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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Article
Moses
Date
1902-02-21
Page
14 (sequence 4)
Language
German
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Seite 14 „Die Welt' Nr. 8 di« Zukunft gibt, suchtt er auf eine seiner Zeit und ihren Bedingungen angemessene Art gegen diesen Irrthum Vorsorge zu treffen. Ueberall in den mosaischen Institutionen ist das Land als die Gabe des Schöpfers vfiir alle seine Geschöpfe angesehen. Niemand hat das Recht, es zu monopolisieren. Ueberall heisst es nicht: „dein Grundstück4', oder „dein Besitz",, nicht „das Land, welches du kauftest", oder „das Land, welches du erobertest'*, sondern: „das Land, welches der Herr, dein Gott, dir gibt*', „das Land, welches der Herr dir leiht'*. Und durch praktische Gesetzgebung, durch Verordnungen, welche er die höchste Weihe gab. suchte er gegen das Unrecht Vorsorge zu treffen, welches alte Civilisationen in Despotismen umformte — das Unrecht, welches in späteren Jahrhunderten am Herzen Roms nagte, welches die verthierende Leibeigenschaft Polens und das dürre Elend Irlands hervorbrachte, das Unrecht, welches heutzutage in den Städten ganze Familien in einzelne Zimmer zusammendrängt und welches unsere Landstrassen mit Vagabunden bevölkert. Er sorgte nicht nur für die gerechte Vertheilung des Landes unter das Volk, und die Einhaltung der Brache in jedem siebenten Jahre, sondern er sorgte auch durch die Einrichtung des Jubelfestes für eine Neuverteilung des Landes alle fünfzig Jahre, und machte so das Monopol unmöglich. Ich sage nicht, dass diese Einrichtungen, was ihren endgiltigen Zweck anbelangt, die besten gewesen seien, welche selbst damals hätten ersonnen werden können j denn Moses hatte, wie alle grossen Staatsmänner, mit den Werkzeugen zu arbeiten, die ihm zur Hand waren, und mit dem Material, das er vorfand. Noch weniger will ich damit sagen, dass die Formen, wie sie für jene Zeit und für jenes Volk passend waren, für jede Zeit und für jedes Volk passend wären. Und dennoch, wie viel danken wir diesen Einrichtungen selbst heute noch! Heute noch ist das einzige, das zwischen unserer arbeitenden Glasse und unaufhörlicher, schwerer Arbeit steht, -eben eine dieser mosaischen Institutionen. Keine Lehre der Volkswirtschaft steht fester, als die, dass unter den jetzt herrschenden Umstanden die arbeitenden Classen nicht mehr für sieben Tage Arbeit erhalten würden, als sie jetzt für sechs bekommen, und dass es ihnen bei den sieben ebenso schwer fallen würde, ihre Arbeitsstunden zu verringern, wie bei unseren sechs. Wie gross auch der Irrthum derjenigen sein liiag, welche denken, dass der Mensch für den Sabbath gemacht sei und nicht der Sabbath für den Menschen — dass es einen Tag in der Woche gibt, welchen der Arbeiter sein eigen nennen darf, einen Tag, an welchem der Hammer ruht und der Webstuhl stille steht, das danken wir durch das Christenthum dem Judenthum, dem Gesetze, welches in der sinaitisehen Wildnis verkündet worden ist. Und wer, der die Vergeudung productiver Kraft in Betracht zieht, kann zweifeln, dass die moderne Gesellschaft nicht nur glücklicher, sondern auch reicher wäre, hätten wir ebenso wie den Sabbathtag die grosse Idee des Sabbathjahres erhalten oder, seinen Geist unseren veränderten Bedingungen anpassend, in anderer Art eine entsprechende Verringerung der Arbeitsstunden erlangt. In diesen Grundzügen der mosaischen Gesetzgebung können wir ,wie in den Ueberresten eines Colosses, die Grösse des Geistes erkennen, dessen Stempel sie tragen; eines seiner Umgebung und seinem Zeitalter vorausgeeilten Geistes; eines Sternes, dessen Licht nicht durch die Entfernung geschwächt wird, sondern, im Glänze tiefer Wahrheit glühend, sein Licht behält, während Gesetze und Sprachen und Religionen sich verändern und wechseln. Wer kann daran zweifeln, dass der Gedanke grösser war, als der bleibende Ausdruck, den er gefunden hat? Trotzdem ist dieser Ausdruck bis zum heutigen Tage eine lebendige Macht in der Welt geblieben. Aus dem freien Geiste des mosaischen Gesetzes entsprang die Innigkeit des Familienlebens, das durch alle Zerstreuungen und Verfolgungen die Individualität der hebräischen Rasse bewahrte, jene Liebe zur Unabhängigkeit, welche in den verzweifeltsten Umständen den Juden gekennzeichnet hat. Aus ihm entsprang der glühende Patriotismus, welcher in den Makkabäern auf flammte, und welcher die Brust der jüdischen Bauern den geschlossenen Lanzen, der griechischen Phalanx und dem unwiderstehlichen Angriff der römischen Legionen gegenüber entblösste; jener hartnäckige Muth, welcher in der Verbannung und auf der Folter den Juden an seinem Glauben festhalten Hess. Dieser Geist entzündete das Feuer, wrelches in den Gesängen der hebräischen Selier und Poeten den höchsten Schwung des Gedankens für uns zum Ausdruck brachte: entzündete die Kraft, welche immer und immer wieder den dürren Stab knospen und blühen liess. Durch all* das, was uns die Tradition von dem Leben Moses überliefert hat, zieht sich die eine gleiche grosse Leidenschaft, das selbstlose Streben, die Menschheit besser, glücklicher, edler zu machen. Dem Wohle des Volkes zuliebe bekämpfte er die natürliche Neigung, eine Dynastie zu gründen, was in seinem Falle so leicht gewesen wäre, er hört nicht auf die Forderungen des Blutes, beruft auf seinen Führerposten den geeignetsten Mann. Und der Tod ist des Lebens würdig. Aus einem Lande kommend, wo die feierlichen Todtengebräuche als hochwichtig betrachtet wurden, und wo in der Erhaltung des Körpers nach dem Tode der Zweck des Lebens gesehen wurde, inmitten eines Volkes, das selbst damals die Ueberreste seines grossen Vorfahren Josef mit sich führte, damit er bei seinen Vätern ruhen möge, besiegte er dennoch den letzten natürlichen Wunsch und entzog sich dem Anblicke und der Theilnahme der Mensehen, um allein und unbewacht zu sterben, damit die abgöttische Empfindung, immer bereit, hervorzubrechen, ihm nicht im Tode die abergläubische Verehrung zolle, auf die er im Leben verzichtet hatte. „Kein Mensch kennt seine Grabstätte bis auf den heutigen Tag." Aber während die beraubten Gräber der Pharaonen der Eitelkeit spotten, welche sie errichteten, ist der ISTame des Hebräers, der sich gegen ihre Tyrannei erhob, um für die Befreiung seiner Mitmenschen zu streiten, der Welt ein Leitstern geblieben. Es wäre ein Streit um Worte, über die Art der Offenbarung eines solchen Mannes disputieren zu wollen. Aus den Tiefen des Ungesehenen müssen solche Charaktere ihre Stärke schöpfen; aus Quellen, welche nur in reinen Herzen entspringen, muss ihre Weisheit fliessen. Von etwas, das wirklicher ist, als die Materie; von etwas3 das höher ist als die Sterne; von einem Licht, welches dauern wird, wenn Sonnen erloschen sind; von einem Endzwecke, von dem die uns umgebende Welt nur eine vergängliche Form ist — davon zeugt ein solches Leben. Von unserer Volksbildungsbewegung. Wochen-Programm der Toynbee-Halle XX., Karajangasse 20. Sonntag den 23. Februar: J. J. David: Ludwig Anzengruh. r. Montag ilen 2i. F ♦> b r u a r : Dr. Martin Engländer: Vom listigen Hören. Dienstag den 25. F e Ii r u a r : Heinrich Glüeksmaini : Die Marannen. Mittwoch den "Hk F e b r uar: Samuel Wertheim: Moses Mendelssohn. Donnerstag den 27. Februar: Primarius Dr. Kornfeld: Aus der Seelenlehre. Freitag den 28. Februar: Arnold Frankfurter: Bibel, Erklärung der Sidra Samstag den 29. Februar: Concert: Musik, Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten an Herrn Dr. J. S a d g e r, IX, Liechtensteinstrasse 15. Die hochbegabte Musikerin Frau Dr. Alfred Rabel hatte am 15. d. M. in der Toynbee-Halle ein Concert arrangiert. Vocalquartette von Mendelssohn, ein Duett aus der „Schöpfung" von Haydn, Lieder von Grieg und Weinzierl wurden in vollendeter Ausführung vorgetragen von zwei ausgezeichneten Sängerinnen, der Sopranistin Frau Dr. Rabel und der Altistin und begabten Ciavierspielerin Fräulein Erna Jonas. Im Quartett und Sologesang fesselten der Tenorist Herr Dr. Arthur W o 11 h e i m und der Baritonist Herr Emil Bar dach. Mit vollstem Erfolge bewältigte jeder der Mitwirkenden seinen Part.

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