Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
11 (14.3.1902)
Article
Die Orthodoxie für den Zionismus
Date
1902-03-14
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315971-3319235--30946-3319356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 „Die & Welt« Seite 3 auch aDzuregen, dass andere orthodox gesinnte Vereine Delegierte nur aus der gesetzestreuen Partei wählen. 10. Die Vereine haben die vom Centrum bestellten und mit Vollmacht versehenen Wanderredner zu unterstützen. 11. Die Vereine sollen durch ihr Beispiel dem Zionismus unter dem Volke Sympathien gewinnen und-dürfen daher als Vereine nicht gegen die Gesinnung der Orthodoxie handeln. 12. Anhänger der Socialdemokratie können nicht Mitglieder der Vereine werden. 13. Das Centrum hat einen Ausschuss von Gelehrten und Schriftstellern zu bilden, welche die Aufgabe haben, 1. Bücher und Broschüren zu prüfen behufs Vorlegung und Empfehlung an die Vereine und 2. die geeigneten Schriften zu Agitationszwecken unter dem Volke zu verbreiten. 14. Für Kosten und Ausgaben der Organisation muss jeder Verein 5 Rubel jährlich an die Cassa der Organisation einsenden. 15. Das Centrum hat Filialen in allen Rayons zu gründen, um die grosse Arbeit der Organisation zu erleichtern. 16. Das Centrum hat danach zu streben, dass die Zahl der orthodoxen Mitglieder des Congresses aus Russland grösser wird. 17. Vereine, die sich dieser Organisation anschliessen wollen, müssen nachweisen, dass sie der allgemeinen zionistischen Organisation Russlands angehören und vom Landes-Comit6 bestätigt sind. Das Centrum hofft zuversichtlich, im Schosse der Vereine eine regere Thätigkeit zu schaffen und das Vereinsleben im orthodoxen Sinne zu kräftigen. Es ist zu hoffen, dass die russischen Mitglieder des Actions-Comites, sowie das engere Actions-Comite die Beschlüsse bestätigen werden, dass die Gegensätze und Reibungen zwischen liberalen und orthodoxen Zionisten ausgeglichen werden und dann beide Parteien Gelegenheit haben, nebeneinander ruhig und friedlich den Zionismus in Russland zu verbreiten. Alle Vereine, die der Orthodoxie nahestehen, werden hiermit aufgefordert, sich dieser Organisation anzuschliessen, um dadurch die Verwirklichung unseres heiligen Ideals zu fördern. Der Secretär des zionistischen Rayons-Vorstandes: Jacob Marein. Die Lage der Juden in Rumänien. „Es ist vollzogen." In den gesetzgebenden Körperschaften Rumäniens wurde dieser Tage ein Attentat gegen die jüdische Bevölkerung des Landes verübt, von dem diese sich kaum wird erholen können. Ihrer armseligen Existenz, die durch die früheren legislativen und administrativen Massregeln ohnehin in Frage gestellt war, ist durch das neue Handwerkergesetz der Gnadenstoss versetzt worden. Damit sind die jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden — der fleissigste und betriebsamste Theil der im allgemeinen lässigen Bevölkerung — nicht etwa an den Bettelstab gebracht worden: gegen den Bettel und die Vagabondage gibt es auch in Rumänien polizeiliche Vorkehrungen; aber sie sind an den Wanderstab gerathen. 0, es sind moderne Menschen, die Herren, die die Geschicke des interessanten Gulturstaates Rumänien lenken, und sie haben sich alle gesetzestechnischen Errungenschaften der Neuzeit zunutze gemacht. Man kann heutzutage nicht gut einen grossen, erbgesessenen Bestandtheil der Bevölkerung durch legislatorische Gewalt acte des Landes verweisen oder seines Vermögens enteignen, aber man findet schon indirecte Mittel und Wege genug, die schutzlosen Juden an die Luft zu setzen und aus dem Lande hinauszucomplimentieren. Die „conservativen" Schlachzizen Galiziens haben hiefür ein prächtiges Wort geprägt: Asemitismus. Asemitisch ist auch das neue Handwerkergesetz Rumäniens, beileibe nicht antisemitisch. Der Jude wird nicht mehr verbrannt oder vertrieben, aber er wird in sinnnreicher Weise ausgehungert und verdrängt. Das ist das Wesen des Asemitismus, und damit ist das neue rumänische Handwerkergesetz zur Genüge charakterisiert. In der vorigen Nummer unseres Blattes haben wir die einzelnen Bestimmungen der nunmehr zum Gesetze erhobenen Vorlage besprochen und die Folgen, die sie für unsere rumänischen Brüder nach sich ziehen müsste, erwogen. Seitdem ist auf Betreiben der rumänischen Handwerkerschaft eine neue Bestimmung, aufgenommen worden, durch die die Situation der jüdischen Handwerker und Gewerbetrebenden vollends unhaltbar geworden ist. Es handelt sich um den Ausschluss der Juden aus den Handwerkerorganisationen. Die Stimmimg unter den rumänischen Juden spiegeln die folgenden Zeilen aus dem Briefe eines rumänischen Gesinnungsgenossen an das Wiener Actions-Comite wieder: „In den letzten Tagen ist wieder ein furchtbarer Schlag gegen die Juden in Rumänien geführt worden, den wir zwar vorausgesehen haben, der aber dennoch die furchtbarsten Wirkungen haben wird. Das Handwerkergesetz ist nämlich in den Kammern angenommen worden. Eine einzige Stimme fand sich, welche die offene Erklärung verlangte, ob es sich um ein Gesetz gegen die Juden handle. Die Ministerbank blieb die Antwort schuldig, dafür wurde der Paragraph, um den es sieh drehte, nicht in der ursprünglichen Form, sondern in einer vom Ministerium angenommenen amendierten Fassung votiert, durch welche Juden von jeder Einmischung in die Leitung der Handwerker-Organisationen ausgeschlossen werden. Bei dieser Gelegenheit zerstörte Herr Garp die Legende seines Philosemitismus, und sein Freund Herr AI. Marghilo man sagte, man brauche nicht mehr in der Vergangenheit des Herrn Carp nach gegentheiligen Ansichten zu forschen. Jedenfalls wird durch Annahme dieses Gesetzes die kräftigste Schichte unserer jüdischen Bevölkerung proletarisiert und dem Hunger in die Arme getrieben, was wohl der „Ica" Gelegenheit geben wird, einige Volksküchen zu gründen ..." Volksküchen als Allheilmittel gegen die von öffentlichen Gewalten betriebene Proletarisierung der jüdischen Massen — das ist wieder einmal ein Pröbchen von der weitausschauenden Fürsorge, zu der sich die gegenwärtige jüdische Wohlthätigkeit aufschwingen kann. Der im Zionismus verkörperte jüdische Volkswille, wie der in den judenfeindlichen Gesetzgebungen und Verordnungen bekundete Widerwille der anderen Völker drängen gleicherweise nach einer gesicherten Heimstätte für das ruhelose Wandervolk, aber anstatt ihm einen heimatlichen Herd zu bereiten, wendet man alle Hilfsbereitschaft und alle Hilfsquellen im Judenthum daran—- Volksküchen zu gründen; anstatt den jüdischen Massen die Grundlage für die Entfaltung und Verwertung ihrer mannigfaltigen wirtschaftlichen und industriellen Kräfte, die feste Basis des Heimatsbodens zu schaffen, speist man sie mit Bettelsuppen ab. Schon zur Zeit der denkwürdigen rumänischen Juden Wanderung des Jahres 1900 dämmerte in manchem denkenden Kopf aus den Kreisen des „philanthropischen Judenthums" die bange Frage: Wo hinaus? (Vgl. den Artikel „Vor den Pforten des Zionismus" von Berthold Feiwel in der Nummer 27

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.