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Die Welt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-01-17
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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„Die & Welt" Seite 15 „Was soll er beginnen? Er war Professor an einem Gymnasium, dabei aber stets kränklich, und als ihm die Füsse den Dienst völlig versaglen und er die grosse Erbschaft machte, liess er sich pensionieren und zog hierher. Nun beschäftigt er sich mit seiuer Geschichte der Verfolgung der Juden, und dann ertheilt er seiner Nichte Unterricht. Sie soll schon so gebildet sein wie ein kleiner Professor; freilich darf ihr Vater nichts davon ahnen, denn es würde ihr schlecht ergehen." „Weil sie gebildet ist?" „Du kennst eben Reb Salme Goldner nicht. Er ist der frommste Mann in der Gemeinde, seine Frömmigkeit ist grösser als die unseres Rabbiners. Er schläft nicht mehr als fünf Stunden täglich, die übrige Zeit sitzt er rastlos hinter seinen vielen Büchern und lernt. Er hält alle Gebote auf das strengste, fastet jeden Montag und Donnerstag, und behauptet, jede andere Bildung als die jüdische sei eine Sünde. Es würde Mirjam nicht gut ergehen, wenn er wüsste, dass sie deutsche Sprachlehre, Mathematik und Französisch gelernt hat.* „Und sie hält trotzdem bei ihm aus?" „Er ist doch ihr Vater? Nun und dann hat sie den Onkel an der Seite. Der ist ihr Tröster, ihr Freund; zu dem flüchtet sie, wenn ihr Vater zu starrsinnig wird. Und sein Starrsinn ist ziemlich gross. Er lebt in ärmlichen Verhältnissen, obwohl er eine grosse Erbschaft gemacht hat, ebenso wie sein Bruder; aber er berührt sie nicht, denn sie stammt von einem Onkel her, der getauft war." Im Gespräche waren sie heimgelangt. Es war Mittag geworden, allein man durfte sich nicht zu Tische begeben, denn die Grossmutter war noch nicht daheim. Am Samstag, nachdem sie die Synagoge verlassen, stattete sie ihren Verwandten und Freundinnen Besuche ab; dann erst kam sie nachhause. Und keiner hätte es gewagt, die Ehrerbietung, die man ihr schuldete, zu verletzen, und in ihrer Abwesenheit mit der Mahlzeit zu beginnen. (Fortsetzung folgt.) Ahasver in „Franzla". Schauspiel in 4 Acten von Otto Fuchs-Talab.*) III. Act. I. Scene, {(Zimmer des Othmar König,) Othmar (allein; er trägt Stück \im Stück seiner Effecten aus dem offenen Kasten nach, einem Kofferchen, das auf zwei Stühlen steht. Es klopft) : Herein! Low : (Trägt Hut und ärmliche Kleider) Guten Abend. 0 t h m a r : Ah, Herr Low! Low : Wenn ich störe, so . . . Othm a r; Nein, nein, kommen Sie nur. Ich packe gerade meine sieben Sachen ein. Das ist gleich geschehen. Sie sind mir sehr willkommen, ich hin heute in trauriger Gesellschaft -mit mir allein. Low : Auf die Gesellschaft werden Sie sich noch mehr einrichten müssen, wenn Sie erst in Wien sind. Dort, unter den vielen Menschen werden Sie sehr, sehr viel allein sein. Othmar : Ah ja, Sie kennen Wien, Sie haben auch dort studiert .„ . . Was seh? ich? Sie haben ja gute Kleider angezogen! L ö w : Ich wäre wirklich in meinem blauen Fabrikskittel gekommmen, aber wie meine Frau gehört hat, dass es so eine Art Abschiedsvisite ist, hat sie mich geheissen, die guten Kleider anzieh'n . . . die guten! (Blickt mit einem wehmiithigen Lächeln an sich herunter.) Also, es ist wirklich Ihr Ernst? Othmar : Mein voller Ernst, Herr Löw. Es heisst jetzt fort von hier. Löw: Fort! Fort! Wenn ich das hör, so kann ich nur sagen: valeat laetitia! Othmar (lächelt und schüttelt den Kopf): Ja, wir haben uns recht aneinander gewöhnt, aber Ihre gute Art wird mit meinem Weggehen nicht verschwinden, die liegt tief in Ihrer Lebensanschauung. *) Der Autor war so liebenswürdig, uns diese Scene seines Stückes „Franzla", das. mit grossem Erfolge vorletzten Freitag im „JosefStädter Theater" (Literarischer Abend) zum erstenmale aufgeführt wurde, zur Verfügung zu stellen. Die Red, L ö w; Glauben Sie? Aber Gott weiss, was für ein Banause der Neue sein wird. Wenn Sie wenigstens die ganzen sechs Wochen hier geblieben wären! Und jetzt, drei Wochen nach der dummen Geschichte ...... Othmar: Ich will vorwärts kommen, die Fabrik ist ja doch nicht mein Weg. . . . Ich fühle die Fähigkeit in mir, doch etwas anderes zu werden als Fabriksschreiber. Löw : Ja, ja, per aspera ad astra! Aber wenn Sie glauben, dass Sie viel Vergnügungen entgegengehen, wenn Sie in Wien studieren werden . . . sechs Jahre . . . als armer Teufel .... Ich hab's durchgemacht . . . studieren und hungern . . . Othmar : Ich bin auf alles gefasst. Uebrigens, lieber ein verhungerter als ein verbummelter Mensch. Löw (niedergeschlagen): Sie haben recht, Gott sei's geklagt. Othmar : Entschuldigen Sie, Herr Löw, ich habe das Wort unbedacht ausgesprochen. Sie werden mir gewiss glauben, dass ich Ihnen damit nicht habe wehe thun wollen. Lö w (reicht ihm die Hand) : Wirklich, Sie verwöhnen mich. Möchte sich ein anderer entschuldigen, wenn er einem alten Juden wehe thut? Und noch ohne Absicht! .. . . Im Gegentheil . . . . Aber ich sehe, ich bin ein gemeiner Egoist geworden. Gerade weil Sie mir so wert sind, müsste ich der erste sein, der sagt: „Gehen Sie mit Gott! Seien Sie muthig und stark auf Ihrem einsamen Wege ad astra! Und wenn sie schwach werden sollten, dann erinnern Sie sich an Jakob Löw . . . denken Sie daran, dass Sie nicht so werden dürfen wie — nebbich Ahasver.'4 O t h m a r : Glauben Sie mir, ich werde oft an die Fabrik und an Sie denken, Herr Löw ... an Ahasver! Jetzt aber seien Sie nicht böse, wenn ich Sie frage, wer Ihnen diesen Namen Ahasver gegeben hat, der doch auf einen so stabilen Menschen wie Sie nicht passt. L ö w : Bin ich stabil? Vielleicht mit meinen alten Füssen.. aber sonst bin ich noch immer auf der Wanderschaft, wie in meiner Jugend, wo ich bei der Kirmess der Seele auch habe dabei sein wollen. Aber man hat mich immer fortgewiesen . .. . Drüben in Königshof, wo das czechische Gymnasium ist, habe ich Tage gegessen und studiert. Othm a r : Tage gegessen? Löw : Ah so, 8ie verstehen nicht diesen t er minus technicus der Ernährung .... Wenn ein armer Judenbub hier in Böhmen studieren will, so bettelt ihm Vater oder Mutter bei sieben Judenfamilien jeden Tag einen Freitisch aus . .. . Ahasver musszeitig wandern lernen . , Also auf dem czechischen Gymnasium habe ich mich mitbegeistert an dem nationalen Gedanken, Ich liebe ■mein schönes Vaterland und hänge daran, wie irgend einer . . . . Aber, wie ich unter den Wölflein habe mit heulen wollen, hat es geheissen: „Co tu chees, zidef * . . . Das war das erste Visum auf meinem Mausierpass für Gleichberechtigung . . . Ich bin gewandert, .... Nach ein paar Jahren habe ich die gleiche Frage von deutschen Lippen geJiört, nur etwas schroffer, und in Verbindung mit einem — liiisselthier. Da bin ich weiter gewandert, mit loeniger Begeisterung, aber mit dem sorgenden Gedanken des Unterschlupfes. Beim Staat habe ich schüchtern angeklopft — der icar sehr Höflich, denn er hat gefragt: Sind Sie noch Israelitt .. . . Und weiter bin ich geioandert, zu Landstädten und Städten, hier und dort3 wegen einer bescheidenen Lehrerstelle «— aber ich habe noch immer keinen Taufschein vorzeigen können, und so bin ich gewandert und gewandert,, wie Ahasver, bis ich mich verirrt und verloren habe in der Wüste des Lebens. (Pause.) Ich bin eben quarta luna natus, unter einem Unglücksstern geboren. Wahrscheinlich unter einem Wandelstern. Othmar: Und trotzdem haben Sie sich so viel Güte bewahrt? Löw : Ich habe verzichtet, auf alles. Und wer. von den Menschen nichts will, kann ihnen gut sein. (Es klopft.)

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