Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 flDie & Welt" Nr. 4 Paul bloss mit kurzen Worten. Sie fürchteten, den Jargon zu verratheu oder in ein „gebildetes* Ge^präch gezogen zu werden, dem sie nicht folgen könnten. So sprachen sie bloss wenig, errötheten dafür öfter. Um fünf Uhr kam Mirjam Goldner. Paul wechselte bloss wenige Worte mit ihr und unterhielt sich weiter mit Bertha Heim. Er erzählte allerlei, und sie hörte zu und war ihm dankbar, daes er kein Urtheil provocierte. Er sprach über Malkunst und Dichtkunst, über das Leben in der Hauptstadt und machte sie schliesslich so sicher, dass sie selbst auch zu sprechen begann. Aber er hörte ihre Worte nicht; unwillkürlich lauschte er dem Gespräche, welches Mirjam, Clara und Rosa Eibenschitz hinter ihm führten. Endlich zog Clara ihre Freundinnen Bertha und Rosa in ein Gespräch, so dass er sich mit Mirjam beschäftigen musste. Er sprach über gleichgiltige Dinge, lobte die V02züge des freien Lebens und fragte sie schliesslich, ob sie sich aus der Enge Lobensteins nicht hinaussehne? „Nein,* erwiderte sie. „Ich liebe unsere kleine Stadt, und wo immer ich wäre, ich würde mich nach ihr zurücksehnen. Jeder Baum, jeder Stein bildet für mich eine Erinnerung. Es mag ja herrlieh sein draussen in der weiten Welt, doch ich könnte mich dieser Herrlichkeit bloss dann erfreuen, wenn ich das Bewusstsein hätte, in Lobenstein mein Heim zu finden, wohin ich immer wieder zurückkehren darf." „Das macht Ihre Umgebung, die Menschen, die Sie lieben." „Ja, ich liebe Sie. Sind Sie doch so gut zu mir! Ich frage mich oft, wodurch ich dessen würdig bin/' „Wodurch? Es bedarf vielleicht keiner That, keiner Aeusserung. Es genügt, dass Sie da sind. Ich habe erst einige Worte mit Ihnen gewechselt und begreife vollkommen, dass jeder, der in Ihre Nähe gelangt, Ihnen angenehm zu sein bemüht ist. Es gibt Erscheinungen, die, ohne etwas dazu zu thun, zur Achtung oder zur Liebe zwingen. Sie zählen vielleicht zu diesen." Sie sah ihn von der Seite lächelnd an: „Welch grosse Worte in unserer kleinen Stadt. Fürchten Sie nicht den Spott der Tochter Reb Salom Goldners? Das war wohl ein Compliment aus einem der grossen Salons der Hauptstadt, aber: Eines schickt sich nicht für alle." „Zählen Sie zu allen? Sie sine, allejn!u „Nicht in dieser Weise, Herr Rosenstein. Ich möchte nicht erhoben werden, über niemand. In dem Rahmen, in welchem ich geboren wurde, will ich bleiben Zeit meines Lebens." „Und wenn nun jemand kommt und Sie aus diesem Rahmen hinausführen will?" „Ich würde ihm nicht folgen." „Und wenn Sie ihn lieben sollten?" «Mein Vater hat über mich zu befehlen. Ihm werde ich vor allem gehorchen." „Ihr Vater ist sehr fromm?" „Man sagt, er ist der'frömmste Mann in Lobenstein.* „Und da bangt es Ihnen nicht vor der Zukunft?" Sie blickte zu Boden und schwieg. Auch er gieng eine Weile schweigend neben ihr her. Wozu sprechen? Es waren ja doch nur Hohlheiten, die er redete. Da kam er aus der Hauptstadt hierher, hatte manches gesehen und gelernt, war in Italien und Prankreich gewesen und sprach wie ein Schuljunge, wie ein langweiliger Narr, er, der sich bisher in jeder Frauengesellschaft zurechtgefunden hatte. Warum ward er diesem kleinen Dorfmädchen gegenüber seiner Befangenheit nicht Herr? Ach, das geht ja vorüber, er braucht bloss zu wollen. Er begann ihr von Rom zu erzählen und von Florenz, wo im Palazzo Pitti sein liebstes Gemälde hänge:TiziansMagdalena. Stundenlang könne er dort zwischen dem Fenster und der Thür, wo das Bild angebracht ist, in stiller Verehrung verweilen. Seiner Meinung nach waren Tizian und Rembrandt überhaupt die grössten Maler aller Zeiten, grösser als Rafael; einst werde man sicherlich allgemein zu dieser Ansicht gelangen. Und immer weiter sprach er von Gemälden und ihren Meistern, und er fühlte, dass er ruhig geworden sei. Er sah nicht die wunderbare Schönheit des Mädchens an seiner Seite, es war ihm, als ob er einem Freunde seine Ansichten über die Meisterwerke der Malerei kundgeben würde. Sie hiengmit grossen, dürstenden Blicken an seinen Lippen und unterbrach ihn mit keinem Worte. Er gewahrte es kaum, dass auch die übrigen Mädchen in einer Reihe mit ihnen giengen und ihm zuhörten und dass die Sonne zu scheiden beginne. Erst als die Gesellschaft vor einem kleinen Hause stehen blieb, verstummte er. Mirjam war vor ihrer Wohnung angelangt und verabschiedete sich. Sie nickte auch ihm freundlich zu und verschwand dann hinter der Hausthür. Bei der nächsten Gasse angelangt, trennten sieh auch die anderen zwei Mädchen von ihnen. Schweigend gieng er mit Clara heim. (Fortsetzung folgt.) Mittheilungen des österreichischen Landes-Comites „Verband Zion". Folgende Tage sind für unsere Sitzungen bestimmt: Februar 4. „ 18. März 11. „ 24. An diesen Tagen sind die Mitglieder der Leitung von 7 Uhr abends an im Congress-Bureau, IX., Türkenstrasse 9, zu sprechen. Ebendahin sind alle Zuschriften an das Landes-Comite oder den Verband „Zion" zurichten. Das Landes-Comite hat alle für Oesterreich wichtigen Kragen des Programmes, der Organisation, Agitation und PressezurBehandlung übernommen. Von unserer Volksbildungsbewegung. Wochen-Programm der Toynbee-rlalle XX., Karajangasse 20. Sonntag den 26. Jänner: Hermann Berliner: Das marokkanische Judenmädchen. Montag den 27. Jänner: Dr. Heinz K o h n : Sittlicher Charakter der Ehe. Dienstag den 28. Jänner: Adolf Weiss b erger: Ueber die Börse. Mittwoch den 29. Jänner: Dr. Margulies: Das Wesen des Talmud. Donnerstag den 30. Jänner: Dr. Kornfeld: Aus der Seelenlehre. Freitag den 31. Jänner: Arnold Frankfurter: Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag den 1. Februar: Coneert: Musik, Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen sind zu richten an Herrn Doctor Leopold Kahn, Hof- und Gerichts-Advocat, VII, Lindengasse 11. Spenden. Sammlung durch Eleazar Brod in Wien für den Nationalfonds: Oskar von Partschendorf K 4.—, Aschrej Plackowa K 1.—, jur. Klar K —.20, Brod K —.20. Zusammen K 5.40. Spenden für den Jüdischen Nationalfonds: J. S. K —.50, Sam. Nemirowsky, Jekat. K —.50, Familie K. K 1.-, O. M. K 1.-, Dr. K. K -.50, Dr. Sch. K -.40, M. Sch. K —.20, A. N. K —.30, A. P. K -.20, L. W. K —.50, L. K. K —.25, M. Z. K —.20, aus einer Sparbüchse K —.20, dieswöchentliche Sammlung des Allgemeinen Jüdischen Arbeiter-Verein es K 3.34, eroter Zionistischer Frauen verein K 1.40. Zusammen K 10.49. Spenden, gesammelt durch S. Fuchs und Moses Glikin in Leipzig für den Fonds der Schule in Jaffa (Palästina): Wiener Julius Mk. 3.—, Pohle ing. Mk. 2.—,. Kohlmann Mk. 2.—, S. Eichner Mk. 1.—, J. Fischleber Mk. 1.-, B. Wattmann Mk. 1—, M. Rossdeutscher Mk. 1.—, A. Glikin Mk. 2.—, M. Spitz Mk. 1.—, J. Kosiner Mk. —.50, Preissmann Mk. 1.—, J. Ebel Mk. 1.—, O. Ebel Mk. —.50, Spier Mk. 1.50, N. N. Mk. —.50, M. Wiener Mk. 1.—, J. Wiener Mk. —.50, Beilin Mk. 1 —, N. N. Mk. —.40, R. Merkin Mk. 1.—, A. Rabinowitsch Mk. 1.—, W. Jakobsohn Mk. 1.—, S. Fuchs Mk. 1.—, G. KrollMk. 1.—, A.Mittelmann Mk. L— L. Merkin Mk. 1.—, J. RaskinMk. 1.—, Bromberg Mk. 1.—, Frl. Chasin Mk. 1.—, Frl. Rappoport Mk. 1.—, M. Preismann Mk. 1.—, Russoto Mk. 3.—, Wassermann Mk. 1.—. Die Studenten : M. Kaplan Mk. 1.—, B. Gottesmann Mk. 5.—, B. Grad Mk, 3.—, Moses Ziwjan Mk. 2.—, Pait Mk. 1.—, N. N. Mk. 1.—, Sara Lury Mk. 1.—, Frl. Katzenelnbogen Mk. 1.—, C. Mk. 1.—,