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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
Ein jüdischer Verlag
Date
1902-01-24
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 „Die # Welt** Nr, 4 Ein jüdischer Verlag. Das besiehende Comite des Jüdischen Verlages in Berlin, bestehend aus unseren Gesinnungsgenossen Martin Buber Berthold F e i w e 1 s E. M. Lilien und Dr. Alfred N o s s i g versendet ein Circular. dem wir die folgenden Stellen entnehmen; Die neue Epoche der jüdischen Culturentwicklung, die wir miterleben dürfen., hat auf allen Gebieten literarischen und künstlerischen Schaffens bedeutsame Ideen und Werke reifen lassen. Wieder nach langer, langer Zeit sind--, die Bedingungen für ein Aufblühen des jüdischen Geistes und der jüdischen Kunst gegeben. Noch fehlt aber eine einheitliche Zusammenfassung der iSehaffenden, ein CWtnim3 von dem aus ihre Werke in alle Kreise des Volkes getragen werden sollen. Zugleich aber fehlt unserem Volke eine sowohl ethisch und ästhetisch einwandfreie als auch wahrhaft jüdische Sammlung erhebender, belehrender und nach jeder Pachtung erzieherisch wirkender Bücher. Der Jüdische Verlag unternimmt es, diesen tiefen Bedürfnissen — der Schaffenden einerseits, des Volkes andererseits — Erfüllung zu bringen. Zuschriften sind bis auf Weiteres zu richten an die Adresse: Berthold Feiwel, .Berlin SW.a SchönebergerStrasse 2. Auskunftsstelle für Oesterreicli-Ungarn: Martin Buber. Wien IX.3 Porzellangasse 38. Als Zahlstelle fungiert vorläufig: Verlagsbuchhandlung S. Ca 1 vary und Co., Berlin NW. 73 Neue Wilhelmstrasse 1. Alle Zahlungen haben den Vermerk zu tragen: Für den Jüdisehen Verlag. Feuilleton- J. G. von Bloch. Der Friedensapostel, den gestern nachts der jähe Tod über die Ausgangsschwelle des Erdenlebens geführt hat, Johann Gottlieb von Bloch, ist mehr als ein Haute-Financier und Gross-Industrieller gewesen. Ein Stück Judengeschichte sinkt mit ihm ins Grab, eine der Figuren verschwindet, die nicht weniger kennzeichnend für eine Epoche sind als jene Allergrössten, die neue Pforten der Entwicklung erschliessen und den Strom in das von ihnen gewollte Bett zwingen. Wie an einem Wetterglase konnte an den Phasen der wechselnden Geschicke, die Johann von Bloch in einem halben Jahrhundert durchlebt hat, der Umwandlungsprocess abgelesen werden, den die Oberschicht des jüdischen Assimilantenthums in diesem denkwürdigen Jahrhundert durchlebt hat. Ein jüdischer Streber in den Fünfzigerjahren, ein internationaler Friedenspionnier am Ende seiner Laufbahn, das kennzeichnet nicht nur die Häutungen, die dieses geniale Individuum auf der langen Strecke vom Jünglings- bis zum Greisenalter durchgemacht hat, sondern über die individuelle Erscheinung hinaus auch die Umprägung der jüdischen Talente, des jüdischen Könnens und Schaffens, welches ohne nationale Grundlage zum Wechsel des „Bekenntnisses» zwang und damit in das fremde Gulturleben eintrat. Nicht bei allen Individuen des Ghetto-Exodus vollzog sich der Uebergang vpm jüdischen Autodidakten und Selfmademan zu einer kosmopolitischen Capacität, wie bei dem praktischen, hochbegabten und ausserordentlich arbeitstüchtigen Bloch, aber im wesentlichen sind die Individuen, auch die unbedeutenden, dennoch dem Zuge gefolgt, der das „Jüngel" aus Radom zur schwindelnden Höhe des Weltbürgerthums geführt hat. Die Anpassungsfähigkeit, die im ganzen Assimilationsprocess eine hervorragende Rolle gespielt hat, ist das Charakteristische bei dem Dahingeschiedenen, der bei aller Gründlichkeit einer mühsnni erworbenen, autodidaktischen Bildung doch im grossen und ganzen ein Mann der Praxis gewesen ist Dem praktischen Wirtschaftsleben gehört sein erstes Wirken und Denken an, nicht den Theorien und Ideen. Er hat als Bahnbau-ünternehmer Bahnen gebaut, als Industrieller und Kaufmann ein grosses, blühendes Geschäft begründet und geleitet, als Mitglied des Sachverständigen-Gomites des russischen Finanzministeriums zahlreiche Reformen durchgeführt, die epochemachend für die Entwicklung der Landesindustrie geworden sind. Als Bürger Polens hat er sich viel mehr mit den praktischen Fragen des wirtschaftlichen Lebens befasst, als in den Kampf der Theorien und der Schlagwörter, den die Parteien führten, eingegriffen. Doch nach echt jüdischer Art das „Lernen" liebend und nach Wissen haschend, wie einer der „Gwirim" vom alten Schlage, die, nachdem sie reich geworden, es sich angelegen s^in Hessen, das Studium zu pflegen und in einem edlen Dilettantismus an literarischer Arbeit sich zu versuchen, begründete Bloch in der Mitte seiner imposanten Geschäftsräume an der Ecke der Königs- und Marschallstrasse in Warschau sein statistisch-wissenschaftliches Bureau, wo er sich von den Strömungen und Gegenströmungen polnischer Parteipolitik fernehiolt und sich auf die geräuschlosere ThMigkeit in seinem Arbeitskreise beschränkte. Er gruppierte um sich bedeutende polnische Schriftsteller und Publicisten, und der Einfluss, den er auf das öconomische Leben ausübte, war darum nicht minder wichtig. Namentlich in Warschauer und Petersburger Börsen und Banken konnte Bloch als einer der leitenden Geister betrachtet werden. Seine geschickte Hand wusste die Gegensätze der Interessen urter Industriellen und Landwirten immer auszugleichen. Er blieb „der kluge Jude", den man desto höher schätzen musste, Je näher man ihn kannte. Einecht jüdischcr Typus, ein durchgeistigtes, mildes, herzlich gutes Gesicht, eine hohe Lamden-Stirn, klug dreinschauende Augen, in seiner Jugend etwas „chic", aber „auf die alten Tage" das Aeusserliche abgestreift und das Innere, das Natürliche wieder hervorgekehrt; Sprache. Stil, Gedankengang, Geschmacksrichtung — jüdisch, human — jüdisch, geistvoll, ruhig, gemessen, taktvoll, aber — jüdisch! Ein alter, kluger, guter Judenmensch. Man war fast versucht, ihn „Onkel44 zu nennen. Und die Biographie? Die alte Geschichte, die „ewigneubleibt". Ein Judenjunge, geboren vor 67 Jahren in Radom. Sein Vater war ein Lomzaer Jude, Färber von Beruf. Er neigte ein wenig zum „Heutig- W eltigen", d. h. zum Forschritt, schrieb gut hebräisch, trug den Kaftan etwas kürzer als seine Zeitgenossen; mit einem \Yrort: ma skilisch angehaucht. Er ernährte sich und seine Familie kümmerlich von seinem Ffandwerk, färbte T ali t h im, arbeitete für die jüdische Greisenanstalt, als er vor ungefähr 50 Jahren nach Warschau übersiedelte. Der junge Johann—natürlich hiess er damals noch nicht Johann — besuchte in seimm frühesten Kindesjahren dasCheder. Es heisst, er soll schon damals durch seine grosse Fähigkeiten den Bebbe in Staunen versetzt haben. Er lernte auch ausserhalb des Gheders die Landessprache, Rechnen, Geographie etc. unter der Leitung seines Vaters. Dass Bloch das Gymnasium absolviert habe, ist den Notizenschreibern in den polnischen Zeitungen genehm, aber nicht richtig. In sehr jungem Alter trat er als Schreibergehilfte in das Studio des jüdischen Privat-Rechtsanwalts Robinson ein, wo er einige Jahre arbeitete. Nachher bekam er eine Stellung im Bankhause Teplitz, dann gieng er nach Petersburg, wo er, vom General Tysenhaus begünstigt, inzwischen

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