Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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tfr. 11 Die # Welt?-6 Seite 7 ^fteibäne. Von Seite der Isr. Allianz zu Wien werden wir ersucht, Folgendes bekannt zu geben: Seit einiger Zeit gehen Leute in Wien und vermutlich auch in anderen Städten mit Spenden-Sammelbüchern zugunsten der bedrückten rumänischen Glaubensgenossen herum: die Sammelbücher sind angeblich von einem Verein „Schomer Israel" in Bukarest ausgestellt und tragen eine Stampiglie dieses Vereines in hebräischer, deutscher und rumänischer Sprache. Nach eingezogenen zuverlässigen Erkundigungen hat der unter erwähntem Namen in Bukarest bestehende Verein niemanden beauftragt, Spenden zu sammeln, so dass man es in diesem Falle mit einem B e trüge zu thun hat, durch welchen das Mitleid mit unseren in der That unter einer immer grausamer werdenden Gesetzgebung der furchtbarsten Noth preisgegebenen Glaubensgenossen in Eumänien nicht ohne Erfolg ausgebeutet wird. * Wien, 4. März. Die vereinigten zionistischen Oorporationen des VL, VII. und XIV. Bezirkes veranstalten am 23. März 1. J. anlässlich des Purim-Festes in den Sälen des Hotels „Zur goldenen Birne14, VIL, Mariahilferstrasse 48, einen geschlossenen Familien-Abend. Karten im Vorverkauf ä 2 Kronen bis inclusive 19. März erhältlich in der Redaction der „Weit", IX., Türkenstrasse 9. An der Abend-Cassä gelangen Karten nur in beschränkter Anzahl, nach Massgabe des verfügbaren Raumes, zum.Preise von 2.50 Kronen zum Verkaufe. ^dNQbfODik- Eine angebliche „zionistische Candidatur." Eine Wiener Tageszeitung bringt die Nachricht von einer zionistischen Candidatur in den Wiener Gemeinderat. Dem entgegen erklären wir, dass die zionistische Partei weder mit der Candidatur, noch mit dem Candidaten das geringste gemein hat. Bekämpfung des Antisemitismus. Man mag so alt werden wie Methusalem — man lernt doch nie aus. Fuhr ich da vor ein paar Tagen in der „Elektrischen" und traf dort einen alten Herrn meiner Bekanntschaft, einen Juden natürlich, der aber als „alter 48er" das Jadenthum nur als „nebensächliche Privatangelegenheit" gelten lassen will, und meine zionistischen Anschauungen aufs heftigste bekämpt. Er war mit dem Lesen seines Leibblattes beschäftigt . ... Wir stritten auch an diesem Orte ein Weilchen, doch bei der nächsten Haltestelle musste er aussteigen. Vor dem Verlassen des Wagens faltete er das Blatt schön zusammen, übergab es mit einer graziösen Hand^ewegung dem Conducteur, und sprach zu mir die denkwürdigen Worte: „Sehen Sie, das ist meine Methode, den Antisemitismus zu bekämpfen. So oft ich in die Tramway steige, kaufe ich mir ein liberales Blatt, um e<3 dann vor dem Aussteigen dem Conducteur zu schenken. Oft wiederhole ich das zwei- und dreimal des Tages. Die Leute sind nämlich im Grunde ihres Herzens gar keine Antisemiten; sie sind nur durch das Lesen der antisemitischen Hetzblätter irregeführt und aufgereizt. Durch das Lesen der liberalen Zeitung wird der eine oder andere von diesen Leuten doch aufgeklärt und wird einsehen lernen, dass die Juden gleichberechtigte Menschen sind, denen er böses Unrecht that. So bekämpfe ich den Antisemitismus in geräuschloser, aber intensiver Weise. Und würden alle Juden meinem Beispiele folgen — es gäbe bald keinen Antisemitismus mehr . . .* Sprach's und verHess stolzen Schrittes den Wagen, im Bewusssein, eine grosse That gethan zu haben . . . Hätte ich die kleine Scene nicht selbst erlebt, ich würde ihre Nacherzählung für einen dummen Witz halten. Nun aber konnte ich mich nicht enthalten, mir selbst zu sagen: Wenn es s o aussieht in manchen jüdischen Köpfen, ist es begreiflich, dass da für die Erfassung des Zionismus kein Platz ist. O sancta simplicitas! — k. Juden im amerikanischen Unabhängigkeits-Kriege. In diesen Tagen, da anlässlich des Besuches des preussischen Prinzen Heinrich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika soviel an den glorreichen Befreiungskrieg der Amerikaner zur Erlangung ihrer Unabhängigkeit (1774) erinnert wird, ist vielleicht auch die Reminiscenz am Platze, dass in diesem Kriege Juden sich auch vielfach ausgezeichnet haben. Von hervorragenden Stabsofficieren sind zu nennen: der General-Quatiermeister der amerikanischen Armee, namens Balthasar Melchior. Vor Beginn des Krieges hatte er eine jüdische Gastwirtschaft in Philadelphia inne. Der Stabschef des berühmten Generals Arnold wrar der Lieutenant-Colouel Frank, ebenfalls ein Jude. Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin hat folgende Leitsätze seinen Mitgliedern und der Oeigentlichkeit übergeben : Leitsätze für deutsche Juden. 1. Die Grundbedingung für Staat und Gesellschaft bildet das Recht. 2. Die Bekämpfung und Unterdrückung einer vom Staat anerkannten Religionsgemeinschaft und ihrer Anhänger auch wenn sie die Minderheit im Staate bilden, widersprich dem Rechtsbewusstsein jedes gesitteten Volkes. 3. Die Uebung der jüdischen Religion und ihrer Sittenlehre widerspricht in keinem Punkte den sittlichen Grundsätzen des modernen Staates; Geheimlehren kennt das Judenthum nicht: also ist es rechtens, die Juden den Bekennern der christlichen Religion in staatsbürgerlicher und gesellschaftlicher Beziehung gleichzustellen. 4. Der Antisemitismus verletzt das Grundgebot der Nächstenliebe, das der christlichen und jüdischen Religion gemeinsam ist. 5. Der Antisemitismus urtheilt und handelt durch Hass geblendet; er geht vom Rechte zur Rechtlosigkeit und führt zum Anarchismus. 6. Wer den Antisemitismus fördert, macht sich zum Mitschuldigen seines frevelhaften Treibens; wer ihn bekämpft, tritt für Ehre und Wohl seines Vaterlandes ein. 7. Den Glauben seiner Väter hochzuhalten, ist Ehrensache; das gilt in gleicher Weise für Juden wie für Christen. 8. So wenig die Gesammtheit der Christen verantwortlich ist für Verstösse Einzelner gegen Staats- und Sittengesetz, so wenig kann das Judenthum die Ausschreitungen einzelner Israeliten hindern oder verantworten. Jeder Jude weiss, dass ein eingewurzeltes Vorurtheil für seine Fehler die Gesammtheit seiner Glaubensgenossen zur Rechenschaft zieht, und dass es ihm deshalb mehr als jedem anderen Volksgenossen obliegt, Selbstachtung und Selbstzucht zu üben. 9. Nur die Zusammenfassung aller im deutschen Volke vorhandenen sittlichen und geistigen Kräfte hat Deutschland zur Einheit und Grösse geführt. Diese Güter zu wahren ist Pflicht jedes Patrioten. 10. Niemand darf zurückgewiesen werden, der für das Vaterland Gut und Blut, geistigen und sittlichen Besitz einsetzt, mag er Jude oder Christ, arischer oder semitischer Abstammung sein. Höher als alles steht das Vaterland; das Heil des Vaterlandes aber beruht auf Gerechtigkeit. Wenn wir nicht irren, haben wir diese Weisheit schon irgendwo gehört. Wo? sagen die Redactionen der liberalen und jüdisch-assimilatorischen Blätter, die seit Jahren mehr oder weniger salbungsvoll dasselbe predigen. Es hat also der Ausschuss des Centraivereines das Pulver gegen den Antisemitismus zum tausendstenmale erfunden, ein Pulver schlechtester Güte, denn der Feind fühlt sich nie getroffen. Es liegt oft viel Kinderspiel in einer tiefen Weisheit. Die Juden und der Antisemitismus in Algier. Einem afrikanischen Reisebrief des deutschen nationalsocialen Pfarrers Naumann entnehmen wir folgende Skizze: „Ich möchte nicht aus Algier berichten, ohne der jetzt brennendsten Angelegenheit zu gedenken. In der Stadt Algier leben etwa 10.000 Juden, das ist reichlich 10 Percent der Bevölkerung. Diese Juden zerfallen in zwei Theile: modernisierte französische und ursprünglich orientalische Juden. Das Verhältnis ist also in gewissem Sinne der Lage in Wien verwandt, wo auch die Oberschicht der Juden im Deutschthum aufgeht, der Volksbestand als solcher corporativ weiterlebt. Aus dieser Lage ergiebt sich, dass die Judenfrage ebenso im französischen wie im arabischen Stadttheil spielt, u. zw. in beiden Lagern als Frage der Concurrenz. So fand sich in der antisemitischen Parole zum erstenmal ein Ziel, das Franzosen und Araber zu vereinigen imstande war. Daher erklärt sich die Wucht der ersten antisemitischen Erfolge. Natürlich wird den Juden hier alles zum Vorwurf gemacht, was überall in der Welt von den Antisemiten gegen sie