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Die Welt · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
7 (14.2.1902)
Article
Offener Brief an Herrn Rabbiner Dr. Perles, Königsberg i. Pr.
Date
1902-02-14
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die O Welt* Da Sie, geehrter Herr Doctor. sipJi mir.-gegenüber häufig dahin ausgesprochen haben, dass Sie auf dem Boden des nationalen Ju»lenthums stehen, so ist es mir ganz unbegreiflich, dass Sie gegen diese wider Ihre (Jeberzeugung gemachte Erklärung nicht energisch protestiert haben. Es wäre ja eine ausserordentliche Anmassung meinerseits, wenn ich Sie erst darauf verweisen wollte, dass es Pflicht und Schuldigkeit eines national gesinnten Rabhiners sei, neben dem religiösen auch den nationalen Geist des Juienthums zu wahren, zumal da die jüdische Religion auf nationaler Grundlage basiert und bei Entziehung dieser Grundlage in sich als haltlos zusammenstürzt. Ihre amtliche Thätigkeit wird Ihnen wohl hierfür bereits genügende Beweise geliefert haben. Nach dem bekannten talmudischen Grundsatze „K,on nKlins fii^np" hat aber die Versammlung Ihr Stillschweigen nach der oben erwähnten. Erklärung nur als eine Zustimmung Ihrerseits auffassen müssen. Es kann ja unmöglich Ihre Ansicht sein, dass der Rabbiner nur das Judenthum zu predigen habe, das der Anschauung seines Gemeindevorstandes entspricht, in Israel war stets der Rabbi Lehrer der Gemeinde; soll jetzt das Umgekehrte der Fall sein? Sie werden daher gütigst entschuldigen, wenn ich mich erkühne, Sie durch dieses offene Schreiben zu bitten, auf gleichem Wege zu erklären, welche Auffassung Sie, geehrter Herr Doctor, voa dem Wesen des Judenthums haben. Sollte wider Erwarten eine Erwiderung Ihrerseits ausbleiben, so werde .auch ich natürlich nach dem Principe »K'öi Hfcrnro rtpVtttf" annehmen müssen, dass Sie mit der officiellen Erklärung* des Hilfsvereines einverstanden waren. Ihr ganz ergebener * W. Z i m e 1 s. WelNiibi'onil*. Eine Pessach-Hagadah aus dem XIV. Jahrhundert. In der „Zeitschrift für Bücherfreunde"bespricht Ober-Bibliothekar Dr. Adolf Schmidt in Darmstädt. „Einige interessante Bucheinbände der grossherzoglichen Hof-Bibliothek in Darmstadt", von 4denen einer für uns dadurch ein höheres* Interesse beansprucht, dass er ein überaus wertvolles hebräischesManuscripteinschliesst.Es ist dies eine durch bildlichen Schmuck ausgezeichnete Pessach-Hagadah, der ein höheres Alter zugeschrieben werden muss, als den bisher bekannten Hagadoth gleicher Art. Eine grosse Anzahl farbenreicher Initialen und Randleisten mit Ornamenten, Menschen- und Thiergestalten schmücken den Text. Dazu kommen die Bilder a u s den jüdischen Leben. Auf den beiden letzten Blättern stellen zwei grosse Miniaturen eine Hirschjagd und einen Jungbrunnen dar. Dieses Bild dürfte die älteste Darstellung des bei mittelalterlichen Schriftstellern oft erwähnten Jungbrunnens sein. Alle dargestellten Gegenstände sind von hohem culturgeschichtlichen Werte, so dass eine genaue Untersuchung der Bilder durch einen Archäologen sich wohl lohnen würde. Wie es scheint, gehört diese Hagadah zu den Büchern, die im Jahre 1391 den Juden entrissen worden sind. Auf welche Weise sie in die Darmstädter Huf-Bibliothek gekommen ist, hat sich nicht ermitteln lassen. Die Lage der Juden in Rumänien charakterisiert ani schärfsten der folgende Vorfall: Im Juli v. J. waren zu Draceni, einer kleinen Ortschaft am Pruth, antisemitische Unruhen ausgebrochen. Unter nichtigem Vorvvande hatte die christliche Bevölkerung die jüdische misshanlelt, und mehrere Personen von beiden Seiten sind verwundet worden. Ein Jude namens Josua Aronovici, starb infolge seiner Verletzungen. Einige der Hauptthäter, unter welchen der. Gutsbesitzer Craiescu war, wurden verhaftet und das Processverfahren gegen sie eingeleitet. Die Angeklagten standen jtiun vor wenigen Tagen vor dem Assisenhof zu Tutova, und die Geschworenen sprachen sie frei! Die Judeneinwanderung in Amerika. Laut den amtlichen statistischen Nachweisen sind vom Juni 1900 bis zum Juni 1901 43.237 Juden nach Amerika eingewandert. Eine Productivgenossenschaft jüdischer Tabakarbeiter wurde vor kurzem in Bai ta auf Anregung unseres Gesinnungsgenossen Rabbiner S c h e i n k i n gegründet. Dieser Tage wurde die Eröffnung der Fabrik feierlich begangen. Der Feier wohnte auch der bekannte russische Agitator für ProductivgenossenSchäften Herr Lewicki, ein Christ, bei. Er beglückwünschte die jüdischen Arbeiter zu dieser neuen Gründung und erklärte, dass die jüdischen Handwerker besonders befähigt sind, Genossenschaften zu bilden, da sie die egoistischen Privatinteressen zugunsten der Gesammtheit zurückzustellen, verstehen und unter ihnen Einigkeit herrsche. Das beweisen die vielen jüdischen Productivgenossenschafcen, die unter seiner Mithilfe gegründet wurden. Zum Schlüsse gab Herr L e w i c k i seiner herzlichen Sympathie für den Zionismus Ausdruck, welcher der unmittelbare Anlass der Genossenschaftsbewegung ist. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Das grossherzoglich badische Amtsblatt „Karlsruher Zeitung11 bringt an leitender Stelle einen überaus sympathischen Artikel und einen eingehenden Bericht über den fünfcen Zionisten-Congress. In ein er der j ün gsten Nu mmern seiner Wochen schrift„Monitör" veröffentlicht Abgeordneter Emest Breiter, dessen phiiozionistische Anschauungen den Lesern der „Welt" wohl bekannt sind, eine ausführliche Besprechung des von unserem Gesinnungsgenossen Adolf Stand in Lemberg herausgegebenen .»Jüdischen Jahrbuches" welcher wir folgende markante Stellen entnehmen,: ,.Das Jahrbuch als Ganzes präsentiert sich äusserst sympathisch. Man kann wohl mit den Verfassern nicht immer einer Meinung sein. Eines darf man ihnen aber nicht absprechen: Guten Glauben, redlichen Willen, reine Absichten und eine edle, jugendlicher Energie volle Begeisterung. So können nur ehrliche Leute schreiben, welche frei sind von jener Falschheit;iind Halbheit, die den älteren und ältesten Juden der anderen Lager eigen ist. Im ganzen Lande sind es die einzigen Juden, welche von sich sprechen, andere wollen es nicht oder können es vielleicht auch nicht. Beinahe eine Million galizischer Juden spricht nur durch den Mund der Zionisten; gut wenigstens, dassdieser Mund rein ist, ihre Stimme ehrlich und herzlich und die Tendenz vielleicht zu poetisch, aber schön und edel. Ein Wort noch über die Form. Da kann es nur eine Meinung geben. Eine so schöne, herrliche Sprache wird selten bei uns geschrieben. Da sind doch diese Zionisten bessere Polen, als die officiellen ,.Polen mosaischer Confession!" Nach der Sprache zu urtheilen, kann man kühn behaupten, dass sie mehr polnischen Geist in sich haben, als die Patrone der „Ojczyzme" und „Agudas Achim" (Organ und Verein der verkrachten Assimilanten-Partei) aus den Achtzigerjahren, denen es noch so weit war bis zur „Assimilation des Geistes4' und die ganz gewiss nicht besser polnisch gedacht und wer weiss, ob auch gefühlt haben . . ." E. Sch. Max Kaufmann. „Heine's Charakter und die moderne Seele." Zürich. Albert Müller's Verlag, 1091. Der Autor der vorliegenden Studie hat sich mit mehreren Arbeiten über Heine bereits vorteilhaft in die Literatur eingeführt. Viel bemerkt wurde sein Buch „Heine's Liebesleben'', dem ein ähnliches, „Heine's Liebestragödien", vorausgegangen ■ war;'auch seine Studie „Heine und Platen" verdient volle Beachtung. Die Zeit, da man nur alle Heine-Reliquien sammelte., scheint vorüber zu sein, neue Details sind kaum mehr zu erwarten, wenigstens keine von weittragender Bedeutung, auch ist Heine als Mensch bereits in eine gewisse historische Distanz gerückt; so wird es allmählich möglieh, sich ein vorurtheilsloses Bild von dem Dichter zu bilden, wenn auch freilich die Parteinahme für und wider ihn die reine Gbjectivität noch ausschResst, vielleicht noch lange ausschliessen wird. Zu jenen Forschern nun, die daran arbeiten, uns ein möglichst klares Gesammtbilcl Heines zu geben, gehört Max Kaufmann. Er hat genug historischen Sinn* um Heine aus seiner Zeit heraus zu beurtheilen, zu erklären. Wenn er sein neues Buch „Heine's Charakter" betitelt, so wendet er sich schon dadurch gegen alle, die behaupten, Heine habe überhaupt keinen Charakter gehabt, in dem Zusätze „und die moderne Seele" gibt er das Resultat, zu dem er gekommen ist: Heine's Charakter und die moderne Seele sind im wesentlichen identisch. Heine ist also nach Kaufmann ein zu früh Gekommener, nicht als Dichter* sondern als Mensch. Die

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