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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TUrkenstrasse Nr. 9. Telephon ,14199. . Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte ...... nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction täglich von lj2\2—rl2\ Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. O e st'er reich- UngaVn: 'ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—,' vi erteljährige Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.-—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 8. Wien, 21 Februar 1902. 6. Jahrgang Wien, 20. Februar A 901 Einer Einladung folgend, reiste Herr Dr. H e r-zl zu Ende^er vorigen W^che^nach.^ Gonstantinopel. Auf dieser Reise begleitete ihn Mr. Joseph C o w e n, einer der Governors des Jewish Colonial Trust in London. Während der Dauer seines Aufenthaltes in Gonstantinopel war Herr Dr. H e r z 1 der Gast des Sultans. Jüdische Literatur und Wissenschaft. Referat, gehalten auf dem fünften Congress von N. Sokolow, Herausgeber der „Hazefiraha, Warschau. Mit . .dem Erwachen des jüdischen Bewusstseins äussert sich wiederum eine mächtige Empfindung für unsere intclleetueäle Eigenart; 'ein gewaltiger Erkenntnisdrang beginnt sich kräftig zu regen, um das Innerste unseres Wesens zu beleuchten. Es wäre beklagenswert einfältig, die ,grossen-Probleme der jüdischen Psyche von der Sorge des Alltags verschlingen zu lassen oder sie in Allegorien aufzulösen. Sie treten in den Vordergrund, unabhängig von unserem Wollen, mit einer elementaren Ueberlegenlieit, der' gegenüber jeder Versuch eines Sichlosringens fruchtlos wäre.. Wir. f ussen auf dem Boden der nationalen Intelligenz und wir emjftangen ujnsere geistige Nahrung von den historischen Traditionen und von der sittlichen Cultur unseres Stammes. Unter diesem Gesichtspunkte, mit - hellen Augen aalgesehen, erscheint uns die Wissensehaft des Judenthums, wenn auch dem Gewirr des Tages fern, im klaren Lichte einer nationalen Lebensfrage. Ich möchte den grossen Gegenstand mit grossem Ernste behandeln. Vor allem, um die Tiefe und den Umfang des Gegenstandes vollkommen zu würdigen, muss eine klare Definition vorausgeschickt werden. Wissenschaft des Judenthmns! Was bedeutet dies? UM'steckt darin innere, drängende, gährende Lebenskraft? . Man hat mit dieser Bezeichnung vielen Missbraucli getrie- ,ben. Wer irgend einige vergessene Körner vom Speicher des . Judenthums gesammelt, irgend einige vergessene Mate-;i. rialien zusammengetragen, ein altes, oft wenig bedeutendes Manuscript hat drucken lassen, wirft stolz mit „Wissenschaft des Judenthums" um sich, dass dieses schöne Wort - fast in Verruf zu kommen droht. Dies ist, simpel benamset, Archäologie, Andere wiederum leugnen höhnisch das Vorhandensein einer solchen Wissenschaft überhaupt. Mancher moderne Jude hält alles Gerede über jüdische Wissenschaft für Hirngespinst, und von seinem Standpunkte hat er recht. Da ihn sein Denken und Wollen mit keinem Theile dieser Wissenschaft in unmittelbare Berührung bringt, so sieht er keine Spur von ihr. Man spricht bekanntlich der Theologie und der Jurisprudenz den Charakter einer Wissenschaft überhaupt ab; höchstens gesteht man ihnen eine wissenschaftliche Behandlung zu, da beide nur gegebenes und , streng formuliertes Material systematisch und höchstens kritisch zu. bearbeiten hatten, Systematik und Kritik aber zwar zur Wissenschaft gehören, aber nicht Wissenschaft seien. Indes das Judenthum ist keine Theologie und keine Jurisprudenz, wenn auch beide in ihm enthalten sind. Gegebenes an sich muss jede Wissenschaft haben, nämlich ein Object: die Naturwissenschaft, z. B., hat gegebene abgeschlossene Gegenstände, die ihrer Behandlung unterliegen. Ist das Judenthum, etwas Gegebenes? Darauf antwortete man schon längst: Das Judenthum ist eine grosse, historische Erscheinung, die in einer steten Entwicklung vor sich gieng, die ihre grossen Phasen hat, den Mosaismus, Prophetismus, Talmudismus, Rabbinismus- und die gegenwärtige Epoche innerhalb des modernen Culturlebens. Das Judenthum hat ausserdem einen grossen ideellen Inhalt, den es in bestän- < diger Entfaltung hielt; es hat aber auch diesen ideellen Inhalt in- Gesetz und Recht, im Leben eines Volkes, und von da aus. im Leben eines grossen Theiles des Menschengeschlechtes realisiert. Als diese Erscheinung tritt, es schon in seinem ersten Ursprung und seinen Urkunden nicht als

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