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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Geehrte Redaction!
Date
1902-03-07
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 10 „Die # Welt" Seite 9 fonds" aufnehmen zu la s s e n. Ich glaube, es wird wohl keinen zionistischen Verein geben, der abgeneigt wäre, einen solchen Beschluss zu fassen; es handelt sich also nur um eine Frage der Zeit, d. h. darum, ob der Verein in der Lage ist, dies schon jetzt zu thun oder erst nach Verlauf einiger Zeit. Die Hauptsache ist indessen, dass jeder zionistische Verein es als seine Ehrenpflicht betrachte, sich ins Goldene Buch aufnehmen zu lassen. Hochachtungsvoll und mit Zionsgruss A. S. W*faÄ@bi*ot)ik* Ein internationaler Antisemiten-Congress wird vom 14. bis zum 18. April d. J. in Algier tagen. Es soll darüber berathen werden, wie dem Jüdischen Emfluss in aller Welt" gesteuert werden könnte. Rumänische Juden auf Cape Breton. Im äussersten Ende der canadischen Provinz Neu-Schottland befindet sich die Insel Cape Breton, deren Bevölkerung grösstentheils aus Fischern besteht. Seit kurzer Zeit wird auf der Insel von einer englischen Gesellschaft Kohlen- und Eisenbergbau betrieben. Unter den Bergleuten der Gesellschaft befinden sich auch viele jüdische Emigranten aus Rumänien, die in den Städten Sydney und Glass-Bai jüdische Cultusgemeinden gegründet haben. In Glass-Bai wurde ein Rabbiner angestellt und mit dem Baue einer Synagoge begonnen. Auch hat sich dort ein zionistischer Verein gebildet. Die jüdischen Arbeiter erweisen sich als überaus fähige und fleissige Bergleute, ein Beruf, den sie früher niemals ausgeübt haben. Oie Juden in den Grossstädten Europas. In dem Jahrbuche des „Vereines zur Vermittlung ärztlicher Hilfe für bedürftige Kranke" finden sich folgende Daten über die Zahl der Juden in den europäischen Grossstädten und ihr Percentverhältnis zu der nichtjüdischen Bevölkerung: In Warschau beträgt die Zahl der Juden 204.700 Seelen gegenüber einer Gesammteinwohnerschaffc von 640.0OO Seelen (32%); in Odessa 143.400:410.000 (35%); in Berlin 110.000:2,000.000 (5%); in Wien 153.440:1,650,000; in Paris 29.000:2,900.000 (1%); in London 96.000:6,490.000 (1-5%); in Budapest 149.600: 680.000 (22%); in Amsterdam 66.000:510.000 (13%); in Frankfurt a. M. 25.000:250.000 (10%); in Lemberg 40.000:145.000 (28%); in Dresden 38.700:400.000 (9-7%); in Constantinopel 57.000:950.000 (6%); in Salonichi 75.000: 150.000 (50°|0); in Bukarest 30.000:250.000 (l2°/0). Jüdische Handwerkerschulen in Russland. Zu Beginn des Frühjahres werden in Russland in einigen Städten jüdische Handwerkerschulen errichtet werden. In der Gouvernementsstadt Mohilew wurden zu diesem Zwecke 20.000 Rubel gesammelt, und man erwartet ausserdem eine Subvention von der „Ica" und von den Geldern der „Korobka" (Koscherfleisch-Steuer, die zu jüdisch-culturellen Zwecken verwendet wird). — In Bialystok werden ebenfalls Vorbereitungen zur Errichtung einer Handwerkerschule getroffen. — In Minsk ist ein Theil des Schulgebäudes schon seit dem vorigen Jahre aufgebaut und es soll in nächster Zeit an den Bau des Haupttractes und der Zeichensäle gegangen werden. — In den Handwerkerschulen von Hornel und G r o d n o ist nur noch die innere Einrichtung zu vollenden, ehe die Gebäude ihrer Bestimmung übergeben werden. Die Metropole der Karaiten, Tsufut-Kale ist der merkwürdigste Ort der ganzen Krim. Herr E. M. de Vogue Mitglied der französischen Academie, berichtet über diese Stadt in folgender Weise in der „Revue des deux Mondes": Wir gelangen auf eine grosse Hochebene, welche den Gipfel des steilen Berges bildet, der auf allen Seiten von Abgründen umgeben ist, und wir befinden uns in den Strassen einer zerstörten Stadt, die so todt und still ist wie Poinpeji. Das ist Tsufut-Kale, die Metropole der Karaiten, Seit vielen Jahrhunderten, man weiss nicht, von welchem Zeitpunkte an, hat hier ein Stamm der Juden auf dieser Hochebene gewohnt, auf dem Felsen ohne Wasser,' aber geschützt vor Beraubung und Misshandlung. Vor fünfzig Jahren war die Mehrzahl dieser Häuser noch bewohnt, "man schloss abends die Thore der Festung, und diese Leute mussten eine Stunde weit gehen, um Wasser zu holen im Thale Djuruk-Su. Die Zeiten besserten sich, die Karaiten zogen sich in die Städte der Ebene, besonders nach Simpheropol und Eupatoria, wo sie sich mit Handel beschäftigen. Auf dem Plateau von Tsufut-Kale wohnen nur noch zwei Familien und ein Rabbiner, der die Synagoge besorgt. Die Anhänger der Secte wallfahren dorthin am Laubhüttenfeste. Die Karaiten haben nichts mit den anderen Juden gemein; sie glauben nicht an den Talmud, sie halten sich an die Bibel und unterscheiden sich durch manche Einrichtungen in der Lithurgie. Sie geniessen allgemeine Achtung, man lobt ihre Ehrlichkeit und ihre moralischen Eigenschaften. Die Abstammung dieses Zweiges der Israeliten ist ein Problem, das von der Wissenschaft noch nicht ganz gelöst ist. Wenn man ihren Aussagen glauben darf, hat nach den einen ihr Stamm Jerusalem vor der ersten Zerstreuung der Juden verlassen, nach anderen vor der Zerstörung des zweiten Tempels. Einige Historikersehen in diesen Karaiten Anhänger der jüdischen Religion ohne Verwanrlschaft mit dem Volke Abrahams, welche sich in den ersten Jahrhunderten unserer Aera zum Judenthum gewendet haben sollen. Der Typus der Karäer widerspricht dieser Annahme; er ist rein hebräisch. Der Rabbiner spricht geläufig russisch; ich versuchte, mir von ihm den Unterschied zwischen seiner Bibel und derjenigen der anderen Juden erklären zu lassen, ich wollte .vor allem wissen, ob sie sich derjenigen der Samaritaner nähert und ob eine Verwandtschaft zwischen den beiden Secten bestehe. Aber von alledem weiss er nichts. Er weiss nur, dass er sehr arm ist; als er mich in sein Haus einlud, das mit holländischer Reinlichkeit, gehalten ist, gab er mir zu verstehen, dass ein Rubel als Gegenwert für das Glas Milch, das er mir reichte, nicht schlecht angewendet wäre. Nachher stiegen wir in das Thal Josaphat nieder; unter einer Gruppe schöner Eichen sind die Grabtafeln angehäuft von mehr als tausend Jahren her, darunter einige von ehrwürdigem und seltsamem Ausehen, bedeckt mit hebräischen Buchstaben von veralteter Form.-Von diesem schattigen friedlichen Wäldchen aus geniessfc man eine reizende Aussicht. Vor uns der sonnenverbrannte Bergkamm von Tsufut-Kale, die Festung und die an den Abgründen stehenden Ruinen; hinter uns die Unordnungen der Krimgebirge, die meisten vereinzelten Plateaus, wie das, welches wir eben verliessen, getrennt von einander durch die waldigen Thäler, die der Salghir durchzieht. Die Erhöhungen verlieren sich gegen die Steppe hin nach der Richtung von Simpheropol, das im Duft am Horizont erscheint. Aber nicht allein die malerische Wildheit der Gegend ist es, die uns hier fesselt; das Interesse wird erregt durch Exemplare der ältesten und interessantesten Menschenrassen .In einem Umkreise von zwei Kilometern finden wir vier Rassen nebeneinander; die Tartaren von Baktschi-Sarai, die letzten Ueberreste der Mongolen; die Zigeuner, wie sie einst aus der Ebene des Ganges kamen; die Karaiten, einen losgelösten Zweig vom Stamme Juda; endlich die Russen von dem Himmelfahrt-Kloster. Also Turanier, Arier, Söhne Sems und Söhne Japhets. Vier Rassen, vier Sprachen, vier Typen, die man auf den Blick erkennt, und drei Religionen — es wäre anmassend, diejenige der Zigeuner bestimmen zu wollen. Seit undenklicher Zeit wohnen diese Elemente nebeneinander, jetzt in völliger Eintracht, aber nie kommt ein Tropfen Blutes von einem Stamm in einen anderen, sie vermischen sich nicht. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Die Jewish Encoclypedia" wird fortgesetzt! Aus New-York kommt eine sehr erfreuliche Kunde: Die grosse „Jüdische Encyklopädie* wird fortgesetzt! Voriges Jahr, als der prächtige erste Band dieses gross angelegten Monumentalwerkes ausgegeben worden war, musste jeder National-Jude dieses Werk als eine That ansehen, die, der Renaissance im Judenthum ihre Entstehungs- Möglichkeit verdankend, .andererseits geeignet war, das wiedererwachte Interesse für das Judenthum und die Wissensehaft des Judenlhums mächtig zu fördern. Kaum war es möglich geworden, den ganzen Inhalt des über tausend Seiten starken ersten Bandes durchzustudieren, wie er es verdient, als die betrübende Nachricht zu uns drang, dass die Kosten so gross geworden waren, dass die Fortsetzung des Werkes in Frage stand.

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