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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
Ahlem
Date
1902-02-28
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 „Die # Welt" Seite 3 Erde er. auch seine Wurzeln ausstreckt^ überall fHessen reiche Lebenssäfte hinzu. In der Anstalt herrscht das Brineip, nach Möglichkeit nur jüdische Arbeitskräfte zu beschäftigen. Es wurde mir mitgetheilt, dass man mit diesen oft nicht gut vorwärts käme. Auf meine Frage, in welcher Ursache der Unterschied zwischen der Leistungsfähigkeit der von aussen herangezogenen und der im Hause ausgebildeten Arbeiter zu suchen sei, lautete die Antwort: „In der Jugenderziehung." Ja, hier muss der Hebel angesetzt werden! Nicht nur Altersversorgungsanstalten müssen wir gründen oder unterstützen, nein., noch wichtiger sind Jugendversorgungsanstalten. Durch sie würde die Zukunft unseres Volkes sichergestellt werden. Es kann noch viel Wasser den Berg hinabfHessen, bis sich unsere Ideale verwirklicht haben. Die Zeit des Wartens: muss aber, eine Zeit der Vorbereitung werden. Man spricht so viel von den anzuwendenden Mitteln, um die Juden körperlich und geistig zu heben. Zeigt uns die Anstalt in Ahlem nicht den natürlichsten Weg? Die Mittel zu solchen Anstalten brauchten ja nicht nur aus zionistischen Cassen zu kommen,' in diesem Streben würde die ganze, Judenschaft einig sein. Dass der' jüdische Ackerbauer später keine Beschäftigung findet, braucht man nach den Erfahrungen nicht zu befürchten. In den verschiedensten Ländern der Erde befinden sich zur Zeit entlassene Zöglinge in Stellung, in Deutschland allein 21 als Gärtner. Man versicherte mir, es hätte nie Schwierigkeiten gemacht, die Zöglinge unterzubringen. Und welch prächtige Armee gedienter Soldaten werden solche Anstalten haben, wenn _ der Charter in unseren Hunden ist und erfahrene Arbeitskräfte in grosser Zahl nöthig werden! Dann würden wir der grossen Aufgabe nicht unvorbereitet gegenüberstehen. Es sei hier schon darauf hingewiesen, dass es natürlich nicht genügt, nur die Erziehung des männlichen Geschlechtes zu regeln. Die Erau spielt im Leben eines Volkes eine ebenso wich- N tige Rolle. In der „Welt" ist daher auch dieser Gedanke in einer Reihe von Aufsätzen besprochen worden. Gleiche Absichten bestehen auch bei den Gönnern der Anstalt zu Ahlem. Man plant ein Haus, um „den Mädchen unserer ärmeren Glaubensgenossen die entsprechende Erziehung für das praktische Leben in ähnlicher Weise angedeihen zu lassen, wie den Knaben/* Weiter sagt der Bericht: „Es hat bisher an der geeigneten Anstalt gemangelt, in der die jüdischen Mädchen neben dem Unterricht einer guten Volksschule schon in frühem Alter, gleichsam spielend, nicht nur an die Besorgung aller häuslichen Arbeiten, sondern auch an ländliche Arbeiten, die für Frauen geeignet sind, wie Gemüsebau, Milchwirtschaft, Geflügelzucht etc. gewöhnt werden, wodurch die Neigung für die der Gesundheit mehr förderliche körperliche Arbeit angeregt wird. Auf solche Weise herangebildete Mädchen werden später nicht nur tüchtige Köchinnen und Wirtschafterinnen, sondern auch tüchtige Hausfrauen für Handwerker, Gärtner und Ackerbauer. Dein Mangel in letzterer Hinsicht ist hauptsächlich der Misserfolg eines grossen Theiles bisheriger jüdischer Absiedlungen zuzuschreiben." . Das ist alles wohl durchdacht und muss jedem Zionisten zur Freude gereichen. Nur der letzte Satz stellt eine zum geringsten Theile richtige Behauptung auf. Hauptsächlich ist der Misserfolg mancher Ansiedlungen bekanntlich ganz anderen Gründen entsprungen. Wir ' haben uns während dieser Betrachtungen dem Anstaltsgebäude genähert, das einfach und schmucklos, aber gesund und weithin sichttfcir inmitten weiter Flächen von Ackerland liegt, über das goldenes Sonnenlicht flutet. Von nun an übernimmt die Führung in liebenswürdigster Weise der Inspector Herr S i 1 b e r b e r g. Zunächst geht es in die Sehlafsäle, grosse, luftige Räume, in denen reihenweise die Betten aufgestellt sind. Hier zeigt sieh deutlieh der Geist, der im Hause waltet. Denn die; Lagerstatt ist sauber, aber nicht bequemer, als einem zukünftigen Feldarbeiter dienlich. Die Unterlage besteht . laus Stroh. Jeder Zögling hat das gleiche Waschgerät h wie der andere, für das er verantwortlich ist. Jeder muss sein Bett selbst machen, selbst den Waschtisch reinigen. Dann steigen wir wieder hinab in die Parterreräume, in denen die Classenzinimer und der Speiseraum sich befinden. Die ganze junge Schar ist gerade bei dem einfachen, kräftigen Mittagsmahle versammelt, so dass wir sie alle, auf denen so viel Hoffnung beruht, kennen lernen können. Wunderbar — schon an dieser Generation hat der Erdsegen seine Kraft bewährt — alle Zeichen der Degeneration sind verschwunden. Keine platten Füsse, keine schwachen, gebogenen Rücken, selbst keine grösseren Nasen, als, man auch in christlichen Dorfschulen sieht. Dafür stramme Gestalten, pausbäckige Gesichter und lachende Kinderaugen! Die Anstalt birgt zwei Arten von Zöglingen; Erstens Knaben unter 14 Jahren, die hier die Bildung einer guten Volksschule err halten. Zugleich aher wird in ihnen der Sinn für Handwerk und Bodenbearbeitung gepflegt. Im Winter werden sie mit Papp-, Hobel- und Schnitzarbeiten beschäftigt. Im Sommer arbeiten sie im Schulgarten. Das ist ein einen halben Morgen grosses Gebiet, in dem Obst und Gemüse gezogen werden. Ein jeder hat einen zugewiesenen Platz. Der Ertrag wird in die Küche geliefert, und da jeder das Beste abliefern will, so entsteht ein Wettstreit, der zum eigenen Besten dient. Ist die Schulzeit um, so ist der Knabe mit Wissen, mit vielen Fähigkeiten und" Handfertigkeiten, mit Sinn für die Natur und, was das Beste ist, mit jüdischem Fühlen ausgerüstet. Er kann sich nun den Beruf frei erwählen. So sprach der Knabe, der mich geführt hatte, die Absicht aus, Diamantenschleifer zu werden. Die zweite Art der Zöglinge sind die Lehrlinge. Sie haben das schulpflichtige Alter hinter sich und machen nun eine dreijährige Lehrzeit durch. Auf einem 80 Morgen umfassenden Terrain werden alle Feld- und Gartenarbeiten erlernt. Hier wird das Land mit der Harke gelockert, dort wird das Formobst behandelt, wieder andere sind am Bienenstande beschäftigt. Der Ertrag der Arbeiten liefert bereits einen guten Theil des Geldes zur Bestreitung der Erhaltung der Anstalt. Aber auch die Tischlerei, die Bäckerei und noch vieles andere wird hier von jüdischen Händen betrieben. Und der Lohn, das heisst die äussere Anerkennung des Fleisses ist nicht ausgeblieben. Mehrere Produete haben bereits Preise auf Ausstellungen gewonnen. Von allen Seiten sind Beweise der Sympathie gegeben worden für ein Unternehmen, das arme Juden körperlich und sittlich heben muss. Das Fremdenbuch weist daher viele berühmte Namen von Juden wie Christen auf. Unter letzteren befindet sich auch der Name W a 1 d e r s e e. Einer der begabtesten unseres Stammes war dort, der uns nahestand, ein Dichter, der zu früh ins Grab sank. Herr Silberberg sägte, er werde es nie vergessen, wie Ludwig Jacob o w s k i s schönes Auge vor Freude erglänzte. Der Tag in Ahlem sei einer seiner schönsten gewesen, sagte er, und so schrieb er folgende Verse: „Wo immer Pflicht und Treue mir begegnen, Fühl* ich ein Ahnen reinster Menschenweihe, Hier seh' ich so viel Liebe, Pflicht und Treue, Dass ich nicht Worte finde, sie zu sagen." Blauer Himmel da oben, über die Felder weht ein warmer Hauch: Hier weitet sich das Herz, die Muskeln spannen sich, und dort im Hause findet der Judenknabe Wissen und Judenthum. Manchmal öffnet sich auch das .Theater für die Zöglinge. So wird Herz und Gemüth gleichfalls gestärkt. Die Bewohner des Hauses wachsen in dem glücklichen Gefühle auf, dass viele ihnen wohlwollen, dass sie nicht bei jeder unbedachten Gelegenheit die hämischen Bemerkungen der Mitschüler ertragen müssen. Das ist nur möglich, wenn Juden unter sich leben. Erst dann kann der Druck von ihrem Gemüthe weichen. So zeigt sich auch diese Förderung des zionistischen Gedankens als berechtigt und segensreich in der Wirkung im kleinen durchgeführt. Daraus dürfen wir frohe Schlüsse für das Spätere, ungleich Grössere ziehen, das noch geschaffen werden soll. Als ich das Gebiet der Anstalt verlassen wollte, hielt mich der Inspector noch zurück. Die gesammte Schar hatte sich versammelt und führte einen Parademarsch aus. Als ieli mich ungern losgerissen hatte, als ich aus diesem Kleingebilde, das der Wunsch so viel grösser in der Zukunft erblickt, in die WTeIt, in das Leben der Stadt zurückgekehrt war, dröhnte mir noch immer der Tactschritt der jüdischen Knaben und Jünglinge in die Ohren. Der Laut will mich noch heute nicht Verlassen —r es ist ja mehr als eingelerntes Marschieren. — In diesem Marschschritt hörte ich das rlerannahen der neuen Zeit. Brief aus Graz. Auch bei uns regt es sich wieder. Nach einer Zeit der Lethargie haben sich unter Führung des um unsere Grazer zionistische Bewegung hochverdienten hiesigen Advocaten Herrn Dr. Weiss eine Anzahl junger Akademiker und Kaufleute zusammengethan, um den thatsächiieh nur noch auf dem Papier fortbestehenden Verein „Zion" zu neuem und hoffentlich dauerndem Dasein zu wecken. Für Sonntag den 23, Februar hatten sie eine Versammlung einberufen, für welche sich auch dank der Vermittlung des Landes- Comites Herr Architekt Marmorek zur Verfügung stellte, der eigens aus Wien hergereist war. Der Saal der reichlich 300 Personen fasst, war erdrückend voll, aber sehr viele später Gekommene mussten wegen Unmöglichkeit, auch nur . einen Stehplatz im Saale zu finden, fortgehen. Die Versammlung eröffnete in Vrtretung des Herrn Dr. Weiss Herr Dr. „med. S c h i c k mit einer Begrüßungsansprache. Dann sang unser jüdischer Gesangsverein die Brülfsche

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