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Die Welt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Article
[Kommentar]
Date
1902-01-17
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 3 „Die # Welt" Seite 13 Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Die bekannte, in Paris erscheinende Zeitschrift „La, Vic JUustrt" hat aus Anlass des fünften Zionistencongresses in Basel eine originelle ,,Judemminmeru herausgegeben, deren textlicher wie illustrativer Tiieil ausschliesslich das Judenthum und was sicli darauf bezieht, zum Gegenstande hat. Obgleich nun das jüdische Volk und dessen ciilturelle Eigenart sich im Kopfe des französischen Schriftstellers, der diese })Judennummer" zusammengestellt hat, recht sonderbar und verzerrt abspiegelt, so limss man doch staunen., wie scharf die charakteristischen Typen und Erscheinungsformen des zeitgenössischen Judenthums gezeichnet und auseinandergehalten sind. Da ist zunächst das reine synagogale Judenthum dargestellt, in seiner ganzen Ehrwürdigkeit und — Leblosigkeit, mit seinen alten Synagogen und neuen Tempeln, mit seinen Rabbinern* Gelehrten und Friedhöfen: da wird ferner das Finanz- und Börs^njudenthuin sannnt seiner sympathischesten Spielart, dein philanthropischen Judenthum, mit Stift und Feder vorgeführt, und endlich wird das eigentliche jüdische Volk, die arbeitenden, zulaiiiftsghiiibigen Scharen des Ostens und deren zionistische Vorkämpfer anschaulich geschildert. Von den Illustrationen sind hervorzuheben: Der betende, mit Tallitli und Tfillin bekleidete marokkanische Jude, die Porträts des Grand-Rabbi Zadoc Kahn und cles Chief-Rabbi Dr. Adler, der ..lernende" russische Rabbiner, der Melamed beim Unterricht {La lecon d'hebreu"), die Darstellung einer Boschneidungsfeier bei portugiesischen Juden nach einem Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, die beiden Juden aus Jerusalem (S. 242), die alte Synagoge in Algier, die Innenansicht der Neuen Synagoge in Berlin, die verschiedenen Synagogenparainente: die Porträts mehrerer Mitglieder der Familie Rothschild und des Baron Hirsch, verschiedene Momentaufnahmen aus dem Leben' und Treiben der Börse: die (Truppe der jüdischen Arbeiter aus Russland, der palästinensischen und der bessarnbischen Kolonisten, das Titelblatt der Jargon Zeitschrift ..Der jüdische Express'* (Je wisch Express*') in Leeds, die Büste Dr. rlerzls u. a. m. — Charakteristisch für das wachsende Ansehen unserer Bewegimg ist. dass, vne bereits oben erwähnt ist, zur Herausgabe dieser „Judennuinmer" der fünfte Zionistencongress als Anlass genommen -wurde. „Gentleman's Magazine" brachtein seinem Jänaerhet'ie einen interessanten Artikel über den „Zionismus" von Doctor S t r a u s s. Dieser sagt wörtlich: „Ich hege nicht den geringsten Zweifel, dass Dr. rlerzls Plan realisierbar ist, wenn es auch Generationen dauern sollte, bis er verwirklicht werden kann. Rom ist auch nicht an einem Tage erbaut worden, and Staaten werden nicht in einer Generation gebildet. Zionismus ist das politische Glaubensbekenntnis der armen verfolgten Juden des Ostens Europas und von all den Juden Westeuropas, Amerikas, Afrikas und Australiens, die ein Herz für ihre niedergetretenen Brüder haben. Die Idee des Zionsmus loderte unter der Asche der Scheiterhaufen, welche die Inquisition aufgerichtet und erlosch nicht unter den Verfolgungen des modernen Antisemitismus. Die Idee wird nicht zur Ruhe gelangen, bis sie die ganze Judenheit zu neuem Leben erweckt hat." Im Decemberhefte des englischen „Journal of Education" lesen wir Folgendes: „England geht erst jetzt där&n,' in seinem Unterrichtswesen jene Grundsätze zur Anerkennung und Ausführung zu bringen, die vor vielen Jahrhunderten schon der jüdischen Nation eigen waren. Ihre Schulen waren die praktische Verwertung der richtigen pädagogischen Principien, die noch vor Christi Geburt Joschuo hen Gambi gelehrt und welche die Grundlage des jüdischnationalen Lebens in seiner grossen Vergangpit war." So spricht ein englisches führendes Blatt auf dem Gebiete der Pädagogie von den alten jüdischen Erziehungsmethoden, die leider bei uns selbst — vergessen sind. In der „Fortnightfy Review" spielt H. G- Wells, der berühmte Verfasser des in der Art Jules Vernes gehaltenen Römanes „Der Kampf der Welten" auf die moderne Judenfrage an und sagt: „Es wird behauptet, dass der Jude ein Parasit am Apparate der Creditwirtschaft ist. Wenn es Parasiten am Creditapparate gibt, so ist es die Aufgabe der Legislative, den Apparat der Creditwirtschaft zu reinigen, nicht aber die Juden einer besonderen Behandlung auszusetzen. Wenn der Jude eine besondere unentschuldbare Tendenz zum socialen Parasitismus haben sollte, und wenn wir den socialen Parasitismus unmöglich machen, so vernichten wir hiermit die Juden. Wenn er aber diese verdamm ens werte Neigung nicht hat, so ist keine Notwendigkeit, den Juden Fesseln anzulegen. WelT-übPOoilt. Unions-Präsident Roosevelt über die amerikanische Einwanderung. Der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten Theodore Roo s-e v e 11 bespricht in seiner ersten Botschaft, nachdem er einige Massregeln zur Bekämpfung der Anarchie auseinandergesetzt, auch die E in w an denings Verhältnisse nach der Union. Er schlägt folgende Lösung des Problems vor: „Ein eigenes Einwanderungsgesetz muss bestimmen, dass sich jeder Einwanderer mit einem Zeugnisse, dem eine gewissenhafte und sorgfältige Prüfung zugrunde gelogt werden müsse, über seine geistige Fähigkeit und Intelligenz, die amerikanischen Institutionen würdigen zu können, ausweise . . . Alle jene Personen, die unter einem bestimmten Verhältnisse ökonomischer Fähigkeit als Mitbewerber mit amerikanischer Arbeit unser industrielles Feld zu betreten suchen, sollen von unseren Küsten aufgeschlossen sein. Es muss ein genügender Beweis persönlicher Capacität sich, so viel verdienen zu können, als man in Amerika zum Leben braucht, erbracht werden, und alle Fremden müssen sich mit einem Anfangscapifeal ausweisen, das geeignet ist, unter amerikanischen Verhältnissen ein neues Leben zu beginnen." Es nimmt Wunder, dass der hochherzige Roosevelt Partei gegen die Analphabeten und Vermögenslosen nimmt, die doch in der Regel durch die Macht der Verhältnisse in Alt-Europa zu den Parias der Gesellschaft geworden sind, und die in der „Neuen Welt" sich und ihre Descendenten emaneipieren wollen. Der Reichthum der „Vereinigten Staaten" besteht in diesen armen und ungebildeten Einwanderern. Die Immigranten der Union repräsentieren einen Wert von vielen Millionen, der in „Menschenmaterial", so abstossend auch das Wort klingt, investiert ist. Die überschüssigen Menschenkräfte Europas sind „lebende Maschinen", welche die „Vereinigten Staaten" als Geschenk erhalten. Ihre Köpfe - und das sind bisweilen die klügsten — erhalten sie noch obendrein. Wenn der Vorschlag Roosevelts zum Gesetze erhoben wird so hat sich die Union selbst ihre eigenen Wurzeln abgegraben. Die jüdische Bevölkerung Russlands. Das centralstatistische Bureau Russlands hat soeben in Petersburg ein interessantes Buch über die Bevölkerung des Czarenreiches publiciert, der die Volkszählung vom Jahre 1897 zugrunde liegt. Es leben in Russland, das 125,668.000 Einwohner zählt, nicht weniger als 5.189.000 Juden, die sieh beim letzten Census gemeldet haben. Die jüdische Bevölkerung bildet also etwas mehr als 4% der Gesammtbevölkerung des Czarenreiches. In einigen Provinzen sind sie auf Einheiten beschränkt, während sie in anderen mehr als 10% der Bevölkerung ausmachen, und zwar in folgenden Provinzen: Grodno 17*28%, Minsk 15-77%, Kowno 13-71%, Volhyn 13-31°/«, Wilna 12-90%, Cherson 12-32%, Podol 12-15%, Kiew 12*03%, Mohilew 11-92%, Witebsk 11*80% und Bessarabien 11*65%. Russland hat wahrlich keinen Grund, diesen arbeitsfähigen und arbeitswilligen ßevölkerungsstock en quantite negligeable zu behandeln. Judentaufen in Ungarn, Laut amtlicher Statistik haben sich im Jahre 1900 auf dem Gebiete Ungarns nicht weniger als 441 Juden taufen lassen. Juden in der französischen Akademie. Unser Stammesgenosse M. B er gs o n, Professor am College de France, ist vorige Woche mit 20 Stimmen gegen 13 (für Frank Brentano) zum Mitgliede der „Acadömie des Sciences Morales et Politiques" in Paris gewählt worden. Er ist der dreizehnte Jude, der Mitglied des Institut de France ist. Unsere Stammesgenossen vertheilen sich folgendermassen :

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