Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- Die Liquidatoren
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Wenn man aus der Vogelperspective die Vorgänge und das Treiben unserer Cultusvorstände und aller jener Körperschaften, die ein Stück des Judentums, sei es in wohltätiger, sei es in erzieherischer Hinsicht, verwalten, beobachtet, kann man sich nicht eines Gesammteindruckes erwehren, der jeden unbeteiligten Dritten mit Erbitterung erfüllt Man sieht da Leute, denen die Verwaltung und Leitung des Judentums mit seiner ganzen, auch in unserer Zeit kolossalen Bedeutung für die Cultur und Givilisation der Menschheit anvertraut ist, und diese Leute schämen sich nicht, diese hehre Aufgabe nur als eine Angelegenheit fünfter und sechster Ordnung zu betrachten, die es nicht verdient, gehörig erledigt zu werden. Diese „ehrenwerten Männer", welche neben vielem anderen auch jüdische Angelegenheiten zu ihren Agenden zählen, geberden sich als die Liquidatoren des Judenthums — um ein Gleichnis aus ihrem eigenen Anschauungskreise zu gebrauchen —und nicht als dessen Verwaltungsräthe. Das Judenthum wollen sie nicht zu hohen Ehren bringen, emporblühen lassen, sie trachten, es als Liquidatoren, wie der Terminus technicus lautet, zu „versilbern". Denn diese Herren sind zumeist ausgezeichnete Kaufleute, die sehr genau wissen, was man mit verkrachten Actiengesellcshaften anzustellen hat: möglichst rasch und ohne Aufsehen die laufenden Geschäfte zu beendigen. Nur, um Gotteswillen, keine Entrierung neuer Geschäfte, die nicht zur Abwicklung von schwebenden Geschäften dienen. DieHerren sind ausgezeichnete Liquidatoren, die selbst vor Geschäfts-Stornierungen nicht zurückschrecken; sie erfüllen die Verpflichtungen der aufgelösten Gesellschaft. Sie sind sehr wohlthätig mit jüdischem Gelde. Sie ziehen die Forderungen der aufgelösten Gesellschaft ein. Sie erheben Gultussteuern. Sie versilbern das Vermögen der Gesellschaft. Gegen Orden und Auszeichnungen dulden sie es, dass die restlichen Rechte der Juden gekrümmt werden. Sie vertreten die aufgelöste Gesellschaft — auf die Bälle en vogue ist mindestens ein jüdischer Gultusvorstand geladen. Sie schliessen Vergleiche und gehen Gompromisse ein — statt des Sabbathgottesdienstes streben sie hochreformerisch den Sonntagsgottesdienst an. Und — last not least — sie beendigen die laufenden Geschäfte: sie assimilieren sich glänzend, aus Kohn wird Kruna, aus Winternitz Tinternitz u. s. w. Das Judenthum ist den Liquidatoren eine dem Untergang geweihte Sache, eine res nefasta, oder ein höchst unprofitables Geschäft, das man um jeden Preis losschlagen müsse. Das Endziel des Judenthums ist für manche der jetzigen Vertreter des Judenthums: das Aufhören des Judenthums. Aber selbstversändlich nicht mit der schrillen Dissonanz, wie im Alterthum Völker und Nationen verschwanden, nicht etwa, um in unserer glorreichen zeitgenössischen Geschichte zu bleiben, wie die Bocren heldenmütig vom Erdboden Süd-Afrikas verschwinden! Nein! Das vertragen die Nerven der Liquidatoren nicht, und die müssen doch geschont werden. Die Liquidatoren schwärmen nur für eine sanfte Evolution. Sie wollen ein langsames und allmähliches Emancipieren von allem, was die Stärke und Grösse des Judenthums ausmacht. Es gehört zwar nicht mit zu den Geschäften der aufgelösten Gesellschaft, aber sie sind in corpore einig vor ihrem Gotte und vor ihrer Gesellschaft, es zu vertreten, dass dieses Geschäft zur endgiltigen Abwicklung der schwebenden Affairen des Judenthums unablässlich notwendig ist. Wenn sie sich nicht als Liquidatoren betrachteten, hätten sie doch nicht die Leitung und Verwaltung des Judenthums, dieser dem Untergange gewidmeten Sache, übernommen. Nur aus diesem beschränkten Gesichtspunkte ist die Politik dieser Herren zu verstehen, nur so ist ihre Leitung und Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten, direct dem Untergange und der Auflösung zu, zu begreifen. Als Verwaltungsräthe würden sie sich infolge der schweren Verantlichkeit scheuen, auf diese Weise mit dem Kostbarsten der jüdischen Nation umzuspringen, als Liquidatoren sind sie unverantwortlich : sie wickeln ab, sie lösen auf, sie waschen ihre Hände in Unschuld. Die Herren vergessen nur eines — und das sollten sie als gewiegte Kaufleute nicht — dass es eine gesetzliche Bestimmung gibt, derzufolge selbst Liquidatoren einstimmig getroffenen Anordungen der Gesellschaft Folge zu leisten haben, dass die Liquidatoren