Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Article
- Lose Blätter
- Date
- 1902-01-31
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14;,Die & Welt" Kr. S „Kabbi, mit Eurem Gelde wird Unfug getrieben. Mit meinen eigenen Augen sali ich die Frau, die von Euch mit fünf Gulden unterstützt wird, auf dem Markte allerlei der theuersten und besten Sachen einkaufen .... Kabbi, mit Eurem Gelde wird Luxus getrieben ..." „Beruhige Dich/' sagte der Rabbi, „was hast Du sie eigentlich einkaufen sehen?" „Zwei Gänse hat sie gekauft, ltabbi, und Eier hat sie gekauft und Obst hat sie . . „Vielleicht für jemand anderen?" unterbrach ihn der Eabbi. „ISTein, sie trug's zu sieh nachliause, ich sah?s." Da legte er, seligen Aadenkens, den Kopf auf die flache Hand, wie er es zu thun pflegte, wenn er nachdachte. ]Sach einer Weile sagte er: „Du bist also Deiner Sache sicher?" „Wie meiner selbst." „Die Frau ist also an Gänse gewöhnt und an Eier und an gutes Obst; folglich kann ihr unser Gehalt unmöglich genügen. Wir müssen ihn von nun an verdoppeln —" 80 war er. * Erziehung. Als sie vierzehn Jahre alt wurde, sagte ihre Mutter: „Wir werden Dich in die höhere Schule schicken, Kind. Du sollst nicht nur die Schönste, sondern auch die Gebildetste sein. Sie sollen mich alle Deinetwegen beneiden." Und der fromme Vater sagte: „Und ich will Dich als Trumpf gegen die sogenannten Modernen ausspielen, die da der Ansicht sind, dass Bildung und Frömmigkeit sich nicht vertragen können. Du sollst das Muster für alle wahrhaft jüdischen Mädchen werden: Gebildet, gehorsam und fromm." Der Grossvater aber war anderer Meinung. „Kinder/4 sagte er, „spielet nicht mit Feuer. Wer Wind säet, erntet Sturm. Die Schulen bilden nicht aus, sondern bilden ein. Ihr werdet grosse Schwierigkeiten haben, wenn sie einmal achtzehn Jahre alt wird. Am Ende wird sie keinen Polnischen wollen. Sicher ist sicher." Die Eltern aber behielten recht. Sie gieng in die Schule und war eine der besten Schülerinnen. Es vereinigten sich in ihr Fleiss und Talent. Als sie achtzehn Jahre alt war, besuchte sie auch populäre Universitätsvorträge und kam immer ganz beglückt nachhause. Man eröffnete ihr dort eine ganz neue Welt . . . nichts war da morsch — sie war eine aufmerksame Hörerin; sie verstand und dachte nach. Und die jungen Leute sahen ihr nach, denn sie war ausnehmend schön . . . Und als sie zwanzig Jahre alt wurde, überraschte sie der Vater mit der Isaehrieht, dass sie verlobt sei. Sie war ganz bestürzt. „Vater .•,.>!" begann sie. Er unterbrach sie. „Kind," sagte er, „es ist ein Glück. Er ist der Sprössling einer schönen Familie, und-die Eltern sind reich. Er ist fromm und kann gut lernen." „Aber Vater . . „Ich zwinge Dich ja nicht, Kind. Jedoch das eine will ich Dir sagen: Mit unseren Verhältnissen geht es nicht so, wie Du glaubst . . . Heute oder morgen, die schlimmste Zeit ist gar nicht fern . . . Und dann kannst Du warten, dann kannst Du sehr lange warten . . ." Da begami sie leise zu schluchzen. „Kind, weine nicht," sagte er weich, „ich werde Dich ja nicht zwingen . . . Aber eines will ich Dir sagen: Es wäre mein sicherer Tod, wenn Du die Partie ausschläfst . . . Einen „anderen" wirst Du ja nicht bekommen, "und ein Besserer wird sich Dir gar nicht treffen —" Sie schluchzte immerfort. ' „Vielleicht habe ich mich versündigt, dass ich Deinem Grossvater nicht gehorchte ... Geh' wälze diese' Schande nicht auf mich ... Es wird Dich "wohl niemand zwingen, aber nützen wird es Dir doch auch nicht . . . Ich würde es nicht überleben, wenn die Leute auf mich mit den Fingern zeigten und sieh in die Ohren lispelten: Seine Tochter hat den Bräutigam seiner Frömmigkeit wegen nicht wollen. .(C Die Thranen raunen ihr über die Wangen. „Es ist, Vater," begann sie, „als rissest Du mir did Seele aus der Brust . . . Sag*, wozu hast Du mir denn eine solche Vergangenheit gegeben, wenn Du meine Zukunft anders gestalten wolltest?" „Deine Mutter," sagte er, um etwas zu sagen, „hat mich vor der Hochzeit auch nicht gekannt ... In der Ehe, Kind, wird dann alles gut —" Sie hörte nur den Schall der Worte und begriff nicht den Beweis. In seinen Zügen nahm sie die vollständige Unkenntnis ihrer Lage wahr. Da löste es sich in ihr und sie sprach: „Dein Wille geschehe." Zweierlei Juden. Roman von Max Viola, (Fortsetzung.) VIII. Am nächsten Tage erkundigte sich Paul bei seinem Oheim, wie er am besten zur Granu Brandt nach Ebersdorf gelange. Auf die Frage Finkelsteius, was er dort wolle, erzählte er von dem Auftrage, den er von seinem Vater erhalten. Ebersdorf sei zu Fasse in einer Stunde zu erreichen, und wenn man einen Wagen benütze, in einer halben. Der Weg sei nicht zu verfehlen. Von der langen Gasse biegt man links in die Feldgasse ein, geht dann geradeaus fort aus Lobenstein hinaus, gelangt hier auf die Landstrasse, und wenn man diese verfolge, so bemerkt man bereits nach kurzer Wanderung die hohen Pappeln, welche das Ebersdorfer Castell umgeben. „Aber wenn ich Dir einen guten Rath geben soll," setzte Finkelstein fort, „so bleibe hübsch hier und gehe nicht nach Ebersdorf. Schreibe der Gräfin, schreibe ihr umständlich, was Du willst, aber suche sie nicht auf. VV'enn Du zur Gräfin kommst, triffst Du auch den Baron Weissenberg, und den Baron Weissenberg soll nur eins treffen: der Schlag. Das ist der schlechteste Mensch auf der Welt, ein Schuft, ein antisemitischer Bluthund. Er ist schon zehnmal vor den Gerichten gestanden, weil er seine Knechte auf vorüberziehende Juden hetzte, und einmal ist er sogar gekommen und hat den Rabbiner, den Chasan und den Schächter auf das Gemeindehaus führen lassen, weil sie zu Ostern ein Christenkind geschlachtet haben sollten. Und dieses Kind, den kleinen Buben des Böttchers Haselbauer, fand man am nächsten Tage in Eberdorf beim Altknechte, beim rothen Jank, der der Vertrauensmann des Barons ist. Ich sage Dir, ein miserabler Hund ist er, der Baron Weissenberg, so weit er warm ist. Er hat sie blutig gequält, die Arme, die um dreissig Jahre jünger war als er, und eines Tages ist sie verschwunden, und zwar mit einem jungen Banquier, den sie schon früher gern gehabt hat; aber ihre Eltern haben nicht geduldet, dass sie seine Frau werde. Er hat sich auch mit ihm duelliert, mit dem Banquier, aber es ist ihm nicht gelungen, ihn zu erschiessen, und seither rächt er sich an allen Juden; er möchte sie gern vom Erdboden vertilgen, dieser Raubritter, dieser frei* herrliche Strolch." Paul beruhigte seinen Oheim. Er habe mit dem Baron nichts zu schaffen, sondern bloss mit der Gräfin, und die müsste ihm dankbar sein, dass er ihr den Weg zeigte, auf welchem sie ihr Vermögen zu retten imstande sei. Mun,und wenn ihm dieser Herr von Weissenberg in den Weg treten sollte, so wüsste er schon mit ihm fertig zu werden. Er zählte nicht zu den Juden, die das Hasenpanier ergreifen. Damit nahm er einen Stock und machte sich auf den Weg. Aus der langen Gasse bog er, wie er unterwiesen worden war, links in die Feldgasse, hier aber verlangsamte er seine Schritte, denn vor sich sah er das Haus, in welchem Mirjam gestern Abend verschwunden war. Zögernd ging er vorüber, vielleicht glückte es ihm, das schöne Mädchen zu erblicken. Er sah sie, nicht aber auch sie ihn. Sie sass beim Fenster, auf eine Näharbeit gebeugt. Es verdross ihn, dass sie ihn nicht bemerkt hatte, doch nun war er vorbei und er beschleunigte seine Schritte. Er ging rasch, doch bloss einige Secunden, dann kehrte er zögernd um. Langsam, bedächtig schritt er wieder vor dem Hause vorbei, mit gespannter