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Die Welt · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
5 (31.1.1902)
Article
Gedanken über den Zionismus
Date
1902-01-31
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die # #elt^ Nr. 5 sitionon gebracht haben, die es aber trotzdem der gesellschaftlichen Zurücksetzung wegen, der sie auf Schritt und Tritt begegnen, vorziehen würden, als die Führer ihres eigenen Volkes zu leben. Der Zionismus aber, wie gross auch seine Vortheile für das zerstreute und lange leidende israelitische Volk sein mögen, wird sieh vielleicht in unserer Generation doch nicht als die unbedingte vollständige Lösimg des jüdischen Problems verwirklichen. Das grosse Problem, wie es sich den mehr fortgeschrittenen unter den europäischen Nationen präsentiert, wird wahrscheinlich Problem bleiben, wenigstens in unserer Zeit. Wir sind gerechtfertigt, wenn wir eine solche Behauptung aufstellen, weil das Problem die letzten fünfhundert Jahre hindurch und noch länger ungelöst geblieben ist. Die antisemitischen Führer vergessen, dass die Mittel, die sie so ganz ohne Zaudern in Vorsehlag bringen — Expropriation, Verbannung etc. — schon zu wiederholtenmalen in Spanien, in Portugal, in den Niederlanden und in den baltischen Staaten versucht worden sind, und dass diese Mittel, wenn sie überhaupt irgendwelche Wirkung hatten, nur jener Nation nachtheilig waren, die die antisemitischen Massregeln durchgeführt hatte. Spaniens Lage z. B. ist wahrhaftig keine bessere, seit es die Juden vertrieben hat, eher eine schlechtere. Und das gleiche kann auch von den skandinavischen Ländern gesagt werden. Es dürfte vielleicht vorgeschlagen werden, dass die Frage auf eine' von diesen zwei Arten gelöst werde: durch Amalgamierung der Juden mit anderen Bassen im Wege von Blutsvermengung durch Mischehen, oder durch die vollständige Ausrottung der Juden. Aber diesen Vorschlägen gegenüber wirft sich einem die folgende Frage auf: . Ist es wahrscheinlich, dass eine Easse, die ihre Exelusivität und ihre Sonderart in so vielen verschiedenen Klimaten neunzehn Jahrhunderte lang bewahrt hat, und zwar in allen nur erdenklichen Lagen, nunmehr plötzlich in einem Zeiträume von hundert Jahren ihre Traditionen preisgeben und ihre Eigenart verlieren wird? Oder aber ist es möglich, dass ein Volk, dass Hunderte und Hunderte von Jahren, im Angesichte der grausamsten Verfolgungen, der Vrenichtung entgangen ist, ungeachtet der Thatsache, dass es in kleinen Segmenten über den ganzen Globus zerstreut war, und stets überwältigenden Majoritäten von Feinden gegenüberzustehen hatte — nunmehr gewaltsam verschwinden soll, und die menschliehe Easse bleibt bestehen? Nein, das ist ganz undenkbar. Fragekasten für die neue Organisation. Verein „Jeschurun" in Troppau sehreibt: „Wie wir aus der „Welt" entnehmen, hat die Colonial-Bank aus den TheilZahlungen der nicht vollständig bezahlen Actien einen Reservefonds von 10.000 Pf. St. errichtet, um den Säumigen Gelegenheit zu geben, ihre bereits angezahlten, obzwar schon verfallenen Actien vollständig zu erwerben. Der Bank liegt also in erster Linie daran, soviel Actien wie möglich zu verkaufen, also auch dass genannter Reservefonds vollständig erschöpft wird. Wir erlauben uns nun, an Sie die Anfrage zu richten, ob es nicht gut wäre, wenn die Bank durch die Landes- Ürganisation den diversen Vereinen diejenigen in diesem Orte wohnenden Personen* angeben würde, welche Anzahlungen geleistet haben, und wäre es dann die Pflicht der Vereine, die rückständigen Raten einzukassieren, denn wir sind fest überzeugt, dass die Meisten nur aus Nachlässigkeit nicht weiter gezahlt haben. Antwort: Diese Anfrage betrifft eigentlich keine Dunkelheit des Organisations-Statuts, die einer Aufklärung bedürfte, es ist aber eine so wertvolle Anregung, dass wir sie an dieser Stelle den Vereinen zur Kenntnis geben, und gleichzeitig wird das Directorium der Jüdischen Colonial- Bank daraus die Schlüsse ziehen, die es für gut findet. Babel und Bibel. :;.!•> So lautete der .Gegenstand eines hochinteressiint.cn, ein--» grosse Menge tatsächlichen Materials enthaltenden und doch sehr khuen und leicht verständlichen Vortrages, den Professor Dr. Delitzsch in der jüngsten Sitzung der Deutsehen orientalischen Gesellschaft in-Berlin, der auch der Kaiser beiwohnte, gehalten hat. Dem Bericht de* Beichsanzeigers entnehmen wir einige Ausführungen Delitzschs. 1>> archäologischen Forschungen am Euphrat lind Tigris haben ergeben, dass in diesem herrlichen, von ISTatur fruchtbaren, durch menschlichen Eleiss in seinen Bodenerträgen hoch gesteigerten bahylonisehenTieflande um 2250 v. Chr. bereits ein hochentwickelter Bechtsstat bestand mit einer der unseri^en wohl vergleichbaren Cultur. .Ein Zeitgenosse Ahrahams, Aniraphel, oder mit seinem baylonischen JJamen Harnmurabi, war, nachdem ihm durch Vertreibung der Llamiter die Verschmelzung von Nord und Süd zu einem Einheitsstaate gelungen, darauf bedacht gewesen, emheit^ehes Eecht für das ganze Land zu schaffen. Seine Gesetze sind uns in gut erhaltenen Thontafeln autbewahrt und nothigen uns zur Bewunderung f ür die Höhe dieser Cultur. Dasind geregelt die Stellung des Herrn zum Sclaven und Lohnarbeiter, des Kaufmannes zum Lehrling, des Feldeigenthiimers zum Pächter, das Fischereirecht für die einzelnen Ortschaften an einem Canal ist genau abgegrenzt usw. Jeoer taugliche Mann ist zum Militärdienfet verpflichtet, doch mit Ausnahmen, die entweder Privilegien altpriesterlicher Geschlechter achten oder durch die Interessen der Landeseultur und Viehzucht bedingt sind. Es gab einen obersten Gerichtshof in Babylon, eine Geldprä gung, die Kunst des Schreibens war überall verbreitet, wie aus den in reicher Fülle vorhandenen Briefen hervorgeht, YLie unsere Assyriologen ohne grosse Mühe lesen und die tos Einblicke in die Behandlung geben. Ja, entsprechend dieser Verbreitung der Schreibkunst gab es einen wohlorganisierten Brief- und Post dienst weit über die Grenzen Babyloniens hinaus. Kein Wunder, dass in einem so wohlgeordneten. Staate nicht bloss Handel und Industrie, Viehzucht und Ackerbau Mühten, sondern auch die Wissenschaften, Geometrie, Mathematik und vor allem die Astronomie, eine staunenswerte Höhe der Entwicklung erreicht hatten. Höchstens Born kann sich mit dem Einfluss messen, den Babylon zwei Jahrtausende lang auf die Welt ausgeübt hat. Wäre daran noch ein Zweifel erlaubt, er würde gehoben durch die Auffindung von gegen 300 Thontafeln in El Amarna, zwischen Theben und Memphis in Oberägypten, sämmtlich Briefe babylonischer, assyrischer, mesopotamiseher Könige an die Pharaonen Amenophis III. und IV. und von ägyptischen Statthaltern aus den grossen cananäischen Städten, wie Tyrus, Sidon, Askalon, ja, Jerusalem. Die Thatsache allein, dass sich alle diese Grossen der babylonischen Sprache und Schreibweise bedienen, dass Babylonisch also die amtliche Verkehrssprache vom Euphrat bis zum Nil war, bezeugt den alles beherrschenden Einfluss der babylonischen Cultur von 2300 bis 1400 v. Chr. hinab. Das Licht, das hierdurch auch auf die älteste Geschichte Palästinas fallt, ist sehr bezeichnend. Als die zwölf Stämme Israels hier einfielen, kamen sie in ein Land, das vollständig eine Domäne der babylonischen Cultur war; Industrie, Recht, Sitte, Wissenschaft Babyloniens waren die f tonangebenden im Lande. Man versteht jetzt, wie auch das; alttestamentarischeOpferwesen und Priesterthum von dem babylonischen beeinflusst werden musste. Ebenso treten eine ganze Beihe biblischer Erzählungen jetzt auf. einmal ♦ in reinerer und ursprünglicherer Form aus der Nacht der [babylonischen Schatzhügel an das Licht. So war die baby- ' lonischeSündflut-Erzählung schon um 2000 v.Chr. auf einer . Thontafel schriftlich festgelegt, welche der Bibliothek Sardanapals zu Niniveh angehörte. Xisuthros, der babylonische ISToah, erhält ganz dieselben göttlichen Befehle wie

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