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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Article
Die Juden in Russland
Date
1902-02-21
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 ,DIe & Welt66 Seite 9 mehr gesammelt vorliegen, hat dn Bezug auf die Juden folgende interessante Daten zutage gefördert : Die wenigsten Juden weisen die drei nördlichsten Provinzen des europäischen Russland, nämlich die Gouvernements Archangel, Olanetz und Wologda, welche 252, resp. 463 resp. 425 Juden besitzen. Diese drei. umfangreichen Provinzen mit einem Areal von der Grösse Deutsehlands, Oesterreichs und Italiens sind freilich sehr dünn bevölkert und zählen zusammen noch nicht eine halbe Million Einwohner, von denen aber doch nur 0*22 Percent Juden sind. Es folgt Pensa mit 560, Simbirsk mit 571, das theilweise schon zu Sibirien gehörende CJfim mit 695, Wjatka mit 817 und Kostroma mit 830 Juden. Weniger als 5000 Juden zählen die Gouvernements Wladimir mit 1167, Estland und Twer mit je 1396, Kaluga mit 1381, Rjasan mit 1547, Jaroslaw mit 164fr, Perm mit 2019, Drenburg 2093, Tambow mit 2163, Kasan mit 2286, Samara mit 2501, Tula mit 2650, Nishegorod mit 2673, Woronesh mit 2680, Saratow 3042, Astrachan mit 3173, Kursk mit 4141 und Nowgorod mit 4746 Juden. Das Gouvernement Orel hat 6258 undPskow 6454 Juden. Ferner wohnen im Gouvernement Moskau 8749 und im Gouvernement Smolensk 10.496 Juden. Das an den Ansiedlungsrayon grenzende Gouvernement Charkow zählt 13.725 und das erst vor eiuigen Jahren den Juden zur Ansiedlung verbotene Land der Don'schen Kosaken gar 15.440 Juden. Noch grösser ist die Zahl der Juden im Gouvernement Petersburg, wo sie mit 21.270 Seelen schon mehr als 1 Percent der Gesammtbevölkerung bilden. Dieser Percentsatz steigt in Livland mit 29.654 Juden rasch auf 2*24 und in Kurland mit 49,313 Jaden gar auf 7*33 Percent. Das den Juden zur Ansiedlung verbotene Kurland zählt also trotzdem schon mehr Juden als die Provinz Posen. Die Zahlen steigen nun sehr rasch, wenn wir uns den Gouvernements des Ansiedlungsrayons zuwenden, wo wir Plotzk mit 50.1-73, Suwalki mit 58.80S, Taurien mit 66.125, Kaiisch mit 7Ü339, Kielce mit 82.427, Lomza mit 90.912, Jekaterinoslaw mit 100,736, Poltawa mit 111.417, Radoui mit 113.277 und Tschernigow mit 114.630 Juden finden. Das letztgenannte Gouvernement, sowie die Gouvernements Poltawa, Taurien und Jekaterinoslaw haben einen verhältnissmässig geringen Percentsatz Juden, welcher nur 4-02 bis 4-99 beträgt. Es könnten diese vier fruchtbaren Provinzen, welche auf einem Areal von 4242 Quadratmeilen 8,600.000 Menschen mit nur 393.000 J uden beherbergen, noch eine weitere Judeneinwanderung umsomehr vertragen, als den Juden der ständige Aufenthalt in denselben gestattet ist. Zwischen 100.000 und" 200.000 Judea wohnen ferner in den Gouvernements Siedlec mit 122.370, Lublin mit 153.728 und Witebsk mit 175.678 Juden. Von 2—300.0UO Juden beherbergen die Gouvernements Wilna 205.261, Mohilew 201.301, Kowno 212.230, Petrikau 232.299, Bessarabien 225.637 und Grodno 276 874. Eine zahlreiche jüdische Bevölkerung weisen die Gouvernements Minsk mit 338.657, Cherson mit 337.282, Warschau mit 349.943, Podolien mit 366.597 und Wolhynien mit 397.772 Juden auf. Am stärksten sind die Juden im Gouvernement Kiew vertreten, wo sie nicht weniger als 427.863 Seelen zählen. Nach der Dichte seiner jüdischen Bevölkerung rangiert jedoch Kiew mit 12-3 Percent erst an 13. Stelle und kommt weit hinter Warschau, das 18*12 Percent, und selbst hinter Grodno, dessen Juden. 276.874 an der Zahl, 17*28 Percent der Bevölkerung bilden. Es weisen ferner auf: Kaiisch 859, Plotzk 9'13. Suwalki 10-9, Kielce 10 82, Bessarabien 11*65, Witebsk 11-80 und Mohilew 11-92 Percent Juden. Ueber 12 Percent Juden wohnen in Podolien (12-15), Cherson (12-32), Wilna (12-90), Lublin (13-26), Wolhynien(13-31), Kowno (13*71),Radom (13 89), Lomza (15-69), Minsk (15*77), Petrikau (15-83) und Siedlec (15*84 Percent). Ueber 16 Percent Juden wohnen nur in den bereits erwähnten Gouvernements Warschau und Grodno. Das asiatische Russland beherbergt verhältnissmässig sehr wenig Juden. Es wohnen in Centraiasien 12.729 t-6 Percent, am Kaukasus 58.471 6*3 Percent und in Sibirien 34.477 6 Percent Juden. Im ganzen wohnen slso im russischen Asien 105.677 Juden. Der geographischen Lage nach wohnen von der auf 5,189.401 Seelen bezifferten jüdischen Bevölkerung Russlands 71.200 am Kaukasus und in Centraiasien, 79.363 in den Ostseeprovinzen, 729.780 in den den Türken abgenommenen vier Gouvernements Bessarabien, Cherson, Taurien und Jekaterinoslaw, 1,418.279 in den einst polnisch gewesenen fünf Gouvernements Kiew, Podolien, Poltawa, Tschernigow und Wolhynien; 1.410.001 in den bei der Theilung Polens Russiand zugefallenen Gouvernements Grodno, Kowno, Minsk, Mohilew, Wilna und Witebsk und endlich 1,316.576 in den zehn Gouvernements des eigentlichen Polen. In den russischen Stammländern sowie in dem von den Russen entdeckten und civilisieiten Sibirien wohnen alles in allem 164.000 Juden. Das Testament Johann v. Blochs. Wie „Jewish Chronicle" aus sicherer Quelle erfährt, soll der verstorbene russische Staatsrath v. Bloch ausser dem in den Blättern publicierten Testament noch eine andere geheime letzt willige Verfügung hinterlassen haben, die mit den Worten beginnt: „Ich habe immer als Jude gelebt und sterbe als Jude." Dieses Testament enthält auch bedeutende Legate und Stiftungen für verschiedene jüdische Wohlthätigkeitsvereine und -Anstalten. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Die moderne Agrarfrage. Von Dr. Alfred Nossig. Die Mehrzahl der Forscher begnügte sich, die Agrarverhältnisse nach Analogie der industriellen theoretisch zu constrliieren. Diese apriorische Yorgangsweise hat zu verhängnisvollen Irrthüinern geführt. .Man hat es übersehen, dass die Agrairverfassung die Grundlage des wirtschaftlichen Baues ist. Heute erst wird es klar, dass die schwersten Zweifel der Social politik nur von hier aus., auf Grund einer empirischen Erforschung gelöst werden können. Von dieser Einsicht ausgehend, hat es Dr. Alfred Nossig unternommen, in einem auf quellenmässigen Studien und ausgedehntem Thatsacheninaterial basierten Werke den Complex der wirtschaftlichen Probleme, welche zusammen die moderne Agrarfrage bilden, systematisch zu untersuchen. Den soeben erschienenen ersten Band*) eröffnet ein allgemeiner Ueberblick über die Entwickelung der Agrarverhältnisse im 1!). Jahrhundert. Die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundfaetoren der modernen Agrarfrage werden hier beleuchtet, die Hauptlinien der agrarischen Entwickelung blossgelegt. Da am Schlüsse dieser Entwickelung als Hauptproblem die Frage vor uns hintritt, ob die Landwirtschaft, gleich der Industrie, vornehmlieh dem Grossbetriebe unci der colleetiven Produetion zustrebe oder des Kleinbetriebes und der isolierten Produetion auch für die Zukunft nicht entrathen könne, so folgen in der zweiten Abtheilung des Bandes Studien über die Lage und die Aussichten des Klemgnmdbesitzes. Die monographischen, quellenmässigen Studien des vorliegenden Bandes tragen bereits zur Klärung wesentlich bei, insbesondere jener Cardinalfrage, ob das System der isolierten Kleineultur neben dem der colleetiven Grosscultur sich behaupten könne, An diese. Frage aber knüpft sich die Gestaltung der ganzen s o c i a1w i r t s c h a f 11i c h e n Organisation de r Zuk u n f t. Wir haben in diesem Bande thatsächlieh einen bedeutsamen Beitrag zur wissenschaftlichen Revision und Neugestaltung der *) Dr. Alfred Nossig: „Die moderne Agrarfrage" (Revision des Socialisnms, II. Band). Akademischer Verlag für sociale Wissensehaften Di\ John Edelheim. Berliii-Bern4 1902. Preis 9 Mark, gebd. 12 Mark.

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