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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-02-21
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 8 „Die # Welt" Seite 15 Zweierlei Juden. Komm von Max Viola, (Fortsetzung.) Als Paul am Nachmittag aus dem Gärten en hervorkam, wo er zwei Stunden lesend und ruhend verbracht hatte, fand er die Grossmutter bereits vor dem Hause sitzen. Wie leblos sass sie da, abgekehrt von der Welt und schien die Worte, die er an sie richtete, nicht zu hören. Da beschloss er, seine Staffelei auf die Gasse herauszutragen und ihr Porträt zu beginnen. Er sass da wenige Schritte von der alten Frau entfernt und zeichnete, sie aber schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er konnte, obwohl er auf der Gasse hantierte, in seiner Arbeit ungehindert fortfahren, niemand störte ihn, nicht einmal neugierige Kinder* Bloss Berl Heimann kam aus dem Geschäfte Finkelsteins, sah ihm einige Augenblicke zu, kehrte aber alsbald wieder enttäuscht in den Laden zurück. Er arbeitete unverdrossen weiter. Nicht so sehr, weil ihn die Arbeit freute, als weil er die Hoffnung hegte, Mirjam wprde gegen Abend zu Besuch kommen, und wenn sie ihn malend antraf, ergab es sich von selbst, ihr den Wunsch der Gräfin mitzutheilen. Allein er spähte vergeblich aus, ^ie liess sich nicht blicken. Als er schliesslich seineGeräthschaften wieder insHaus trug, musste er über sich selbst lächeln. Es war eine Narrethei gewesen, heute vormittags an ihrem Hause so oft vorüberzusteigen, und dass er jetzt seit Stunden auf sie wartete, war auch nicht besonders klug. Ein wunderschönes Mädchen allerdings, und die einzige Öase in der langweiligen Wüste, die ihn hier umgab, aber er würde nicht mehr an sie denken, wenn er jetzt im Circus sitzen und die Spelterini sehen könnte, wie sie die hohe Schule reitet. Die romantischestenAnwandlungen, die den Grossstadtmenschen in der Einsamkeit eines Landstädtchens, ferne von den lärmenden Gelagen, überkommen, sind wahrlich nicht von Dauer. Man liest ja noch zuweilen ein lyrisches Gedicht und hat seine Freude daran, aber die Lebenslectüre bildet der Bealismus. Mirjam ist ein solches lyrisches Gedicht, doch wer das sinnverwirrende Parfüm der mit Pariser Raffinement toiiettierten Sängerinnen und Tänzerinnen eingeathmet hat, dessen Geruchsnerven sind gegen den Duft eine vereinsamten Wald Veilchens längst abgest umpft, Er wollte die Zeit, die er in Lobenstein verbrachte, nicht utibenützt vorüberziehen lassen; er musste sich wieder einmal abhärten. Bereits am nächsten Morgen unternahm er eine längere Fusstour. Nachmittags arbeitete er an dem Porträt der Grossmutter, abends badete er kalt und gieng zeitlich zur Ruhe. Er fühlte ordentlich, wie ihm dieses Leben behagte; er begann die Nerven weniger und seine Muskeln umsomehr zu fühlen. Und an Mirjam hatte er kaum gedacht, obwohl er sie seit drei Tagen nicht gesehen. Erst am Donnerstag, am späten Nachmittag, kam sie zu Clara herunter. Er sass vor dem Hause und malte. Ei* begrüsste sie höflich, und als sie einen Augenblick vor seiner Staffelei stehen blieb, fragte er sie, ob sie ihm zu einem Porträt sitzen wolle? Sie verneinte rundweg, worauf er die Worte hinwarf: nicht er wünsche ihr Bild, sondern die Gräfin Brandt. Sie werde ihren Onkel Heinrich fragen, ob er ihr zu einem Porträt zu sitzen gestatte, sagte sie. Er erwiderte nichts darauf,und sie gieng zu Clara ins Haus. Er arbeitete noch eine Stunde, dann unternahm er einen grossen Spaziergang, und als er heimkehrte, w;ar es spät und Mirjam nicht mehr anwesend. Am nächsten Vormittag kam sie mit der Botschaft, der Onkel finde nichts Unstatthaftes darin, dass sie für die Gräfin gemalt werde, und so vereinbarten sie, die erste Sitzung am Nachmittag abzuhalten, und zwar im Garten. Clara sollte stets anwesend sein; das brachte Paul in Vorschlag. Zur besprochenen Stunde kam sie mit langsamen Schritten die holperige Gasse herunter und blieb einen Augenblick vor Finkelsteins Hause stehen. Sie nahm ihren grossen Gartenhut vom Kopfe, strich sich das helle Haar aus der Stirne und gieng sodann durch den Hof in den Garten hinunter. Clara und Paul waren bereits da. Clara hockte auf der Erde und hatte eine grosse Schüssel im Schosse, in die sie grüne Erbsen löste. Sie wühlte darin mit ihren runden Fingern und liess sie vergnügt, wie Perlen, durch ihre Hände gleiten. Paul sass, einige Schritte von ihr entfernt, in Hemdärmeln im Grase, hatte die Knie hochgezogen und mit geschlossenen Händen umklammert und rauchte aus seiner kurzen englischen Pfeife. Seine Staffelei lehnte an der Rückwand des Hauses, die an den Garten stiess und dichte Reihen üppigen Immergrüns trug.. „Da kommt Mirjam 1" Clara rief es, sprang auf und lief ihr entgegen. Paul langte nach seinem Rocke, der unfern von ihm lag, doch Mirjam winkte ab: „Lassen Sie doch, Herr Rosenstein, wir sind hier in Lobenstein an Förmlichkeiten nicht gewöhnt. Sie sehen, auch ich habe kein Feiertagskleid." Und wirklich, sie hatte nicht ein Bändchen zu ihrer Verschönerung verwendet, und breitete jetzt mit verlegenem Lächeln die Falten ihres Rockes auseinander. „Bin ich Ihnen so recht?" Sie war ihm recht. Er sah die herrliche Linie ihres blossen Halses, die demüthige Haltung des vorgeneigten Leibes, und in seinen scharf prüfenden verständigen Augen blitzte es von Zufriedenheit. Ja, ja, sie war ihm recht. Er holte die Staffelei von der Mauer, befestigte den rothen Katanschirm Claras zwischen den Epheuranken und stellte einen wackligen Strohsessel darunter. „Mirjams Thron!" rief Clara, und Mirjam thronte darauf wirklich wie eine Königin. Das Haupt ein wenig nach rückwärts geneigt, lehnte sie mit der Masse ihrps Haares an der Mauer. Die Füsschen gekreuzt, die Hände leicht über den Knien gefaltet, sass sie regungslos da und schloss vor dem blendenden Sonnenlichte die zitternden Lider. Paul gieng bald einige Schritte nach vorne, bald rückwärts und musterte sein Modell schonungslos von allen Seiten. Er beschattete seine zusammengekniffenen Augen mit der Hand, neigte den Kopf kritisch nach allen Seiten, rückte plötzlich in grosser Eile die Leinwand zurecht und begann fieberhaft rasch mit breiten flachen Pinseln die Farbenflächen aufzutragen. Mirjam fühlte seinen stechenden Blick durch die geschlossenen Lider, und empfand ihn wie einen körperlichen Schmerz, der sie unwillkürlich zusammenzucken machte. Er aber malte wortlos weiter. Clara liess zuweilen ihren lustigen Blick von einem zum anderen gleiten, fand die Kleckserei aber schliesslich höchst langweilig. (Fortsetzung folgt.) Mittheilung aus dem Publicum. Unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. R.Jonas in S tan isla u wurde in die Liste der Vertheidiger in Strafsachen mit dem Sitze in Stanislau eingetragen. Am Sonntag starb in Breslau im Alter von 77 Jahren Herr Jakob Kessler, der Vater unseres bekannten Gesinnungsgenossen aus Johannesburg. Mittheilungen des österreichischen Landes-Comites „Verband Zion". Folgende Tage sind für unsere Sitzungen bestimmt: März 11. und 24. April 3., 15. „ 29. Mai 6. „ 13. An diesen Tagen sind die Mitglieder der Leitung von 7 Uhr abends an im Congress-Bureau, IX., Türken» Strasse 9, zu sprechen. Ebendahin sind alle Zuschriften an das Landes-Coniite oder den Verband „Z i o n" zu richten. DasLande s-C omite hatalle für Oesterreich wichtigen Fragen des Pr o gr a mm es, der Organisation, Agitation und Presse zur Behandlung übernommen. Das Referat über volkswirtschaftliche Fragen hat Herr Dr. Egon Zweig übernommen. Der zweite österreichische Zionisten- Tag findet am 18. und 19. Mai d. J. in Bielitz statt. Im Verlage des österreichischen Landes-Comitös „Verband-Zion" ist neu erschienen: „Was wollen wir Zionisten" von Berthold Feiwel. Vorzüglich zur Agitation geeignet. Preis 4 Heller. Für Vereine bei Abnahme von mindestens 100 Stück 2 Kronen. Bestellungen wolle man richten an das „Oesterreichische Landes-Comite", IX., Türkenstrasse 9. Vereine, welche zionistische Ansichtskarten, Briefpapiere, Cigarettenpapiere, Papier-Cigarettenspitzen un d Schmucksachen mit zionistischen Emblemen wollen, mögen sich im Wege ihrer Districts - Comics beim Verband „Zion" melden.

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