mit der erwarteten Antwort zurückkehrt, erfasst ihn das selig erregte Mädchen und küsst ihn heiss auf den Mund. Der Kuss sollte das Verhängnis des Knaben werden. Der unruhig verträumten Nacht folgte ein schrecklicher Tag, ein Tag, an dem Leo Zeuge einer erschütternden Scene war. Der lamentierenden alten Tante Sarah entführte man ihre Tochter Pepi. Seit ihrer Taufe war sie für die Familie verschollen, verstorben . .. Doch ihr Kuss lebte und glühte in Leos keuscher Seele mit aller Gewalt und Leidenschaft. Der tief gehegte und gehütete Schatz von erlebtem und erträumtem Glücke verlieh dem Kinde eine verklärte Schweigsamkeit. Der Kuss war für Leo.eine Offenbarung, ein Gelöbnis, ein Verlöbnis, ein Mysterium — und bald ein Martyrium. In einem Augenblicke der Schwäche hat er das theure Geheimnis seinem schlauen, erzverdorbenen Kameraden Gustav anvertraut. Er hat den Vorhang seines Traumpalastes gelüftet und das Glück in Leid verwandelt. Gustav quält ihn und führt ihn auf Abwege. Endlich verräth er das Geheimnis Leos dem Cheder, wo die Jungen ihn verhöhnen und seinen Traum, seinen Kuss, seinen Schwur, sein Verlöbnis, seine Hoffnung in den Koth zerren. Er vernachlässigt das Studium, wird daher vom schroff-strengen Vater getadelt und einmal sogar misshandelt. Verwandte legen sich ins Mittel und setzen es durch, dass ihn der Vater nach Horki schickt, wo die Mutter zur Sommercur weilt. Im Freien athmet der schwache und zerrüttete Knabe auf, verkehrt mit dem schwindsüchtigen Träumer Marcus, der sein Geheimnis erräth und schont. Nach der Abreise des Todkranken trifft Leo mit Gustav wieder zusammen. Der neidische Verfolger beschämt den allseits beliebten Knaben vor den Damen und gibt ihnen sein Geheimnis preis. Leos verhaltene Wuth erwacht, und als ihn Gustav bald darauf auf der Wiese wieder zu hetzen und zu verhöhnen beginnt, stürzt er sich wie rasend auf den Peiniger und Verräther und schlägt ihn blutig . . . Nach einem kurzen Fieber stirbt der unglückliche Leo an „gebrochenem Herzen". Gorkijs Lied vom Falken preist die Tollkühnheit. „O, kühner Falke! Im Kampfe mitFeinden bist du verblutet... Doch kommen Zeiten — und deines edlen heissen Blutes vergossene Tropfen erglühen, und entflammen in vielen heissen Herzen ein wildes Dürsten nach Licht und Freiheit! .. Marcus' Geige schluchzt verworrene, verlorene Lieder von Traumesflug und Wolkenzug. Die Kühnheit fehlt. Es fehlt die Kraft. Dass Frisch sein Volk so schwach gesehen, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, welches Motiv ihn geleitet hat. Wie der Zionismus die Fehler des jüdischen Volkes nicht verheimlicht, will auch Frisch den Weg „durch Wahrheit zum Licht* weisen. Und er bringt uns schmerzliche Kunde von Wunden, die man zarten Seelen Schlägt, von Fehlern unserer Erziehung, von traurigen Existenzen, von harten Gegensätzen, die sich in Leo und Gustav verkörpern, von sonnenlosen Tagen und stummen Qualen ... Er singt seinen eigenen Schmerz in einfachen Worten, die eine eigene Poesie und Stimmung athmen. Etwas von der Intimität seines Freundes Hirschfeld zittert mit in der rührenden Erzählung, und die prächtige Kleinmalerei erinnert an Perez. Bei alledem trägt sie den Stempel der wahren Originalität und stellt ihren Verfasser in die Reihe der Besten der Jungen, die im Gegensatze zu