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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Betonung und Bethätigung
Date
1902-03-07
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 10 Luftpolitik mit schönen Worten und Programmen, die das nächste Ausnahmsgesetz über den Haufen wirft. Wir kämpfen gegen die Judennoth. Ohne die Gegenwart hilflos zu lassen, scheuen wir vor grossen Forderungen einer grossen Zukunft nicht zurück und vertreten sie mit dem Muthe der schlagenden Wahrheit. Im gegenwärtigen Momente sind die Juden des Westens für eine jüdische Politik reif. Dass sie keine falsche wird, dafür haben wir Zionisten zu sorgen. Der österreichische Zionistentag wird es gewiss nicht versäumen, durch gut organisierte Propaganda uns Gehör zu verschaffen. Die Juden des Westens lebten in scharfem, fremdnationalem Streite. Wir hoffen, von der dabei erworbenen Energie unterstützt zu werden, wenn wir unseren nationalen Standpunkt betonen und bethätigen. J. U p f i m n y. Professor Hemann Uber den Zionismus. Karlsruhe, 19. Februar 1902. Im hiesigen „Evangelischen Verein" hielt am vergangenen Sonntag der bekannte christliche Philozioni.st Herr Professor H e m a n n-Basel vor einer mehrhundertköpfigeu Versammlung einen Vortrag über „Zionismus bei den Juden". Er entwarf zunächst eine Charakteristik des jüdischen Volkes, welches als das grösste Welträthsel zu bezeichnen sei. Ueberall, wo die Juden hinkommen, kommen sie als Flüchtlinge, Verfolgte, aber es dauere nicht lange, so zeige sich überall ihr Einfluss, ihre Ueberlegenheit; und sind sie da, so hält man sie für ein Uebel, jagt man sie fort, so kann man sie nicht entbehren. Das grösste Räthsel sei, dass dieses Volk schon 2000 Jahre seine Rolle in der Welt ausgespielt zu haben scheint, und doch nicht wie alle anderen Völker untergegangen sei, dass es sich vielmehr in der Zeit um das Doppelte vermehrt habe, und sich im grössten Elend erhalte. Und die Lösung dieses Räthsels liege darin, dass dieses Volk die reinste Sittenlehre habe, und dass es immer die Hoffnung hege, dereinst zu der ihm gebürenden Stellung wieder zu gelangen. Und diese Hoffnung gibt den Juden Kraft genug, ihre Religion und ihre Nationalität aufrecht zu erhalten. Redner gibt sodann einen Ueberblick über die jetzige Lage der Juden. Ueberall bestehe eine Furcht vor den Ju d-en. Er wolle hier nicht darauf eingehen, ob diese berechtigt sei, aber jedenfalls sei es Thatsache, dass man die Juden überall als eine Gefahr ansehe. Deswegen lasse man die Juden in Russland zum Studium nicht zu, deshalb habe das englische Ministerium erklärt, dass man eine Untersuchung anstellen werde, ob durch die überhandnehmende Fremdeneinwanderung — und unter diesen Fremden seien nur Juden zu verstehen — den einheimischen Arbeitern keine Gefahr drohe. Allein überall bestehe für die Juden selbst eine weit grössere Gefahr; wo sollen sie hin, wenn man sie von überall fortjagt, wenn sie überall dem Spott und der Willkür ihrer Nachbarn ausgesetzt seien? Es habe sich gezeigt, dass die Pläne des Baron Hirsch falsch seien. Wie sollte es auch anders sein? Er war nur ein Einzelner, und (iie Juden frage könne und müsse nur durch das ganze jüdische V o 1 k gelöst werden. Dies sei das Ziel des Zionismus. Sodann besprach Herr Prof. Hemann die Entwicklungsgeschichte des Zionismus und die fünf Congresse und zeigte eine tiefe Kenntnis unserer Bewegung. Seitdem Banken bestehen, sei die Jüdische Colonialbank die erste, die zu keinem geschäftlichen Unternehmen, sondern durch und für ein hohes Ideal geschaffen sei, von einem Volke,, das als das geldgierigste verschrien werde. An der Spitze der Zionistenbewegung stehen Männer vonhohem geistigen Talent und ohne jede eigennützige Bestrebung sich dem hohen Ideale opfernd. Es sei ein Glück für die Bewegung, dass der Antrag, man möge dem A.-C. eine Belohnung ausschreiben, auf dem letzten Congresse zurückgewiesen worden sei. Den Vorwurf, der Zionismus sei religionsfeindlich, müsse er aufs entschiedenste zurückweisen. Der Congress sei das jüdische Parlament, und während man in allen anderen Parlamenten der Weit oft g"nug Gelegenheit habe, religionsfeindliche Reden zu hören, so habe man auf keinem Zionistencongresse ein solches Beispiel erlebt, und man müsse alle Hochachtung vor Dr, Herz! haben, dass er auf dem Congresse keine religiöse Frage zulasse. Der Zionismus sei lediglich eine politische Organisation und keine religiöse. Man müsse ebenso anerkennen, dass in der zionistischen Presse kein Christen feindlich es Wort zu finden sei, und diejenigen Christen, die deswegen der Bewegung unsympathisch gegenüberstehen, weil die Zionisten alle Versuche der christlichen Missionäre zurückweisen, seien ebensowenig imRechte,wie die deutschen Protestrabbiner. Redner hält das Scheitern des zionistischen Planes für ausgeschlossen, der Zionismus stehe unwiderstehlich da, und weil das, was er erstrebt, ein Glück für die ganze Menschheit sei, so müsse ihn ein jeder Christ unterstützen. Aber er könne sich das kaum erklären, wie man Jude sein kann und zugleich Antizionist. Es ist auffallend., dass hier in Karlsruhe der Zionismus die Christen mehr interessiert als die Juden, obgleich der Grossherzog in unzweideutiger Weise sein Wohlwollen für unsere Bewegung ausgedrückt hat. Wäre der Vortrag des Herrn Prof. H e m a n n vielleicht einAnlass dafür, dass seitens der Centrale der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland* hierher ein Wanderredner geschickt werde, um auch unseren jüdischen Brüdern, die sehr wenig über den Zionismus unterrichtet sind, unsere Sache darzulegen? Ein Erfolg ist nicht zu bezweifeln. Sch—witz. Das Ghetto in der Provinz. O. M. — Dass das Ghetto doch aufgehoben sei, bildet den Stolz der „Judenliberaien" und liberalen Juden. Sie weisen auf diese Errungenschaft von 1789 und 1848 hin, zum Zeichen, dass es besser geworden sei als früher. Es brauche alles seine Zeit und es werde mit fortdauernder, langsamer Hinwegräumung der Gegensätze und Schranken endlich — in fernen Tagen — auch die Zeit der ununterschiedlichen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen „ohne Unterschied der Nationalität undConfession" kommen. Wer kennt nicht das alte Lied — wer aber glaubt noch daran? Ja, die realen Ghetto-Mauern sind gefallen, aber viel höhere und einengendere sind geblieben. In den grossen Städten mit grosser jüdischer Bevölkerung merken oder wollen sie die geistigen Ghetto-Mauern nicht bemerken, und sie können sich in diesem Wahne wiegen, weil ihr Kreis gross genug ist und ihre Macht gross genug ist, um alle Lebensgenüsse sich innerhalb dieses Kreises zu beschaffen. Ganz anders ist es in den Provinzstädten mit kleiner jüdischer Bevölkerung der Fall. Dort merken die Juden ihre Absonderung und die Feindschaft, die sie umgibt, ganz gewaltig. Dieses Gasthaus und jenes Kaffeehaus sind ihnen noch offen; alle anderen aber verschlossen: sie sind ausschliesslich für die „einheimischen" Nationalen reserviert — von den Vergnügungen in der Stadt: Tanzkränzchen und Festen; von den Vereinen und Corporationen sind die Juden ausausgeschlossen. Geistige Anregung und Anschluss finden sie bei den christlichen Mitbürgern nicht Aus den Schulen kann man ihre Kinder nicht ausschliessen, aber die armen Kinder sind schon in der Schale den gleichen Beleidigungen, Zurücksetzungen und Vereinsamungen ausgesetzt,.wie später im ernsten Leben. Von früh auf muss das jüdische Kind lernen, dass es ein Fremdling ist, ein unerwünschter Gast. Und da gibt es noch immer Juden, welche trotz allen Zurückstehens laut und aufdringlich sich als Deutsche, Czechen, Magyaren gerieren und proclamieren. Wäre dieses Vorgehen nicht so erbärmlich, man könnte es komisch finden. Aber bei der Mehrzahl dieser versprengten Splitter unseres Volkes dämmert Gott sei Dank endlich auch die Erkenntnis, wie furchtbar" das Ghetto ist, in das sie eingeschlossen sind, und dass für sie nur eine Hoffnung auf Rettung ist: nicht die auf Aenderung der menschlichen Natur und Aufhören der Rassengegensätze, sondern auf Aenderung der Verhältnisse, unter denen sie im wahren Golus leben.

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