Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Article
- Babel und Bibel
- Date
- 1902-01-31
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315965-3318289--30304-3318393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Die s$* Welt^ Seite 7 dieser. Sein Schiff strandet auf einem Berge Armeniens, nachdem zuerst eine Schwalbe, dann ein Habe, dann eine Taube entlassen waren. Die babylonische,. Sündfhit-Gesehiehte,wanderte also nach Kanaan, aber bei den ganz anderen .Bodenverhältnissen daselbst vejrgäss man,, dass das Meer der Hauptfactor gewesen war. Auch ein Weltschöpf ungsepos finden wir auf den babylonischen Thontafeln, an das die mosaische Schöpfungsgeschichte anklingt, wie der Vortragende eingehend erörterte, nur dass. der priesterliche Gelehrte, welcher Genesis Cap. I verfasste, ängstlich darauf bedacht war, alle mythologischen Züge aus seiner Weltschöpfungserzähluhg zu entfernen. Das finstere wässerige Chaos wird von ihm aber mit demselben Namen genannt, den ihm der bab^donisehe Dichter gibt, nämlich Tehom, übereinstimmend mit Tiamat. Interessant ist, dass der im babylonischen Epos, aber nicht in der biblischen Erzählung eine Bolle spielende... Kampf des guten gegen das böse Princip, des Gottes Mardulh gegen Tiamat, wiederklingt in der Offenbarung St. Johannis im Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Thiere des Abgrundes, der alten Schlange, die da heisse Teuf eh und Satanas. Dieser ganze Vorstellungskreis, einschliesslich der von den Kreuzfahrern mitgebrachten -Erzählung des Kampfes des Ritters St. Georg mit dem Lindwurm, ist handgreiflich babylonisch. Ebenso scheint die tiefsinnige Erzählung von dem Sündenfall babylonischen Ursprungs' zu sein; denn ein u ralter- Si egelcyl in der zeigt in der Mitte den Baum mit herabhängenden Früchten, rechts den Mann, links das Weib, beide ihre "Hände nach der Frucht ausstreckend, und hinter dem Weibe die Schlange. Babyloniern wie Israeliten erschien bei der trostlosen- Aussieht auf ein freudloses Leben nach dem Tode, die ihnen gemeinsam war, ein langes Lehen 'als. der-Güter höchstes. Doch waren die ., babylonischen"Vorstellungen von dem Leben nach dem Tode bestimmtemHiid^iii^-gaii'Z.sio..düster wie die israelitischen; denn sie lehren von einem Bäum des Scheol, bestimmt für die ganz Frommen, wo sie auf Euhelagern ruhen und klares Wasser, trinken. Merkwürdigerweise haben diese Anschauungen ihre Fortsetzung und ihre Ausbildung im Islam, in der Lehre von den Freuden des mohammedanischen Paradieses gefunden. Zur Judeneiwanderungs-Frage in England. (TTriginal-Correspondenz der „Welt".) London, 20. Jänner 1902. Im Anschlüsse an die Massenversammlung, die vorige Woche im East End stattfand, und in. der eine Resolution im Sinne der Schaffung eines Einwan derma gs verbot es angenommen wurde, hielten die Londoner Parlamentsmitglieder eine private Conferenz ab? in der sie den Beschluss fassten, im Unterhause ein Amendement zur Thronrede im Sinne der Beschlüsse des erwähnten Massenmeetings zu beantragen. ' Wie ich aus guter Quelle weiss, ist die Regierung geneigt, den Wünschen, die in der oberwähnten einwanderungsfeindlichen Resolution ausgedrückt sind, zu willfahren. Die Debatte über die Einwanderungsfrage dürfte im Unterhäuse am nächsten Freitag abends eröffnet wei den. Leider gibt es im Parlamente keinen einzigen jüdischen Abgeordneten von einiger rednerischer Begabung, so dass eine würdige und eingehende Behandlung der Frage von jüdischem Standpunkte nicht zu erwarten ist. Die Parlamentsmitglieder, welche das Amendement geg<m die Einwanderung einbringen wollen, gehören der conservativen Partei an. Doch schliessenv sich ihnen" auch die imperialistischen Elemente der liberalen Partei an. J. de Hans. Die Juden in China.*) Auf Grund einer chinesischen Quelle wurde die Zahl der im chinesischen Beiche lebenden Israeliten auf mehr als eine halbe Million geschätzt, und es wurden daran die wunderlichsten Combinationen geknüpft. Nach den von mir an Ort und Stelle eingezogenen Erkundigungen und gemachten Erfahrungen dürfte jedoch diese Angabe jeder thatsäeh liehen Berechtigung entbehren. Ja, ich bekenne mich weit mehr zu der Ansicht des deutschen Gesandten Herrn von Brandt, mit welchem ich in China wiederholt zusammenzutreffen das Vergnügen hatte, dass die Zahl der in China lebenden Anhänger des mosaischen Glaubens dermalen nur eine sehr geringe ist. Hier bloss ein Beispiel: Während meines Aufenthaltes in Peking kamen ein s Morgens zwei Israeliten in das Hotel der britischen Uesandl - schaff, deren Gastfreundschaft ich genossen, und boten mir eine riesige Rolle aus Schaffell zum Arerkaufe an, an I" welcher die fünf Bücher Moses (Peiitateueh) in sehr deutlicher hebräischer Schrift geschrieben waren. Die beiden jüdischen Abkömmlinge trugen chinesische Tracht, glichen aber in ihren Zügen weit mehr Mohammedanern als Chinesen, was wohl hauptsächlich daher kommen mochte, dass dieselben mehr mit den ersteren, als mit den letzteren sich vermischten. Ihr Gesicht war oblong, die Augen waren nicht geschlitzt, sondern gerade und tiefliegend, die Nase» etwas gebogen, der Haarwuchs am Kinn und an den Backen sehr reichlich. Sie kamen aus Kai-feng-fu, einer ehemaligen Judencolonie, welche, wie mir der mit den chinesischen Verhältnissen wohlvertraute Dolmetsch der britischen Gesandtschaft, Dr. Edkins, mittheilte, etwa um das Jahr 1000 n. Chr. von den aus Samarkand und Bokhani eingewanderten jüdischen Handelsleuten gegründet wurde, . allmählich aber ganz verarmte, und schliesslich in der eingeborenen Bevölkerung völlig anfgieng. In den „Lettre* edifiantes et eurienses des missionaires", A7ol. III, p. 14'.^ findet sicli eine Beschreibung des portugiesischen Missionärs Padre Gosani ..über diese Judencolonie, welcher dieselbe im Jahre 1704 besuchte und darüber sehr ausführliche Mittheilungen machte. Gegenwärtig sind davon nur mehr wenige Spuren in verfallenen Häusern und in Trümmern der einstige Synagoge übrig geblieben, während die Nachkommen sogar die Sprache ihrer Voreltern vergessen haben. Für ihre Einwanderung aus Bokhara spricht namentlich auch der Umstand, dass dieselben aus jener Stadt ihre Schriften, sowie ihren Babbiner kommen liessen. Als aber vor etwa Jahren ihr Babbiner starb, besassen sie nicht mehr die Mittel, um einen Ersatz von Bokhara sieh zu verschaffen. Ich hatte die mir zum Verkaufe angebotene Eolle von mehreren Fachgelehrten in Peking, wie Dr. Edkins, Dr. Bretschneider und Dr. Wells Williams auf deren Echtheit prüfen lassen, und als äderen Urtheil einstimmig zugunsten des angebotenen -Werk¥s ausfiel, erwarb ich dasselbe für die k. k. Hofbibliöthek in Wien, wo es sich gegenwärtig befindet. Nach der Ansicht des Dr. Edkins in Peking wurde die Bolle vor ungefähr 150 bis 200 Jahren .vom vorletzten Babbiner in Kai-feng-fu für die dortige Juden gemeinde geschrieben. 'Es sollen in China im ganzen nur dreizehn Abschriften der fünf Bücher Moses vorhanden gewesen sein, von welchen sechs nach England und zwei nach Nordamerika wanderten,, während eine Abschrift angeblich in einer Moschee in.Peking aufbewahrt ist. Ausser dem mir zum Ankaufe angebotenen Exemplare gibt es nur noch drei Exemplare, über deren Schicksal ich jedoch nichts Genaues zu erfahren vermochte. . Dr. Karl v. Scherzer. * Dieser Artikel, ist rbm Jahresberichte d*r „Gesoüschaft für Sammlung und Coh^rvierung von Künste und historischen Denkmälern des Judenthums" entnommen.