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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
J. G. von Bloch
Date
1902-01-24
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Die # Welt" Seite 15 wahrscheinlich wegen des Aufenthaltes in der Residenz zum Calvinismus übergangen, eine kauf mann iseliindustrielle Thatkraft entwickelte, die ihm im Laufe einiger Jahre Vermögen und Einfluss verschafften. Dann nach Warschau zurückgekehrt, in der Reihe der Bahnbauunternehmer an der Seite Kroneubergs mit dem er sich verschwägerte, eingetreten, auf der Leiter des finanziellen Erfolges und der Staatsehren die höchsten Stufen erklimmend, beharrte Bloch in den merkwürdigen Eigentümlichkeiten des judischen Autodidakten und blieb ein judischer „Dichter und Kaufmann11, halb Finanzgenie, halb Schwärmer, polnischer Bürger, russischer Staatsmann, europäischer Culturmensch, vielleicht Gultur üb er mensch, im ganzen ein Wunderproduct der Diaspora . . . Aber an der Unmöglichkeit, aus seiner eigenen Nation herauszukommen, oder trotz der formellen Trennung für sie etwas Grosses zu leisten, ist schliesslich Bloch doch gescheitert. Und dies ist das Tragische an dieser hochsympathischen, culturgeschichtlich merkwürdigen Gestalt. Der ehemalige Färbersohn, der I luj, ausLomza,Radom und Warschau musste sich an das neue Milieu das er gewinnen wollte, mühsam anpassen. Er musste sich eine Zeitlang seinem Volke, das in seinem Blute und in seinem Geiste lebte, entfremden. Die anderen, auch die formell Ungetauften, die Zwittergestalten ohne Individualität, ohne Persönlichkeit und Eigenart, verschwanden im Chaos. Er konnte sich nicht verlieren. Es war ein offenes Geheimnis, dass J. G. Bloch, wenn auch nicht confessionell, doch psychisch mit dem Judenvolke zusammenhieng. Die Erschütterungen der Achtzigerjahre stellten ihn in den Vordergrund der Judenvertheidigung. In jenem Stadium vollbrachte er die grandiose, unvergleichlich dastehende statistische Arbeit, die ökonomi.-chwissenschaftiche Apologetik der russischen Juden. Der Schwerpunkt seiner Thätigkeit lag damals in Petersburg, wo er mit den Notabein der jüdischen Gemeinde intim verkehrte. Bloch brachte nicht nur eine grosse literarische Arbeit zustande, sondern als geschmeidiger und geistvoller Staatsmann setzte er auch alle Hebel seines mächtigen Einflusses in Bewegung, um einen Umschwung der herrschenden Meinungen hervorzurufen. Viele von uns sahen ihn bei der Arbeit zusammen mit dem unvergesslichen Hebraisten und populär-wissenschaftlichen Schriftsteller Hirsch Rabinowitsch. Er musste zur Ueberzeugung gelangen, dass die Lösung der Judenfrage anderswo zu suchen ist. In der nächsten Phase seiner Bestrebungen brachte er dem Unternehmen Baron Hirsch's ein lebhaftes Interesse entgegen. Er wollte auch in dieser Richtung etwas leisten; wir erinnern uns, wie er sich mit dem Gedanken befasst hat, seinen Vertrauensmann nach Argentinien zu entsenden. Aber einerseits hinderte ihn das Milieu, öffentlich zu wirken, andererseits fand er nicht die richtige Formel, die Idee. Noch sehen wir ihn in den ersten Anfängen der „Ica* — .nach dem Hinscheiden des Baron Hirsch — bestrebt, dieser Thätigkeit Vorschub zu leisten. Man sah ihn damals in Paris — es war im Jahre 1897. Er betheiligte sich an einer Privatversammlung. Sein jüdisches Gefühl frappierte die anwesenden Juden. Er kam nachher auch hier in Warschau zu einer Sitzung. Es war etwas Tragisches an seinem Wollen, das nicht zu einer grossen That herauswachsen konnte, Dann begann seine Friedensarbeit. Mehr als die Zeitgenossen ahnen, hat er für diese Propaganda gethan. Wer weiss ob er nicht im grossen die Lösung der Juden frage suchte, und ob er nicht den internationalen Frieden als eine Voraussetzung der Verwirklichung jüdischer Ideale anstrebte. Jedenfalls kennzeichnet dies einen grossen und unruhigen Geist. Neue, mit Benedictinerfleiss gepflegte Studien, ein heroischerEntschluss, ein Wissensgebiet zu erschliessen, das für einen Laien eine terra incognita war, ein Enthuasiasmus, eine Ausdauer, eine Opferfreudigkeit, wie man sie sonst bei niemandem zuvor gesehen hat — unwillkürlich empfängt man hier den Eindruck, als oh ein alter, jüdischer Volksgedanke, eine Jesaiasche Idee im Herzen eines Sohnes unseres Stammes wieder aufgelebt habe. In den allerletzten Jahren gewann J. G. von Bloch Interesse auch für die Zionsidee. Früher skeptisch, grübelnd," wurden doch seine Sympathien mächtig angeregt. Leider zu spät! Der Tod überraschte ihn in der Mitte seiner begonnenen Arbeiten. An seiner Bahrt1 wird dem Sohne des Lomzaer Färbers die Schwäche der Assimilation nicht angerechnet werden. So schwinden unsere Kräfte, so geht fast spurlos unter, was die angesammelte, tausendjährig potenzierte Energie der jüdischen Rasse, Avas jüdischer Fieiss geschaffen — durch den Mangel nationaler Basis. Er war trotz seiner Assimilation einer der besten Halbjuden: ein heller jüdischer Geist, ein warmes jüdisches Herz, ein praktisches Genie und ein Dichter. So stirbt ein Geschlecht, so schwinden unsere Kräfte, so welken die Goluthblüten hin. Und so werden sie hinwelken, so lange wir nicht ein Stück boden unter den Füssen und eine Spanne Himmel über den Köpfen haben. Doch schön sind diese Blüten, schön und poetisch. Die Poesie der Auflösung. Warschau, 8. Jänner 1902. N. Sokolow. Zweierlei Juden. Roman von Macc Viola. (Fortsetzung.) Nach dem Essen begab sich Onkel Finkelstein zur Ruhe: die Grossmutter schloss sich in ihr Zimmerchen ein. betete eine Weile und legte sich hernach ebenfalls schlafen, Tante Minna holte den berühmten Roman „Kaiser Joseph und seine Zeit" von Louise Mühlbach hervor und vertiefte sich in seine ergreifenden Schönheiten, und Paul und Clara giengen in den kleinen Garten hinunter, wo eine Laube stand. Paul rauchte eine Cigarrette und Clara beobachtete ihn von der Seite. Sie erwartete, er würde über Mirjam sprechen, doch er schwieg. Er nahm das Buch, das er mitgebracht und las darin, bis man Schritte vernahm, worauf er die Cigarrette rasch verbarg. Es wäre zu einer sehr unliebsamen Scene gekommen, wenn ihn ein Jude rauchend angetroffen hätte. Wolwele war es. Er verlangte von der Schwester sein Vesperbrot, das am Samstag besonders reichlich auszufallen pflegte. Da es bereits um Vesperzeit war, frug Clara Paul, ob er mit ihr spazieren wolle; da er bejahte, machten sie sich, nachdem Wolwele befriedigt worden war, auf den Weg. Die grosse Promenade am Samstag-Nachmittag wurde in der langen Gasse absolviert. Um diese Zeit gehörte dieser vornehmste Theil der Judenstadt der Jugend. Allerdings erst seit einiger Zeit. Als die Herrschaft Lobenstein noch Eigenthum des Grafen Brandt war, durften die Juden am Samstag in einem Theile des zum Schlosse gehörenden Parkes promenieren. In den schattigen Laubgängen, unter den grossen alten Bäumen, spannen sie ihre Träume, gaben sie sich die Gefühle ihrer Herzen kund; doch das war zu Ende, seitdem „Baron" Tulpenthal die Herrschaft angekauft hatte. Nun durfte kein Lobensteiner Jude mehr in den Park. Es war ein strenges Verbot ergangen. Wenn nicht Clara selbst einige ihrer Freundinnen herbeigerufen hätt$, wäre sie mit Paul lange allein geblieben. Die Mädchen wagten sich nicht in die Nähe des städtischen jungen Herrn, und als zwei von ihnen die Scham überwanden und der Einladung Claras, sich ihnen anzuschliessen, Folge leisteten, blieben sie doch verlegen und antworteten

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