Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Deutsche Unternehmungen in Palästina
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 4 Die weitausschaüende und wichtige Culturarbeit, welche von der Deutschen Bank mit dem Bau der anatolischen Eisenbahn in der Türkei eingeleitet worden ist, kann nur dann auf vollen Erfolg rechnen, wenn sie wirtschaftliche Unternehmungen aller Art in grossem Umfangenach sich zieht, wie sie deren Voraussetzung ist. Es istjdie Plicht der deutschen Geschäftswelt wie der deutschen Politik; darüber zu wachen, dass dem Deutschen Reiche der ihm gebürende Antheil an dem sich vorbereitenden Aufschwung rechtzeitig sicher gestellt werde. Dass dabei der Gedanke an politische Eroberungen nicht mitspricht, ist wohl selbstverständlich, im Gegentheile sollen alle solche Unternehmungen zur Stärkung des uns befreundeten ottomanischen Reiches dienen. Der deutsche Unternehmungsgeist muss sich aber auf die vielgestaltigen und grossen Aufgaben, die seiner in der Levante harren, schon heute rüsten. Besonders unter diesem Gesichtspunkte ist das Unternehmen der Palästina-Bank und sind ihre ferneren Pläne mit Genegthuung zu begrüssen. Deutschland muss auf dem Platze sein und eine feste Stellung innehaben, wenn unter der Wirkung des neuen grossen Verkehrsunternehmens neues Blut durch die Adern des mesopotamischen Wirtschafesgebietes und seiner Vorländer zu rinnen beginnt. Dazu mitzuhelfen, dürfte in eminentem Sinne auoh in den Aufgabenkreis der Deutschen Colonial- Gesellschaft fallen, die ihr Programm nicht durch die Fürsorge für die eigentlichen Schutzgebiete als erfüllt betrachten kann, sondern sich bewusst ist, dass ihre Thätigkeit überall da einzusetzen hat, wo wirtschaftliche Aufgaben einer Lösung in deutsch-nationalem Sinne entgegenharren. A. S. Nur nicht jüdisch. Die Wiener „Chewra Kadischah" hat sich entschlossen, das Beispiel, das in anderen Städten — besonders in Budapest — gegeben wurde und sich glänzend bewährt hat, nachzuahmen und bestimmt, die sinnlos verausgabten Kranzspenden durch für wohlthätige Zwecke bestimmten Kranz - Ablösungsspenden zu ersetzen. Ein sehr löbliches Beginnen! Ein Wiener Blatt brachte am Donnerstag das erste Verzeichnis der Kranz-Ablösungsspenden. Dem grossen jüdischen und nicht-jüdischen Lesepublicum wird es wohl unmöglich sein, die Herkunft dieser Kranz- Ablösungsspenden zu errathen. Denn die „Chewra Kadischah" erschien unter dem Pseudonym „Verein für fromme und wohlthätige Stiftungen". Wer wohl diese glänzende Ueberselzung sich geleistet haben mag? Im ganzen Verzeichnisse ist übrigens nicht ein einzigesmal das Wort „jüdisch" oder „israelitisch" vorgekommen. Druckfehler-Berichtigung. In den Bericht über die General-Versammlung des Jewish Colonial Trußt in unserer vorigen Nummer haben sich einige Druckfehler eingeschlichen. Es soll heissen auf Seite 8, 1. Spalte, 13. Zeile von unten, statt „30. November 1901", richtig ,31. December 1900", in derselben Spalte, 10. Zeile von unten ist die richtige Ziffer „188, 193, 7, 10*. Endlich soll es auch auf derselben Seite, iL Spalte, 15. Zeile von oben statt „31. December 1901" richtig heissen „30. November 1901." Jüdische Siedlungen. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. (Schluss.) *) Diesem fundamentalen Unterschiede entspricht ein ebenso fundamentaler Unterschied zwischen der industriellen und der landwirtschaftlichen Productiv-Genossenschaft. Die drei Klippen, an denen wir die ersten scheitern sahen, existieren *) Vgl. Nr. 50, 51 und 52 der „Welt". für die zweite nicht. Sie braucht für ihren Beginn keinerlei Personaleredit, sondern nur Realcredit. Sie braucht bei Zuwachs neuer Genossen keinen Zuwachscredit, da sie weder die Werkstätten erweitern., noch neue Maschinen anschaffen, noch neue Rohstoffe einkaufen muss. Sie steht in keinem Kampf um den Absatz, denn es gibt keinen solchen um die grossen Weltrnarkts-Urproducte. WTenn die industrielle Genossenschaft neue Mitglieder gewinnt, so wird sie gezwungen, ihren Betrieb auf immer höherer capitalistischer Scala einzurichten und wächst dadurch immer mehr aus der relativen Concurrenzfreiheit des Kunstgewerbes in den wüthenden Concurrenzka,mpf um die industriellen Weltmarktsproducte hinein; umgekehrt wächst die landwirtschaftliche Productiv- Genossenschaft immer mehr aus dem Weltmärkte heraus, je mehr .Genossen ihr beitreten; denn umso intensiver wird ihr Betrieb, und der landwirtschaftliche Betrieb produziert, je intensiver; umsoniehr Waren mit Liebhaberpreis für Localmärkte: „veredelte" Producte. Und das Gleiche gilt für die Disciplin; je mehr Mitglieder die industrielle Genossenschaft hat, umso schwieriger wird die Disciplin, weil sie immer s u b ordiniert werden müssen, in der Landwirtschaft werden sie aber umsomehr c o ordiniert, je mehr Arbeitskräfte die gleiche Landfläche bestellen, und je intensiver daher der Betrieb ist. Schliesslich unterliegt die landwirtschaftliche P.roduptiv- Genossenschaff nicht dem „Gesetze der Transformation". Dieses erstreckt sich ausschliesslich auf die von mir so genannten „Verkäufer-Genossenschaften", Genossenschaften (kapitalistischer Verkäufer, die ich jetzt „disharmonische" Genossensehaften nennen würde; es erstreckt sich aber nicht auf die von mir so genannten Genossenschaften der Käufer-Verkäufer, die ich heute „harmonische" nennen würde. Und eine Genossenschaft der letzten Art ist zweifelsohne die landwirtschaftliche Productiv-Genossenschaft, während die industrielle den Typus der disharmonischen darstellt.7) Ich muss mir an dieser Stelle versagen, die ausserordentlich subtile Analyse der collectiven Wirtschaftspsychologie hier zu wiederholen, die mir diese Ergebnisse gezeitigt hat. Jedenfalls glaube ich berechtigt zu sein, auf Grund dieser geschichtlichen und theoretischen Peststellungen der von mir geplanten Form der Organisation die günstigste Prognose zu stellen. Freilich wird erst das definitive Experiment die letzten Einwände der theoretischen Gegner zum Schweigen bringen können, die sich charakteristischerweise ausschliesslich im Lager derer befinden, die weder von der Landwirtschaft, noch von der Genossenschaft das Mindeste verstehen. Facta loquuntur! Von diesen Einwänden ist der wichtigste der folgende: Zugegeben, dass die Siedlungs-Genossenschaft gedeihen wird, so wird sie gerade durch ihr Gedeihen alle Instincte des Classenstaates, der durch sie bedrohten Classeninteressen, gegen sich aufbringen; und das umso schlimmer, wenn meine Voraussage sicli bestätigen sollte, dass eine derartige Genossenschaft zerstörend auf die capitalistische Rente ihrer Umgebung einwirkt, lediglich durch den Umstand, dass sie ihr Arbeitskräfte entzieht, und sie zwingt, höhere Löhne für die gleiche Leistung zu bezahlen. Das wird sieh kein Staat gefallen lassen, der ja bekanntlich regelmässig nichts anderes darstellt, als den Ausschuss der herrschenden Classe. Dieser Einwand hat, wie gesagt, seine Berechtigung. Ich halte es durchaus für möglich, sogar für wahrscheinlich, dass etwa in Russland, vielleicht auch in Deutschland, der Staat jedes irgendwie mögliche Mittel versuchen wird, um eine Siedlungs-Genossenschaft zu zermalmen, wenn ihre fermentative Eigenschaft sich mit ihrer Blüte immer deutlicher herausstellt. In Russland möchte es wohl auch glücken, in Deutschland vielleicht schon nicht mehr. Wenigstens hat eine polnische Colonialgesellschaft dem preussischen Staate ad oculos demonstriert, dass alle administrativen Chicanen an der genossenschaftlichen Siedlung machtlos abprallen. In England und der Schweiz, in Holland und Frankreich hat der Staat sicherlich" nicht mehr die Macht, eine rein genossensehaft- 7) Vergl. dazu mein „Grossgrundeigenthum und sociale Frage", Berlin 1S98, Seite 138 f. und meinen Aufsatz „Käufer- Verkäufer", SchinoUers Jahrbücher, Oetoberheft 1900. .