Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-03-07
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 *Die 2& Welt" Nr. 10 er bloss empfand, doch sie klammerte sich nur an ihn und sprach nicht und weinte. Ein Geräusch von Schritten erschreckte ihn. Clara war zurückgekehrt und stand nun vor ihnen. Als sie Mirjam in seinen Armen sah, war sie einen Augenblick sprachlos, doch sie fand sich bald wieder. „Also doch?" rief sie laut lachend, so dass nun auch Mirjam emporfuhr und lief beschämt von Paul liess. Sie drückte die Hand an ihr Herz, als ob dessen laute Schläge sie schmerzten, und senkte das Haupt, denn sie wagte nicht der Freundin ins Antlitz zu blicken. Clara aber schien hocherfreut zu sein, dass die zwei sich endlich gefunden. „Ich glaube gar, Du schämst Dich?* sagte sie. „Als ob es nicht natürlich wäre, dass Ihr Euch ineinander verliebt! Ich erwartete.das von dem Augenblicke, da Paul hier eintraf. Zwei so schöne Menschen müssen sich angehören, Ihr seid ja dazu bestimmt, ein Paar zu werden!" Und nun fas&te sie Mirjam beim Kinn und versuchte ihr in die Augen zu blicken, was ihr aber nicht gelang, weil sich das schöne Mädchen erröthend zur Seite wandte. .Clara soll unsere Vertraute sein,** suchte Paul Mirjam zu beruhigen, „sie allein soll um unsere Liebe wissen, bis ich bei Deinem Vater um Deine Hand anhalte." „Mein Vater?* sagte Mirjam erschreckt, und ihr Antlitz wurde bleich* „mein Vater wird niemals einwilligen, dass ich Deine Frau werde," „Er muss, Mirjam, er muss! Sollte ihm das Glück seines Kindes nicht höher stehen, als die starre Form seines Glaubens? Sollte er Dich zwingen, die Gattin irgend eines zelotischen Juden zu werden? Bist Du doch für die Sonnenseite des Lebens geschaffen und nicht, um neben einem Dorfrabbiner zu verkümmern. Könntest Du denn einem anderen angehören? „Eher sterben, eher hundertmal sterben l* rief sie laut aufsehluchzead und warf sich an seine Brust und umklammerte ihn, als ob sie bereits jetzt ihn zu verlieren fürchten müsste. Er suchte sie zu beruhigen, und es gelang ihm im Vereine mit Clara, ihr Herz mit Hoffnungen zu erfüllen. „Wie, Dein Vater sollte nicht einwilligen?* rief Clara. „Was würde denn Onkel Heinrich dazu sagen, vvenn man Dein LebensgJück vernichten wollte? Und was würden wir beginnen, ich und ganz Lobenstein? Wir liessen uns das gefallen? Wo denkst Du hin? Wir würden ihn zwingen, und keine ruhige Stunde sollte er haben, bis er seine Einwilligung gegeben." „Vertraue mir, Mirjam,* sagte Paul, „ich hole Dich heim, wenn ich nicht allein mit Deinem Vater, sondern noch mit hundert anderen um Dich ringen müsste. Sieh* mich an! Mein Vertrauen ist ein felsenfestes, und Du wirst die Meine, wie Deine Liebe stark ist und treu." „Mein Leben gehört Dir," sagte sie leise. „Von diesem Augenblicke an bin ich Dein und will die Deine sein bis in die Ewigkeit/' „Die Ewigkeit ist lang und der Tag ist kurz," meinte Clara. „Um sechs Uhr sollst Du daheim sein, und jetzt ist es bald sieben. Dein Vater erwartet Dich und wir wollen ihn nicht unnöthigerweise erzürnen." Sie machten sich alle drei auf den Weg, nachdem Mirjam die Thränenspuren von ihrem Antlitz getilgt hatte. Sie schlenderten ruhig durch die Gassen und sprachen von gleichgiltigen Dingen; niemand sollte ahnen, was ihre Herzen bewegte. Aber die Verstellung gelang weder Mirjam, noch PauL Ihre Augen sprachen es so laut hinaus, was ihre Lippen verschwiegen, dass sich der vor seinem Laden sitzende Srole Herzl zu seiner Frau wandte und sagte: „Fradele, mein Kind, mir scheint, für Heb Goldner hat sich ein Schwiegersohn gefanden?" IX. Paul hatte ein zweites Porträt Mirjams begonnen. Er malte es für sich, doch sein vornehmster Zweck war, mit dem geliebten Mädchen auch weiterhin am Kachmittage beisammen zu sein. Die Arbeit gieng sehr langsam vonstatten. Wenn Clara anwesend war, beschäftigte er sich mit dem Bilde, aber wenn sie sich entfernte, sass er neben Mirjam, hielt ihre Hände in den seinen, vertiefte sich in ihre Augen und sprach mit ihr von ihrer Liebe und von der Zukunft. Und sie wurden nicht müde, einander zu lauschen; wie Musik klang ihm ihre Stimme, und sie hätte jedes seiner Worte unauslöschlich in ihr Herz graben mögen. So verbrachten sie die Stunden des Nachmittags, dann geleitete er sie in Gesellschaft Claras heim. Nach dem Abendessen gieng man in kleiner Gesellschaft ein wenig auf und ab, und da fand sich stets Gelegenheit zu einem verstohlenen Händedruck, zu einem geflüsterten Lieb es wort. Vormittags, oft schon zeitlich in der Frühe, gieng er an ihren Fenstern vorüber. Sie erwartete ihn stets und belohnte ihn durch einen heissen Blick aus ihren glänzenden Augen. Entweder war er in Mirjams Gesellschaft oder er träumte von ihr und erwartete sehnsüchtig die nächste Zusammenkunft. So floss die Zeit dahin. Die vier Wochen, welche &r in Lobenstein verbringen wollte, neigten ihrem Ende zu, und nun musste es endlich zur Entscheidung kommen. Er eröffnete Mirjam, dass er um ihre Hand anhalten werde, und als sie auf diese Worte hin zu weinen begann, tröstete er sie mit dem Versprechen, nicht eher abzureisen, bis er die Zusage ihres Vaters erhalten habe, und wenn er zehn Jahre lang in Lobenstein bleiben müsste. Am nächsten Morgen, im Laden gab es ohnedies nichts zu schaffen, bat er seinen Onkel um eine Unterredung. Finkelstein folgte ihm in die Stube, und als sie allein waren, hub Paul an: „Lieber Onkel, ich habe Dir eine überraschende Nachricht mitzutheilen." Finkelstein, der ihn mit einem langen Blicke gemessen hatte, unterbrach ihn: „Ich kenne Deine Nachricht, und sie ist nicht überraschend. Du bist in Mirjam Goldner verlieht, und ich soll für Dich bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten." „Wie, Du weisst . . .? „Ob ich weiss! Und ganz Lobenstein weiss es nicht? Da gehst Du herum und träumst, verräthst Deine Liebe auf Schritt und Tritt, und meinst, wir sind blind. Wir sehen schon lange, was da vorgeht, und nicht bloss ich bin von Deiner Nachricht nicht überrascht, auch Sehimschele Hecht wäre es nicht, denn er weiss so gut davon, als ich. Nun, das ist übrigens Nebensache. Die Hauptsache ist, lieber Paul, dass Dir Goldner seine Tochter nicht geben wird. Er wartet auf «in feines Jüngel, das den Talmud kennt, den Sohar und die Jeziroh, auf einen guten frommen Juden, der sich das „Lernen" zur Lebensaufgabe macht." „Und ich sage Dir, Onkel, dass ich nicht aus Lobenstein weiche, bis Mirjam nicht meine Verlobte ist. Und wenn ich Gewalt anwenden müsste, sie wird doch mir gehören, weil sie mir ihr Herz zu eigen gegeben hat. Daran wird ihr Vater nichts mehr ändern. Er kann das Mädchen, das mit allen Fasern an mir hängt, nicht zwingen, einem anderen Manne die Hand zu reichen.* „Meinst Du, ich will Dich entmuthigen? Fällt mir nicht ein! Ich sage Dir, wenn ich vor die Wahl gestellt würde, ob ich Mirjam oder die Tochter des schwerreichen Herrn von Tulpenthal in die Familie bekommen will, würde ich mich für Mirjam entscheiden, Ist sie doch ein Mädchen, so schön, so gut, so — was soll ich Dir sagen? — so grossartig, wie Gott nur alle hundert Jahre eines erschafft. Und Geld hat sie auch, ja, viel Geld. Die Erbschaft nach ihrem Grossonkei, der getauft war, ist noch unberührt. Und ich weiss, Du hättest keine Scrupel, wie ihr Vater, der von diesem Geide nichts wissen will. Aber wozu das viele Herumreden? Komm', ich gehe augenblicklich mit Dir zu Reb Goldner, und dann wirst Du aus seinem eigenen Munde erfahren, woran Du bist." Er nahm nicht einmal einen anderen Rock; wie er war, machte er sich mit Paul auf den Weg zu Mirjams Vater. Sie sprachen nichts. PauL war roth vor Aufregung und Finkelstein sehr nachdenklich. Er überdachte die Worte, die er an Goldner richten wollte. Gleich bei ihrem Eintritte in das Haus stiessen sie auf Mirjam. Sie sass in der kleinen reinlichen Stube, die Hände ineinander gefaltet, in einer Ecke. Beim Erscheinen der beiden Männer sprang sie erregt auf, um aber gleich wieder todtenbleich in den Stuhl zurückzusinken. Paul eilte, rasch auf sie zu, denn er fürchtete, sie würde ohnmächtig werden. Er legte den Arm um ihre Schulter und küsste sie trotz der Anwesenheit seines Oheims auf die Stirne. Er sprach ihr mit wenigen Worten Muth zu, er schwur, sie nicht zu verlassen, was immer geschehen möge, und erst als er sie ruhiger werden sah, folgte er Finkelstein, der in der Thürschwelle stand, welche die beiden Gemächer voneinander schied. Es war ein halbdunkler Raum, in den sie traten. Ueber einem alten Ledersopha waren drei Bretter angebracht, auf welchem gewichtige Folianten lagen; in den Winkeln standen strohgeflochtene Stühle, an das einzige Fenster war ein kleines Tischchen gerückt, und davor sass Reb Salom Goldner, die Wangen auf beide Handflächen gestützt, las in einem dicken Buche und wiegte dabei den Oberkörper leise hin und her. Er vernahm das Eintreten der beiden nicht. Erst als ihm Finkelstein laut „Seholem alechem \* zurief, entfernte er die Hände von den Wangen und blickte auf. (Fortsetzung folgt.)