Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Lemberger Brief
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 Die & Welt Nr. 4 Lemberger Brie! (Üriginal-Correspondenz der „Welt",) Wie gewaltthätig und unduldsam uas»T« „liberal"- assimilatorischen Gemeindegrössen oft vorgehen, das zeigte sich jüngt wieder einmal grell aus Anlass der Berathungen im Lemberger Cultusvorstand«, de die Aenoerung des Gemeindestatuts zum Gegenstände hatten. An der Spitze des Lemberger Cultusrathes steht bekanntlich seit circa zehn Jahren der treue Diener der Schiachta Herr Dr. Emil Byk. Dieser Mann hat sich mit einer willfährigen „fortschrittlichen" Clique umgeben, die seinen Wünschen blindlings gehorcht und es verstanden hat, die conservativen Elemente — die die Majorität der Gemeinde bilden — durch allerlei Mittel und Mittelchen von der Mitarbeit an der Leitung urtd Verwaltung der Gemeinde gänzlich zu verdrängen. So kam es, dass im Jahre 1890, als infolge des R^ichsgesetzes, betreffend die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden, die Schaffang eines neuen Gemeindestatuts auch für unsere Gemeinde nothwendig wurde, der von Dr. Byk « ingebrachte Entwurf trotz des entschiedenen Widerspruches der Conservativen der Gemeinde förmlich octroyiert wurde. Natürlich genehmigte die galizische Statthalterei das Statut d^s Herrn Dr. Byk ohne Rücksicht auf die wiederholten Beschwerden und Recurse der Conservativen. Allein diese gaben sich nicht zufrieden und appellierten an das Cultusministerium. welches denn auch anordnete, dass dieCultusgemeinde Lemberg das Statut mit Berücksichtigung der von den conservativen Beschwerdeführern vorgebrachten Gravamina ändere. Der Cultusvorstand sah sich nun gezwungen, für den 8. d. M. das zur Aenderung des Gemeindestatuts competente Collegium einzuberufen und einzelne Modifikationen des Statuts vorzuschlagen. Dabei hielt er sich aber nicht an die Weisungen des Ministeriums, sondern suchte nur solche Aenderungen vorzunehmen, die für seinen Besitzstand — denn nur darum handelt es sich den Herren — ungefähr lich sind oder gar zu dessen Festigung und zur dauernden Knebelung des conservativen Elementes geeignet erscheinen. Das grosse Wort führte bei der Sitzung wieder der Urheber des ersten Statutenentwurfes, Herr Dr. Byk. Alles, was er vorschlug, wurde mit ganz verschwindenden Ausnahmen fast ohne Debatte angenommen. Als besonders gravarninös empfinden die Conservativen die Bestimmungen über die Wahl des conservativen Rabbiners — Bestimmungen, die auch in dieser, ausschliesslich die Conservativen ansehenden Sache die entscheidende Macht der „fortschrittlichen" Clique in die Hände spielt, so dass die Absurdität entstehen könnte, dass der conservative Rabbiner ohne Rücksicht auf die Wünsche der Conservativen von der fortschrittlichen Byk- Fartei gewählt würde. Der bei der Sitzung anlesende orthodoxe Rabbiner Schmelkes — gewiss kein grosser Oppositionsmann — erklärte denn auch ganz offen, er würde, falls die hierauf bezüglichen Anträge des Referent n angenommen werden sollten, dagegen recurrieren. Tiotzdem liess Dr. Byk nicht locker, ja er wartete sogar dem unhotmässigen Rabbiner, als einer „vom Cultusrathe angestellten Amtsperson", mit Vorwürfen und Drohungen auf. Die gefügigen Fortschrittsmänner erhoben die Vorschläge Doctor Byks — die, wie gesagt, eine unerhörte Vergewaltigung der Conservativen enthalten — zum Beschlüsse. Nach dieser Heldenthat leistete sich Herr Dr. Byk noch ein Extra-Stücklein. Er liess nämlich dem Cultusvorstand e durch das Statutenänderungs-Collegium, welches in seiner Mehrheit aus Mitgliedern eben des Cultusvorstandes zusammengesetzt ist, Vertrauen und Dank votieren. Diese lächerliche Selbstbeweihräucherung bietet im Vereine mit dem oben geschilderten gewaltthätigen Vorgehen einer sich „liberal* nennenden Cultusgemeinde-Vertretung einen neuen lehrreichen Beitrag zu dem in Ihrem geschätzten Blatte schon öfter behandelten Capitel von der Psychologie der jüdischen Gemeindestuben. Z. Der Judenzoll und die jüdische Wohlthätigkeit in Ungarn. Von Dr. J. Rönai (Bala/.sfalva) (Schluss-Artikel.*) Noch bei Beginn des im vorigen Artikel erwähnten Briefwechsels veranstalteten meine Angehörigen eine Geldsammlung, wobei die Aermsten unserer Gemeinde tief gekränkt waren, wenn *) Vergleiche Nr, 41 und 43 der „Welt" vom vorigen Jahre. es übersehen wurde, auch von ihnen die Beisteuer abzufordern. Andererseits machten wir auch sehr traurige Erfahrungen. In der Geburtsstadt meiner Frau ist ein grosser Theil der jüdischen Gemeinde orthodox gesinnt. Die andersgesinnten (neologen) Juden sind den Orthodoxen, wo diese immer wohnen mögenso gehässig, dass sie, als sie erfuhren, ich würde die Gelder an den Kronstädter orthodoxen Rabbiner, Albert Wezel einsenden, in schäumende Wuth geriethen darüber, dass ein orthodoxer Rabbiner es wagen könne, sich im die Angelegenheit zu mengen. Der «Vorsteher derselben Gemeinde versprach, in den nächsten Tagen von der Gemeindecassa und dem Frauenverein ansehnliche Beträge für die Emigranten zu spenden. Wenn ich gut unterrichtet bin, wurde das Versprechen eingelöst, aber — nicht an die orthodoxe Sammelstelle. In Hermannstadt (Nayszeben), wo die Juden zum grössten Theile zionistisch gesinnt sind, wurden ausser den bereits früher von den Einzelnen zusammenhanglos gebrachten Opfern durch eine Collecte 1H0 Kronen aufgebracht. Doch als man im Begriffe war, diese nach Budapest einzusenden, war dort die grosse Action endgiltig geschlossen und es wurden keine Gelder mehr entgegengenommen. Infolge dessen wurden die 140 Kronen der eigenen Chewra Kadischah zugeführt . . . Auch die Klausenburger Zionisten und sicherlich auch die Mitglieder des grössten ungarischen Zionsvereins, des „Ahawath Zion" in Pressburg sammt allen übrigen Zionisten des Landes haben es nicht verabsäumt, sich mittel- oder unmittelbar an der Hilfsaction für die rumänischen Juden bis zur Selbstaufopferung zu betheiligen. Was sich in Budapest zugetragen hat. ist aus den Tagesblättern bekannt. Trotzdem müssen wir einige markante Züge hervorheben, die uns noch lange viel zu denken geben werden. Als die nach Budapest anlangenden Massen sich anhäuften, sah ich die Pester Cultusgemeinde gezwungen, denselben die allernöthigste Hilfe zu gewähren. Man war unschlüssig. Einerseits fürchtete man, durch zu grosse Mildthätigkeit die Emigranten anzulocken und sich vor den Christen dem Verdachte der jüdischen Solidarität a uszusetzen; anderereits durfte man nicht den Vorwurf der Unmenschlichkeit provocieren und musste trachten, die unheimlichen Massen mittelst Unterstützung los zu werden. Noch am 1. Juli musste „Egyenlöseg" seine eigene Gemeinde und die Verwaltungsbehörden, welche die vom Ministerpräsidenten geschaffenen Instructionen „nicht ausführen konnten oder wollten", eindringlichst beruhigen, dass sich die Auswanderer durchaus nicht in Ungarn niederlassen wollen. Die Gemeinde opferte ziemlich viel Geld, war aber ängstlich bemüht, incognito zu bleiben, hielt sich lange in Schussweite und war bloss durch ihren wackeren Beamten Armin Rosner vertreten, dem sich nebst dem Redacteur des „Egyenlöseg" die Privaten Lebovitsch, Goldmann und andere Opferwillige anschlössen. Am 15. Juli klagt .,Egyeneöseg", dass es unmöglich erseheint, die „mit elementarer Gewalt in Fluss gerathene Auswanderung zum Stillstand zu bringen, da die. Leute auch ohne Nahrung und Fahrbillets ihren Weg unaufhaltsam fortsetzen, ihre boyeottierten Werkstätten und Geschäfte preisgebend — ja, dass auch viele reiche Juden mitziehen. Aber, wie unmöglich es auch selieinen sollte, dem Strom muss um jeden Preis Einhalt gethan und durch unsere leitenden Persönlichheiten bei der Regierung die Grenzsperre encirkt werden." Man müsse den Emigranten zu Gern iithe führen, dass sie sich selbt in Gefahr stürzen und ihre ausländischen Glaubensgenossen in die heikelste Situation versetzen (!), sie sollen also zurückkehren und noch eine Zeitlang leiden und dulden; müssten sie dann trotzdem auswandern, so hätten sie dazu auch später Zeit genug.16 Nun folgte eine Schilderung der grässlichen Leiden der Juden in Rumänien und endet mit der Vertröstung, dass derlei unter dem Minister Carp doch nicht mehr vorkommen werde. Dann heisst es: «Bis sie Beschäftigung finden, geben wir ihnen Brot!" Die Nr. v. 22. Juli bringt sympathische Scenen aus dem Lager der Emigranten, ferner eine Entschuldigung der in seiner vorigen Nummer scharf gerügten Wiener Allianz; — dann unter den Neuigkeiten die Bemerkung, es sei „erhebend zu sehen, was die hauptstädtischen Juden leisten, und zwar zumeist die kleineren und mittleren Existenzen, da die Wohlhabenderen nicht zuhause sind". Zu guterletzt folgt ein Ausfall gegen — den vierten Zionistencongress und „Die Welt". Am 12. August wird unter dem Titel „Bar Kozeba" ein widerwärtiger Artikel losgelassen, der mit dreister Unwahrhaftigkeit den Zionismus und dessen Wortführer für den Ausbruch der rumänischen Emigration verantwortlich machen will und sie in dumpf-süsslich-gleissnerischer Weise dringend ermahnt, das Sündenbekenntnis: „AI ehet schechotonu" und „Kaper lonu" zu beten. Am 19. August wird eine angebliche Beichte des Rabbiners Chajim Löbel aus Piatra zum Besten gegeben, der, „so lange er nur Reden halten wollte, nach Basel gezogen, wenn er aber etwas anderes haben loollte (versteht sich in selbstloser Weise!), nach