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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
Brief aus Graz
Date
1902-02-28
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 3 Nationalhymne, worauf Herr Architekt Marmore^ das Wort ergriff. In längerer, Ton tiefem Ernst und von begeisterter Kraft getragener Rede entwickelte er klar, anschaulich und eindringlich ein Bild der zionistischen Bewegung, ihres Ursprunges, ihres Verlaufes und ihrer Ziele, hob ihre hohen ethischen Momente hervor, beleuchtete, wie sie niemandem zuleide und nur tief und dauernd leidenden und bedrückten und unter dem Drucke verkommenden Brüdern, unserem eigenen erwachten Stolze und Menschengefühle zulie&e sei; und er schloss damit, dass es jedes Juden sittliche Pflicht sei, mit seinem ganzen Wesen zum Zionismus zu stehen. Lauter, langanhaltender Beifall dankte dem Redner. Es sollte nun die Discussion folgen, allein ein Gegner des Zionismus schien in dem Saale nicht anwesend zu sein, trotzdem an alle Mitglieder der Judenheit Einladungen versendet worden waren: und gerade sehr viele derjenigen anwesend waren, die sich sonst mit ihrem Antizionismus brüsteten. In loyaler Weise erklärten viele der früheren Gegner, sie seien durch die lichtvolle Darstellung vollkommen bekehrt und überzeugt worden, und als sich dann allmählich eine Discussion entwickelte, die dann sehr lebhaft wurde, drehte sie sich daher nicht mehr um das principielle Problem des Zionismus, zu dem sich alle Redner bekannten, sondern um locale und taktische Fragen. Sie förderte die hoffentlich verheissungsvoile Thatsache zutage, dass der Präsident, der erste Vicepräsident und mehrere Mitglieder des Cultusvorstandes ihre Bereitwilligkeit erklärten, ihre Kräfte in den Dienst des Zionismus zu stellen, und nur an die akademische Jugend appellierten, in ihrer Begeisterung und Verve nicht nachzulassen. Als zu Beginn der Debatte die Rede davon war, dass die Männer, wenn auch in den Ausschluss gewählt, nicht zu Sitzungen kämen, da fiel aus dem Munde einer Frau — es war die Gemahlin des Vicepräsidenten des Cultusvorstandes Stern — das prächtige Wort: „Wenn die Männer nicht zu den Sitzungen kommen werden, dann werden wir Frauen hingehen." Lauter Jubel folgte diesen Worten. Dem Vereine „Zion" trat eine grosse Zahl neuer Mitglieder bei. Da die Versammlung jedoch auch aus Nichtmitgliedern bestand, so wurd? die Ausschusswahl auf eine demnächst einzuberufende PIenarVersammlung vertagt und jetzt zur Vorbereitung dieser wie zur Anwerbung vop. Mitgliedern ein Comite gebildet, das aus Frauen und'Männern besteht und in dem neben dem gereiften Alter die Jugend vertreten ist. .Nach einer Ansprache des CultusVorstehers Herrn Bernhard B i 11 e r, sowie Absingung eines Liedes durch den Gesangvserein schloss der Vorsitzende mit Dankesworten an. den Referenten die Versammlung. Das war <ier Verlauf dieses für das Grazer jüdische Leben efeignisvollen und hoffentlich nicht ergebnislosen* Abends. Viel Arbeit liegt vor uns. Wohl würde man glauben, Graz, die „deutscheste" und antisemitischeste Stadt, müsste für unsere Bestrebungen den günstigsten Boden abgeben; . wohl haben wir den Cultusvorstand an unserer Seite und jetzt sogar an unserer Spitze. Ünd manches schon hat er für unsere Sache gethan : Erbaut ein e.Tu rnhalle fü rein en zu gründenden jüdischen Turnverein. Er unterstützt den jüdischen Gesangs-Verein. Wir haben auch keine Antizionistön und Assimilanten zu fürchten. Der grösste Theil der Grazer jüdischen Bevölkerung empfindet jüdisch-national. Aber unsere gefährlichsten Feinde sind die Indolenz und Lethargie. Wir wollen versuchen, dieser Feinde Herr zu werden! Dr. E. M. Die Jüdische Volks-Vorschusscasse in Prag. Registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung. Am 16. Februar fand die diesjährige Generalversammlung der Volks-Vorschusscassa in Prag statt Dieses im April 1900 gegründete -Unternehmen erzielte schon im zweiten Jahre seines Bestandes einen bedeutenden Erfolg, Die Zahl der Mitglieder wuchs im Jahre 1901 von 378 auf 506. ' Am 31. December 1901 waren für Antheile Kr, 49.960 eingezahlt > Nach 4l/2°/0iger Verzinsung der Antheile verblieb ein Reingewinn von Kr. 3174-59, von welchen Kr. 174-59 auf neue Rechnung vorgetragen werden, während Kr. 3000 zur statutenmässigen Vertheilung gelangen. Der Umsatz für escomptierte Wechsel beträgt vom 1. Jänner bis 31. December 1901-Kr* 809,9*1-24, Spareinlagen (incl. Zins-Spareinlagen) wurden eingelegt Kr. 667,969.70, behoben wurden Kr. 547.867-55. Der Stand der Darlehen am 31. December beträgt Kr. 248,025.76, jener der Spareinlagen Kr. 120.102-15. Cassa-Resrirement: Kr. 2,780.750*05; Die Ausschussmitglieder und die Revisoren haben den ihnen zukommenden Gewinnanteil zur Gründung eines Fonds für verarmte Mitglieder gewidmet. Die Reservefonds betragen nach Durchführung der Beschlüsse der Generalversammlung Kr. 5048. In den Ausschuss wurden die Herren Philipp Lebenhart, S. L i s s a u, Wilhelm Schick wieder-, Herr Ottomar Rosenbaum, Kaufmann in Prag neugewählt.- Als Rechnungs-Revisoren giengen die Herren Ernst P o 1 a k, Ignatz P ö r g e s und J. U. Dr. Eduard Kraus aus der Urne hervor; * •■■;:- •' . ■-■ Auf dem fünften Congress gab Herr Rezek,: .Ausschussmitglied der Cassa und Delegierter für Prag, erfreulichen Bericht von dieser Anstalt, einer rein zionistischen. Gründung, die aus kleinen Anfängen zu beachtenswerter Stellung aufgerückt ist. Sie_ dient der Realisierung unseres Programms \zur wirtschaftlichen Hebung der Juden, denen allein, die Thätigkeit der Cassa gilt. Von ihrem Reinerträgnis wird ein Theil zu zionistischen Propagandazwecken verwendet. Jüdische Literatur und Wissenschaft. Referat, gehalten auf dem fünften Congresse von N. Sokolow, Herausgeber der „Hazefirah", Warschau. (Schluss.) Und wie steht es jetzt mit der Wissensehaft des Judentums? Im Vergleiche mit der Sturm- und Drangperiode der , Mitte des ,19.. Jahrhunderts , ist das, was wir jetzt besitzen, nur kaum ein Naclihall, ein. wenig d'outre tombe. Die Wissenschaf t hat sieh in. Episoden aufgelöst, die nicht ineinander greifen, sondern sich aneinanderreihen. Die grossen, bahnbrechenden Geister sind dahin, das Niveau jüdischen Wissens im westlichen Europa hat sogar unter manchen Kabbinen.einen erschreckenden Tiefstand erreicht. Antikisierende Wissenschaft hat an sich etwas- Archäologisches. Die einseitige, nach homiletischen Mustern gemachte Belletristik verfiel in ein bramarbasierendes Pathos. Die Wissenschaft des Judenthums muss wieder volksthümlich werden, um Frsprünglichkeit nnd Frische zu gewinnen. Darin liegt, denn auch der Kern aller Differenzen, durch welche wir: Natiotiarjnden von den „Bekennern des Judenthums" getrennt sind, und damit ist auch die Etappe erschöpfend gekennzeichnet, bei welcher, die' Kation beute, auf ihrem Wege zur völligen Sicherung ihrer physischen und geistigen Existenz angelangt ist. Ein J u d e n t h u m und eine Wissensehaft des Juderithums haben ihren Sinn und iure Daseinsberechtigung nur,solange sie in einemVo 1 k s t hum wurzeln. Darum handelt sichVwirklieh, und aller rethorisehe Firlefanz, alle polemisthen Fechterkunststücke können darüber nicht täuschen. Eben weil es nur allzu wahr ist, was die älteren Vertreter der Wissenschaft des Judenthums ganz gegen ihr damaliges Programm bekannten, dass das Judenthum der lebendige Gegenstand dieser Wissenschaft sei, eben dämm muss diese Wissenschaft mit dem jüdischen Leben sich vereemnelzem , Handelte es sich wirklich, wie manche eine Zeitlang zu sagen pflegten, um das Forschen, Erwägen und Sichten von alten Principien, dann müsste dies zu einet trockenen und langweiligen Archäologie herabsinken. Aber wäs die Alten Judenthum nannten, ist in Wahrheit jüdisches Volk. Ihnen zu Gefallen hat das jüdische Volk nicht zu. existieren aufgehört. D e nnd a s J u d e n t hu m 1 e b t n ic h t un d ka nn ni ch t leben ö h n-e ein j ü d i s c h e s V o 1 k. Deshalb haben die eisten Begründer der Wissenschaft des Judenthums? die vorn Beth-ha midrasch .noch nicht weit her waren, die sich vom Volke noch nicht entfernt hatten, Tüchtiges geleistet; deshalb wurzelte die erste Belletristik in diesem Ideen- und Lebenskreise,

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