Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Die Gesetzestreuen kommen
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die s£ Welt" Nr. 4 lichkeit des religiösen Judenthums folgt nach meiner bestimmten Ueberzeugung zweifelsohne der Uebergang zu dem nationalen Judenthum." „Der Indifferentismus im Judenthum ist durch den Zionismus in einer ganz bedeutenden Weise bekämpft worden." „Die Frage, ob gesetzestreu oder nicht, scheint mir ganz müssig, im Augenblick zu erörtern. — Wenn wir für Millionen von Glaubensgenossen, die jetzt unter unmöglichen Verhältnissen ihr Leben dahinbringen, die dahinkeUchen unter der schweren Bürde, die auf ihnen lastet, eine bessere Lebensstellung erstreben, wenn diese Personen eine rechtlich gesicherte Stätte dort haben, wohin sie die Sehnsucht ihres Glaubens zieht, so werden sie von selbst ganz andere Juden sein können und sein wollen, als wie sie es vielfach heute sind." „Nach der Theorie jener Leute hätten wir also auch nicht das Recht, für die Bedürfnisse des täglichen Lebens zu arbeiten, sondern uns in unserem Gottvertrauen zu verlassen auf das, was uns der Allvater ohne unser Zuthun zuweist. So hat das Judenthum nie und nimmer sein Gottvertrauen aufgefasst, sondern im Gegentheil, gerade aus dem Gott vertrau er» schöpfte es den Muth zu arbeiten." „Das Thun wird bei uns Juden immer in den Vordergrund gesetzt." „Sollten wir nichts thun dürfen zur Erreichung desjenigen Zieles, welches uns in unserer ganzen geschichtlichen Entwicklung, welches uns in unserer ganzen religiösen Auffassung stets vorschwebt?" „Man muss thun, so sagte mir auf dem Congresse der ehrwürdige Rabbiner Rabinowitz aus Sopozkin, der mir versicherte, dass er gegen 250 Zuschritten von russischen Rabbinern strengster religiöser Observanz erhalten habe, welche sich alle für den Zionismus aussprechen." „Dies als Beitrag zu der Idee des Zionismus, wobei man es nur bedauern kann, dass diese Idee, die so klar, so selbstverständlich für einen jeden Juden sein muss, der sein Judenthum liebt, immer wieder von neuem begründet werden muss." Zur Aufklärung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Unter dem Titel „Jüdische Streitfragen" ist vor einiger Zeit in der „Kölnischen Zeitung" eine Notiz erschienen, deren Inhalt in einer früheren Nummer der „Israelitischen Rundschau" bereits wiedergegeben ist. In einer Zuschrift an die „Kölnische Zeitung*1 erklärte der Vorsitzende des Rabbinerverbandes Herr Rabbiner Dr. May bäum, „der Inhalt dieser Notiz sei von Anfang bis zu Ende erfunden*, und warnte gleichzeitig die „Kölnische Zeitung" davor, Nachrichten über den deutschen Rabbiner-Verband, die von zionistischer Seite kommen sollten, zu trauen. Ob diese letztere Verdächtigung geschmackvoll war, lassen wir dahingestellt. Nachdem aber der Vorwurf der Unwahrhaftigkeit gegen die Zionisten erhoben worden ist, nehmen wir Veranlassung, den Sachverhalt vollständig aufzuklären. Hierzu haben wir eine umso dringendere Ursache, nachdem Herr Dr. Martin S chreiner in Nr. c2 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" eine Erklärung erlässt, deren Gewundenheit nur dazu dienen kann, den wirklichen Sachverhalt zu verwirren. Am 7. December v. J. gelangte an das Central- Comite der „Zionistischen Vereinigung* ein Schreiben folgenden Inhaltes : An das Cent räl-Co mite der „Zionistischen Vereinigung für D e u t s c h 1 a n d". Als National-jüdischer Verein der Hörer an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums zu Berlin halten wir uns für verpflichtet, das Central-Comite der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" auf Schritte aufmerksam zu machen, die der „Deutsche Rabbiner- Verband" bei der preussischen Regierung in allernächster Zeit zu unternehmen gedenkt und welche geeignet sind, den national-jüdischen und zionistischen Gedanken, sowie seine Anhänger blosszustellen. Man beabsichtigt nämlich, bei der Regierung eine Eingabe zu machen ungefähr folgenden Inhaltes: a) Die mosaische Confession solle mit den anderen Confessionen in jeder Beziehung politisch und religiös gleichgestellt sein. b) Demzufolge sollen die Rabbiner von Staats wegen angestellt, ihr Gehalt staatlieh garantiert und sie auch vom Staate pensioniert werden. . c) Die Gemeindeverwaltung soll in engster Beziehung zum Cultusministerium stehen, wie dies in Württemberg und Baden der Fall ist. Diese Forderungen sind an sich wohl ebenso einwandfrei als berechtigt Die Gefahr jedoch liegt in der Begründung dieser Ansprüche, welche folgen dermassen lauten soll» a) Die Juden sind nichts als eine religiöse Gemeinschaft, und als solche haben sie das Recht, die staatliche Gleichstellung mit den anderen Confessionen zu fordern. b) Wären die Juden eine Nation, so hätten sie darauf keinen Anspruch. c) Dass die Juden in der That nichts sind als eine religiöse Gemeinschaft, soll unter anderem durch die Autorität eines in den nächsten 14 Tagen erscheinenden apologetisch-polemischen W erkes d es Herrn Dr. Martin Schreiner behauptet werden. Wir können für den genauen Wortlaut nicht aufkommen, für die Thatsache aber bürgen wir. Wir bitten Sie, unsere Namen bei der eventuellen Veröffentlichung dieser Zeilen nur zu nennen, wenn es im Interesse der Sache absolut nothwendig ist Hochachtungsvoll Der Vorstand. I. A : gez. Dr. Max Schlesinger, gez. Emil Cohn. - gez. Gotthold Weil. Gleich darauf erhielten wir von anderen zuverlässiger Seite, ebenfalls aus Berlin, eine Bestätigung dieser Mittheilung, welche sich vollständig mit dem Inhalte der in der „Kölnischen Zeitung" erschienenen Notiz deckte. Als dann in der „Kölnischen Zeitung" das nach diesen Mittheilungen für uns völlig unverständliche Dementi von Herrn Dr. May bäum erschien, wandten wir uns an unsere Vertrauensmänner in Berlin und erhielten auf deren Vorstellung von dem Vorstande des National-jüdischen Hörervereines an der Lehranstalt des Judenthums folgende Mittheilung: Berlin, 18. December 1901. Sehr geehrter Herr Doctor! Wir halten alles aufrecht, was wir Ihnen mitgetheilt haben. Unsere Nachrichten stammen sammt und sonders von unserem Docenten Herrn Dr. Martin Schreiner, der sie mehreren seiner Schüler mitgetheilt hat. Als wir vor circa zwei Wochen von der Gründung unseres Natinal-jüdischen Vereines an der Lehranstalt dem Lehrer-Collegium Mittheilung machten, sagte uns Doctor S c h r e i n e r, dass das Herrn Dr. M a y b a u m und dem Rabbiner-Verband einen furchtbaren Strich durch die Rechnung machen werde, insofern als dieser demnächst die genannte Eingabe machen werde. Dieselben Aesserungen hat er zu wiederholtenmalen ausführlich ausgesprochen und hinzugefügt, dass auf der jüngst in Baden-Baden stattgefundenen Vorstandssitzurg des Rabbiner - Verbandes auch hierüber verhandelt worden sei. Bedenken Sie, dass Herr Maybau m, der Vorsitzende des Rabbiner-Verband es, und Herr Dr. S c h r e i n e r in einem und demselben Lehrer-Collegium sitzen und dass nach Angabe des Herrn Dr. Schreiner sein eigenes Buch als eine wissenschaftliche Begründung der Rabbiner-Eingabe dienen soll, so werden Sie begreifen, dass wir keinen Augenblick an der Authenticität des von ihm Mitgetheilten zweifeln konnten.