Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Article
- Der jüdische "Bettelstudent"
- Date
- 1902-02-28
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die 2>''WeKP Seite 7 Ruin entgegen und werden dem Juderithum zur Last/dem sie zur Zierde hätten gereichen können. Es muss hier nochmals hervorgehoben werden, dass die vorangegangenen Ausführungen sich natiu'gemäss nicht ai£f diejenigen Studierenden aus dem Osten beziehen können, die alle Schwierigkeiten und Hindernisse siegreich überwinden und sieh dabei ihr seelisches und moralisches Gleichgewicht bewahren. Dass aber bei einem andern Theil der „Bettelstudenten" die düsteren Schilderungen der traurigen Wirklichkeit entsprechen, wird niemand bestreiten können, der je Gelegenheit hatte, in einem westeuropäischen Centrum Beobachtungen dieser Art aufzustellen. Diese im höchsten Grade betrübende Erscheinung muss jeden nachdenklich und traurig stimmen, dem neben den materiellen auch die geistigen Interessen unseres Volkes theuer sind. Denn es sind unsere tüchtigsten und begabtesten Kräfte, die, anstatt dem Aufbau unserer Zukunft zu dienen* in dieser Weise nutzlos zugrunde gehen. Allein wir dürfen uns nicht mit Händeringen und Jammern begnügen, sondern wir sind verpflichtet, auf Mittel zu sinnen, die zur Abstellung oder zumindest Abschwächung jener traurigen Erscheinung geeignet wären. Doch eines liegt vor allem auf der Hand: diese Abhilfe kann nicht aus den Kreisen der Betroffenen selbst kommen. Dass die bildungsdurstigen jungen Leute sich durch Warnungen und Ermahnungen von der Laufbahn des „BettelStudenten" absehrecken lassen werden, ist keinesfalls anzunehmen. Nordau "selbst hat im Laufe seiner Congressrecle den Grund angegeben. Da sie nicht die Möglichkeit haben, Tagelöhner zu - werden' und als solche ein menschenähnliches Dasein zu führen, müssen sie nothwendig bestrebt sein,, ich will niqht sagen, Minister, aber zumindest Döctoren zu werden. Der unbezwingliche Wissensdrang und die Unmöglichkeit., ihn in der geistigen Atmosphäre der Heimat irgendwie zu befriedigen, treiben sie unwiderstehlich in die Fremde hinaus. Folglich kann hier die Hilfe nur von aussen kommen und zwar von einer mit entsprechenden Hilfsmitteln versehenen Organisation. Doch bevor ich positive Hinweise in dieser Richtung mache, sei es mir gestattet, hier eine Anregung zu .geben, die schon in einigen Fällen realisiert ist und sehr geeignet erscheint, mit ganz geringen Mitteln sehr viel Dankenswertes zu stiften. Jeder, der die einschlägigen Verhältnisse kennt, weiss, wieviel unnützen Enttäuschungen und Entbehrungen der neu angekommene „Bettelstudent" ausgesetzt ist, infolge seiner Unkenntnis der Sprache und der mangelnden Orientierung in den neuen Verhältnissen. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, haben in der letzten Zeit die iti Westeuropa bestehenden russischjüdischen Verbindungen eine Art von' kleinerem Auskunftsbureau bei sich eingerichtet, das sowohl schriftliche Auskunft ertheilt als auch persönlich dem unerfahrenen Ankömmling die ersten Schritte in der Fremde erleichtert. Während ich dies schreibe, kommt mir die Nummer einer russisch-jüdischen Zeitschrift zu, in der > der Verein russischer Studierender an der Albertina in Königsberg diese seine Bereitwilligkeit ankündigt. Zwei andere Erklärungen dieser Art sind mir ebenfalls im Gedächtnis. Es wäre die Pflicht aller in Westeuropa existierenden russischen Studenten Vereinigungen, diesem löblichen Beispiel zu folgen und mit ihrer Erfahrung sowohl den noch in der Heimat befindlichen als auch den in der Fremde angelangten Bildungsuchenden kräftig zur Seite zu stehen. Sodann musste eine pädagogische Hilfe organisiert werden, die den jungen Leuten eine regelrechte Vorbildung für das Universitätsstudium verschaffen und ihnen die Methode und Zucht des wissenschaftlichen Denkens beibringen soll. An Kräften würde es nicht fehlen. Auch jetzt gibt es eine Anzahl edler Männer, die einen Theil ihrer Zeit einem ähnlichen Unterricht widmen, der aber bei dem Mangel einer zusammenfassenden Organisation nur wenigen Glücklichen zugute kommt und keine weitere Ausdehnung erhält. Wir sind überzeugt, dass bei einer regelmässigen Elementarbildung die jungen Leute sich als Studenten selbst werden forthelfen können, was jetzt nicht der Fall sein kann. Jedenfalls aber glauben wir, dass durch die von uns befürwortete Organisation alle die von uns geschilderten Missstände beseitigt werden könnten. Die Unterstützimg würde vor allem auf eine grössere Anzahl ausgedehnt und in einer gerechteren Weise vertheilt werden, während die bisherigen Hilfsformen auf die Verschlagenheit und Unverfrorenheit förmlich einen Preis setzen. Bei dieser neuen Unterstützungsaction, die nicht von einzelnen Persönlichkeiten, sondern von einem Vereine ausgeht, würden dadurch die demüthigenden und daher demoralisierenden Wirkungen fortfallen. Das Verantwortlichkeitsgefühl und der Fleiss der Unterstützten würden dadurch einen besonderen Ansporn erhalten: Durch den Zusammenschluss der jungen Leute untereinander werden sie vor verderblichen Einflüssen bewahrt werden, und ihre innere Umwälzung, die durch den Uebergang von der „Jesehiwoh" zur Universität bezeichnet ist* würde einen harmonischen Verlauf nehmen und ohne verderbliche Folgen für ihr Innenleben bleiben. Endlich erhalten sie durch die ihnen gewährte methodische Bildung eine weit bessere Vorbereitung finden Kampf ums Dasein, als es jetzt der Fall ist. Wir haben im obigen unsere Vorschläge nur in den Grund- -zügen andeuten, können. Eine nähere Ausführung derselben gehört nicht hierher. :Doch wollen wir hier nur noch auf zwei Umstände — den einen negativer, den anderen positiver Natur — hinweisen, welche die von uns berührte Frage zu einer brennenden Tagesangelegenheit machen. Wie bekannt* beabsichtigt jetzt die russische •; Regierung, die schon längst durch die beschränkenden Massregeln den Schulbesuch nur den wenigen Reichen ermöglicht hat, den Zutritt zu ihren Lehranstalten den Juden gänzlich zu verbieten. Aber auch im eivilisierten Deutschland1 beginnen die Thore der Hochschulen mit directer „Rücksichtnahme" auf die russisch-jüdischen Einlasssuchenden .vor den immaturierten Studenten sich immer dichter zu versqhliessen. So wird jetzt für diese Studierenden die Erlangung der Matura zu einer Lebensfrage. Unter den jetzigen Umständen ist dies beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, und ein Abiturium zählt in diesen Kreisen zu den grössten: Seltenheiten. Nur eine grössere Organisation könnte diesen jungen Leuten oder wenigstens einer Anzahl von ihnen .'die Möglichkeit gewähren, die Vorbedingungen zu erfüllen, die wahrscheinlich in gar nicht ferner Zeit für den Besuch der deutschen Universitäten obligatorische Kraft erlangen werden. » Aber auch ein anderer .Umstand positiver und erfreulicherer Natur wird zumeist übersehen, die Möglichkeit nämlich, diese zahlreichen und strebsamen Kräfte, die jetzt unter der Wucht der Verhältnisse proletarisiert werden, unter geeigneter Vorbereitung äusserst vortlieilhaft und segensreich zu placieren. Das jüdische Russland empfindet jetzt ein ausserordentlich starkes Bedürfnis nach durchgebildeten und begabten. JCräften, die es sich aber, durch äussere Hindernisse gehemmt, im eigenen Lande nicht erziehen kann. Es besteht in Russland ein ungeheurer Mangel an gebildeten jüdischen Lehrkräften, die die glänzende Aufgabe einer nationalen Umerziehung vor sich hätten. Auch das Kronrabbinat, das von geringem religiösem Wert, aber von eminenter nationaler und socialer Bedeutung ist, würde einer grossen Anzahl dieser strebsamen Kräfte einen segensreichen und dankbaren Lebensberuf geben. Diese könnten in Deutsehland mit grosser Leichtigkeit, z. B. durch den Unterricht im Russischen, das die meisten von ihnen nicht beherrschen, für ihre künftige Wirksamkeit vorbereitet werden. Bei ihrem jetzigen Bildungsgang aber werden sie durch die allzu abrupte Entwicklung in' ihrem Innern den heimatlichen Verhältnissen zu sehr entfremdet besitzen auch die^nöthigen Schulkenntnisse nicht, die die russische Regierung von den Kronrabbinern verlangt, und haben vor allem jene wirkliche harmonische Bildung nicht, die allein die Voraussetzung für eine segensreiche öffentliche Thätigkeit bildet. Aber auf eine methodische Weise vorgebildet, würden diese jetzt nutzlos vergeudeten Kräfte in ihrem Heimatlande einen ungeheuren Segen verbreiten. Sie würden die im Westen gewonnenen Lehren und Erfahrungen im öffentlichen Leben ihres Volkes nutzbringend zu verwerten suchen und wtfirden durch die Verschmelzung der besten Elemente der westeuropäischen Bildung mit den innerlichsten Bestandteilen der jüdischen, Eigenart in einer für unsere Aufgaben erwünschtesten Weise zu einer nationalen Regeneration unseres Volkes im Osten beitragen. An die judische Studentenschaft Wiens! Der provisorische Ausschuss der „Vereinigung zionistischer Hochschüler" veranstaltet Samstag den 8. März um 8 Uhr abends im Restaurant Khuner (L, Adlergasse) einen Discussions-Abend, an welchem Herr Martin Buber über „Die Entwicklung des modernen Zionismus" referieren wird. Commilitoneo, erscheinet zahlreich! Auch nichtstudentische Gäste sind willkommen. * Am 8. März. d. J. hält der Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion" seine erste Chewra-Sudah (Brudermahl) in E. Herlingers Restaurant, XIV. Schwendergasse 1. Ein Couvert kostet 4 Kronen. Soiree-Toilette. Herren und Damen haben Zutritt. Anmeldungen nimmt Herr Samuel ,Mohr, Hausbesitzer, XII., Schönbrunnerstrasse 289, bis zum 6. März entgegen. Nur vorausbezahlte Couverts gelten.