Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- Die Lage der Juden in Rumänien
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die Welt" Nr.il der „Well" vom Jahre 1900.) Allein wir haben bis jetzt nicht gesehen, dass die wohlthätigen Curatoren des jüdischen Volkes aus den damaligen Ereignissen die Nutzanwendung gezogen hätten. Das neue rumänische Handwerkergesetz wird wohl wieder hunderte von jüdischen Familien aus dem Lande drängen. Schon haben sich die Massen in Bewegung gesetzt Nach einem Berichte der in Bukarest erscheinenden jüdischen Zeitschrift „Der wahre Hajoetz" passieren fortgesetzt kleinere Gruppen jüdischer Auswanderer, die planlos nach Amerika ziehen, die Landesgrenze von P r e d e a 1. Wohin werden unsere wohlthätigen Körperschaften, die vom Zionismus nichts wissen wollen, den Auswandererstrom lenken? Oder glauben sie allen Ernstes daran, ihn eindämmen zu können — durch Volksküchen? Das sind ernste, vorwurfsvolle Fragen, die wir unseren Gegnern nicht ersparen können. Wir sind auf ihre Antwort begierig. M. Z. Beiträge zur Kenntnis Palästinas. Mittheilungen des „Agronomisch-culturtechnischen Bureaus für Palästina".) Von A. Aaronsohn und Dr. S. Soskin. (Fortsetzung,)*) Wir sind jetzt vor Kaffin, das sich als ein ziemlich grosses Dorf erweist und mehrere hundert Häuser besitzt. Die Dörfer, die wir bis hierher besucht hatten, besassen immer Brunnen. Hier ist schon Mangel an Wasser. Das Trink- und Tränkwasser wird CiSternen entnommen. Da unsere Pferde und wir selbst recht müde sind, besonders durch die Anstrengungen der letzten drei Stunden, während wir das Gebirge und die Thäler zwischen Wadi Arah und Kaffin durchkreuzten, entscheiden wir uns, hier Halt zu machen. Wir ruhen etwa eine Stunde im Schatten der Oelbäume aus, die dicht an der Cisterne wachsen. Ein junger Hirte, der sich sehr dienstfertig zeigt (wie es überhaupt! die Araber Gästen gegenüber sind, die ihre Sprache kennen), holt uns Wasser herbei, leistet uns Gesellschaft und theilt mit uns unser bescheidenes Frühstück. Von Kaffin begeben wir uns nach Saida. Das erstgenannte Dorf verlassend, durchziehen wir südlich davon eine Schlucht, welche durch zwei ziemlich hohe Berge gebildet wird. Diese Berge sind von grossen massiven Kalkfelsen überdeckt, welche bei einer graugefärbten, harten Oberfläche im Innern weissgelblich und weich sind. Sie sind ziemlich entblösst und erinnern uns an die Berge von Zichron-Jacob, Rosch-Pinah und Metula. Es ist aber ein grosser Unterschied hierbei nicht zu übersehen. In unseren Colonien, in denen man den Anspruch erhebt, systematisch und sogar wissenschaftlich zu arbeiten, überlässt man entweder diese Berge sich selbst, wie es in den beiden zuletzt genannten Colonien der Fall ist, oder aber, wie es in Zichron geschehen ist, die zahlreichen Eichen-, Johannisbrot-und Oelbäume, welche diese Berge überdecken, werden gefällt, man verwendet 1000 Frcs. per Hektar, um das Buschwerk umzubrechen, welches ja die vollkommene Hinwegschwemmung der vegetalen Erde durch den Regen verhindert, man pflanzt alsdann nicht widerstandsfähige Renen an, welche den ersten Angriffen der Phylloxera unterliegen müssen, und so sehen wir schliesslich dieses Gebirge in seinem gegenwärtigen Zustande, wo die Berge vollkommen nackt erscheinen, der Humus weggewaschen ist, so dass sich jetzt kaum etwas damit anstellen lässt. Diesen Anblick liefert uns z. B. jetzt das Gebirge von Nezieh bei Zichron. Nun sehen wir einmal 2u, wie es die routinierten Araber anstellen. Zuerst wird zu vermeiden gesucht, dass die grossen Felsblöcke, an deren Fusse sich die feinste vegetale Erde ablagert, von ihrem Platze gerückt werden. Mit Hilfe der Steine, die den Berg überdecken, bildet man Wände quer durch die Neigungslinie der Bergabhänge. Diese Wände dienen ebenfalls zur Aufhaltung der feinen Erde, so dass sich auf diese Weise bald Terrassen bilden, und auf diesen Terrassen, deren anfängliche Erdkrumentiefe kaum 0.25 m ausmachte, alsdann aber die Mächtigkeit von 1 bis 2 Metern erreichte, werden nun Oelbäume ge- *} Vgl. die Nummern 41—40 der „Welt" v. J. zogen. Diejenigen, die man in wildem Zustande auffindet, werden ausgelichtet und gepropft. Auf geeigneten Plätzen werden sonst Oelbäume gepflanzt, wenn man keine wilden vorfindet. Die Oelbäume* werden ziemlich regelmässig in Abständen von 8 bis 10 Metern nach allen Richtungen gepflanzt, ohne dass man sich dabei besondere Mühe gibt, das liniengerade Abstecken der Abstände zu verfolgen. Mit Recht zieht es der Araber vor, im Abstecken der Abstände Fehler zu lassen, die Vertiefungen zwischen den Felsen, in denen sich die feinste Erde aufspeichert, zum Verpflanzen der Bäume zu benützen, als etwa, wie es in den jüdischen Colonien ausgeübt wurde, diese Vertiefungen opfernd, die geradelinige Richtung zu verfolgen und Löcher für die Bäume mit grosser Mühe im Felsen auszuhöhlen. Nach 2 bis 3 Jahren werden diese Oelbäume gepfropft und nach weiteren 5 bis 6 Jahren erhält man die ersten Früchte. Nach 15 bis 20 Jahren stellen dann die Oelbäume ein grosses Vermögen dar, eine Quelle von reichen Einnahmen. Der hochfahrende, stolze Beduine, der von oben herab den Hundsfellachen (den Ackerbauer) behandelt, spricht indes mit Achtung von dem Besitzer einer Oelbaumpflanzung. Es imponiert hier im Lande ausserordentlich, wenn man einen Kerm-Zei'tun (Oelbaumgarten) sein eigen nennen kann. Es wäre sehr erwünscht, dieses Gefühl sich bei unseren Colonisten entwickeln zu sehen. Um das Ueberhandnehmen von Unkraut zu verhindern, werden diese Terrassen sehr häufig mit der Band bearbeitet, und es werden darauf ein Jahr ums andere einmal Leguminosen oder Sesam und dann Weizen ausgesäet. Wenn also die Binageculturen, dank dem mehrmaligen Zweibrachen (Binage), dessen sie bedürfen, den frischen Zustand des Bodens unterhalten und die Bodenfruchtbarkeit vermehren, folglich auch den Oelbäurnen nützlich sind, so kann man hingegen die Cultur der Cerealien zwischen den Bäumen nicht empfehlen. Dessenungeachtet ist doch, alles in allem, diese Art Bildung von Oelpflanzungen mit sehr wenigen Ausgaben verbunden, diese Umwandlung von meist dürren Bergen in einen reichen Ertrag liefernden Besitz ziemlich rationell und müsste von unseren Colonisten — wir wiederholen es — nachgeahmt werden. Gleich nach diesen Oelpflanzungen wechselt die Natur des Gebirges. Die massiven Kalkfelsen werden noch härter. Auf diesen Bergen sieht man nichts als einige vertrocknete, abgenagte Gräser, Spuren der Früjahrsvegetation, aber keine Bäume, auch kein Gebüsch. Eine vollständige Dürre! Diese Berge sind vqn tiefen Schluchten durchbrochen, unter denen die wichtigste, der Wa Ji en-Nar (die Feuerschlucht), in der Regenzeit kolossale Wassermengen ableiten muss. Die Gegend hat wenig Einwohner, die Dörfer sind unbedeutend. Schon ihre Namen weisen auf ihre Bedeutungslosigkeit hin. Es sind Nouzlet, Haltestellen. Nouzlet-il- Meacfi (Haltestelle der Körnererntenden), Nouzlet Hadj Hamed u. s. w. Aber wie wir schon bemerkt haben, ist dieser Zustand der Verwüstung und Oede nicht unheilbar. Und in der That erinnern von Zeit zu Zeit die Spuren einer verlassenen Gebirgsstrasse oder zwei- bis dreihundertjährige Olivenbaumstämme an einen blühenderen Zustand in der Vergangenheit und äussern Protest gegen den Urteilsspruch der Unfruchtbarkeit, den man geneigt wäre, der Gegend für alle Zukunft vorherzusagen. Es ist nicht die Natur, sondern die Fahrlässigkeit der Menschen, die diese Gegend der Verheerung preisgab. Man siedle doch arbeitslustige, genügsame Landwirte an, die den Geist der Beharrlichkeit und Ausdauer besitzen, und diese dürren Gebirge würden eine Fülle von Terrassen darstellen, welche mit Oliven-, Johannisbrot- und Feigenbäumen, mit Cactushecken und mit allen anderen Bäumen der subtropischen Regionen überdeckt wären, die so wunderbar gut in unserem Klima gedeihen, mit allen diesen kostbaren Pflanzen, deren ursprünglichste und wichtigste Eigenschaft es ist, sich gut zu entwickeln und reiche Ernten abzuwerfen, trotz der intensivsten Trockenheit. An geeigneten Orten angebrachte Dämme würden die Gewalt der Sturzbäche brechen, die grossen Felsblöcke aufhalten und Wasserbehälter bilden, so dass der Trockenheit vorgebeugt werden würde. Und später, nach 50 bis 60 Jahren — das ist sehr viel für ein Menschenleben und nur ein flüchtiger Moment für die Geschichte eines Landes — würde die Gegend nicht wieder zu erkennen sein. Wenn auch die vielen Pflanzungen die atmosphärischen Niederschläge vermehren werden, so werden doch die Sturzbäche verschwinden. Jetzt fällt das Regenwasser auf völlig nackte, stark geneigte Flächen; fast im Augenblicke vereinigt es